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Der Papst befasst sich an diesem Freitag erstmals direkt mit dem Missbrauchsskandal an katholischen Einrichtungen in Deutschland. Benedikt XVI. empfängt den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, der ihm Bericht erstatten soll.
Die Enthüllungen und Vorwürfe erfassen derweil immer mehr Schulen, Heime und Organisationen, kirchliche wie weltliche.
In Österreich gerieten neben katholischen Schulen am Donnerstag die Wiener Sängerknaben wegen sexueller Übergriffe ins Visier. An der privaten Odenwaldschule in Hessen, im Maristenkloster im niedersächsischen Meppen sowie im ehemaligen DDR-Kinderheim Pretzsch (Sachsen-Anhalt) soll es ebenfalls weitere Fälle gegeben haben.
Für Bischof Zollitsch könnte der Besuch im Vatikan zum Gang nach Canossa werden: Der deutsche Papst reagierte in der Vergangenheit äußerst sensibel auf das Thema und bezeichnete Missbrauch wiederholt als ein unerträgliches Verbrechen. Er hatte sich persönlich des Skandals in den USA angenommen und später auch die irischen Bischöfe wegen der dortigen Probleme nach Rom zitiert. Zollitsch will sich nach seiner Audienz beim Papst vor der Presse äußern.
In zwei Wochen könnte Zollitsch erneut kritische Fragen zu hören bekommen: Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat den Bischof zu einem Treffen am 25. März eingeladen. Dabei soll der Streit um die ihrer Meinung nach mangelhafte Aufarbeitung der Missbrauchsfälle seitens der Kirche beigelegt werden. Die Bischofskonferenz reagierte «überrascht», wie Sprecher Matthias Kopp sagte. Man habe über die Medien von der Einladung erfahren. Zollitsch sei an dem Tag verhindert.
Die Politik lässt bei dem Thema offensichtlich nicht mehr locker. Die Justizministerin will an einem Runden Tisch teilnehmen, bei dem es um die rechtliche Aufarbeitung geht. Geplant ist zudem ein weiterer Runder Tisch, bei dem es vor allem um die Vorbeugung von Missbrauch gehen soll. Auch die Kultusminister der Bundesländer wollen beraten, wie sich sexueller Missbrauch verhindern lässt. Eine Arbeitsgruppe solle ab kommender Woche Empfehlungen erarbeiten. Die evangelische Landeskirche in Württemberg kündigte an, vorsorglich eine Missbrauchskommission einsetzen zu wollen.
Neue Vorwürfe in Bistümern Bamberg und Osnabrück
Am Donnerstag wurden weitere Missbrauchsvorwürfe im Erzbistum Bamberg sowie im Bistum Osnabrück am ehemaligen Internat des Maristenklosters in Meppen bekannt. Dort sei es Ende der 60er Jahre zu sexuellen Übergriffen auf Minderjährige gekommen, teilte der Justiziar des Ordens mit. Neue Vorwürfe gibt es auch gegen Erzieher aus der Vorschule der Regensburger Domspatzen: Ein heute 19-Jähriger berichtete über schikanöse Methoden gegen heimwehkranke Kinder.
Scham und Erschütterung an Odenwaldschule
Die Internatsleiterin der renommierten Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim, Margarita Kaufmann, äußerte sich nach Gesprächen mit früheren Schülern über sexuellen Missbrauch «erschüttert und beschämt». Sie bat öffentlich um Vergebung. Mittlerweile seien 33 Betroffene bekannt, der Zeitraum reiche von 1966 bis 1991. Inzwischen würden acht ehemalige Lehrer verdächtigt. «Die Odenwaldschule hat große Schuld auf sich geladen», sagte die sichtlich bewegte Direktorin.
Missbrauchs-Verdacht in DDR-Kinderheim =
Im Kinderheim Pretzsch bei Wittenberg (Sachsen-Anhalt) soll es zu DDR-Zeiten sexuellen Missbrauch gegeben haben. Die Staatsanwaltschaft prüft die Aussage eines ehemaligen Heimbewohners in der «Leipziger Volkszeitung» vom Donnerstag, wonach er im Zeitraum zwischen 1969 und 1979 zusammen mit weiteren Heim-Kindern missbraucht wurde.
Schikanen und Übergriffe bei Wiener Sängerknaben
Die Enthüllungswelle in Österreich erfasste am Donnerstag die Wiener Sängerknaben. Zwei ehemalige Chormitglieder berichteten der Zeitung «Der Standard» (Freitag) von sexuellen Übergriffen und übertriebenen Disziplinarmaßnahmen in den 60er und 80er Jahren. Es habe eine «Terror- und Angstatmosphäre geherrscht», sagten die heute 33 und 51 Jahre alten Betroffenen.
Der Kardinal und Wiener Erzbischof Christoph Schönborn forderte eine genaue Erforschung der Ursachen für sexuellen Missbrauch in der Kirche. «Dazu gehört die Frage der Priestererziehung genauso wie die Frage nach dem, was in der 68er-Generation mit der sexuellen Revolution geschehen ist. Dazu gehört das Thema Zölibat genauso wie das Thema Persönlichkeitsentwicklung», schrieb er in einem Kommentar für ein Mitarbeitermagazin der Kirche. Man müsse die Opfer vor die Täter stellen und Schuld beim Namen nennen.
Neben den Missbrauchsfällen in Salzburg - wo ein Erzabt zurücktrat - und in Vorarlberg gibt es nun auch Vorwürfe gegen kirchliche Einrichtungen in Oberösterreich und der Steiermark. Es geht dabei um mehr als zwei Dutzend Opfer aus den 70er und 80er Jahren. Einer der beteiligten Priester gab die Vorwürfe in einem Interview mit der Wochenzeitung «Falter» zu: «Ja, es war Missbrauch. Es tut mir furchtbar Leid, aber ich bin seit 25 Jahren clean.»
Von Patrick T. Neumann und Ralf Krüger, dpa (Quelle: Hamburg (dpa/lby))
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