29.08.2010

Boom-Festival als Hippie-Gipfel am «Ende der Welt»

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Alle zwei Jahre steigt in Portugal das Boom-Festival, die wichtigste Trance-Musik-Veranstaltung Europas. (Foto: dpa) Bild vergrößern Die Region Beira Interior in Portugal ist das, was man gemeinhin als Einöde bezeichnet. «Das ist das Ende der Welt, keine Arbeit, keine Menschen, nichts», klagt ein nicht mehr ganz nüchterner Rentner in der Kneipe am sonst verlassenen Hauptplatz der Gemeinde Idanha-a-Nova.

Auf der Suche nach einer Zukunft flieht die Jugend nach Lissabon und ins Ausland, auf den Straßen trifft man vorwiegend Ältere.

Alle zwei Jahre aber, pünktlich zum Vollmond im August, fallen zigtausende exotisch gekleidete Menschen in die 10 000-Seelen-Gemeinde ein. Das Boom-Festival, die wichtigste Trance-Musik-Veranstaltung Europas, ist auch Gipfeltreffen der zeitgenössischen Hippies aus aller Welt.

«Boom ist das Highlight des Festivalkalenders und meine spirituelle Heimat, alle lächeln hier nur immerzu», schwärmt der in London lebende südafrikanische DJ Shane Gobi nach seinem Auftritt bei dem seit 1997 stattfindenden Festival. Hin und weg sind auch die Besucher. «Boom ist ein Spielplatz, auf dem man das innere Kind in sich freilassen kann», erklärt die Inderin Alia. Der 22-jährige Klaus aus Bremen ringt auf die Frage nach der Faszination am Event nach Worten. «Ich sage es so: Eintritt kostet 150 Euro, das ist für einen Studenten wie mich sehr viel Kohle. Aber ich würde auch 1 500 zahlen.»

Das Festival wurde zwar als Psy-Trance-Veranstaltung geboren, öffnete sich aber im Laufe der Jahre nicht nur anderen Underground-Musikrichtungen, sondern auch vielen anderen Bereichen der Künste. Heutzutage reicht die Palette von Malerei und Graffiti über Theater, Video und Kino bis hin zum Skulpturen- und Landschaftsbau. Es gibt Workshops, Konferenzen, Ausstellungen, Beratungszentren und «Healing areas» mit Yoga, Massage, Meditation und vieles mehr. «Das ist alternative Kultur», erklärt Mitorganisator und Pressemann Artur Mendes. Mehr als 400 Künstler nehmen teil. Künstler wie Techno-Mann Marcel Dettmann (43) vom Berliner Club «Berghain».

Damit aber nicht genug. Die «interkulturelle, transgenerationelle und multidisziplinare» Biennale gilt als eines der ökologischsten Musikfestivals der Welt. «Beim Entertainment geht es nicht nur um Spaß, es geht auch darum, Lösungen für die Menschen zu finden», teilt Mendes auf der Festival-Internetseite mit. In den Monaten vor dem Fest wurde an einem Stausee mitten im Nichts 280 Kilometer nordöstlich von Lissabon an der Grenze zu Spanien eine wahre Alternativ-Stadt aus dem Boden gestampft. Ein «psychedelic Village», das sich als «autonome Zone» versteht. Dazu wurden Materialien früherer Boom-Ausgaben recycelt, aber auch von Mainstream-Shows wie «Rock in Rio».

Es gibt modernste Biokompost-Toiletten aus Schweden, dafür ist Plastik tabu. Wind- und Solarenergie nehmen immer mehr Platz ein. Dieses Jahr wurde außerdem Biotechnologie eingesetzt, um das benutzte Trinkwasser mit Hilfe von Wasserpflanzen wieder zu reinigen. Brasilianische Experten des Öko-Institus IPEC bringen ihr Wissen in Sachen der sogenannten Permakultur ein, bei der die Planung der Lebensräume von ethisch basierten Leitsätzen und Prinzipien bestimmt wird. Amerikaner bauen mit Bambus stabil und ökologisch. «Wir haben die wohl größte Biokonstruktionsschau Europas», behauptet Mendes.

Neben den vier Tanzflächen gibt es auf dem riesigen Areal auch Restaurants, Bars und Kinderkrippen, Farben sprühende psychedelische Skulpturen und Installationen. Nirgendwo sind dagegen die sonst allgegenwärtigen Logos der Handy-, Fast-Food- oder Getränkefirmen zu sehen. «Unabhängigkeit ja, Marketing nein», lautet das Motto der Organisatoren. Der Kartenverkauf und sowie die Gastronomie bringen ohnehin genug Geld ein, um die Kosten zu decken und einen Gewinn zu erwirtschaften. Werbung muss und will die Organisationsfirma «Good Mood», die in 45 Ländern 101 «Botschafter» hat, nicht machen.

«Wir wollen keine überlaufene Mainstream-Veranstaltung werden», behaupten die medienscheuen Partner. Deshalb sei die Teilnehmerzahl des zusammen mit dem «After-Boom» im benachbarten Sao Giao bis 30. August laufenden Events auf 26 000 begrenzt worden. Die Polizei versichert derweil, zum Boom seien diesmal 50 000 Menschen gekommen. Darunter gibt es Alt-Hippies, die schon mal auf mehr als 60 oder 70 Frühlinge zurückblicken, aber auch viele Familien mit Kleinkindern.

Die Besucher und Künstler aus mehr als 60 Ländern laufen in der trockenen, staubigen und brütend heißen Beira in Birkenstock-Sandalen und barfuß herum, tragen oft Rastamähnen, Aladinhosen, Batik und ab zu auch mal kunterbunte Körperbemalungen. Die erzkonservativen Bewohner Idanhas, darunter die vielen ganz in schwarz gekleideten Witwen, mussten sich zuerst an die Besucher gewöhnen. «Das waren am Anfang Außerirdische für mich», räumt die 75-jährige Maria ein. Wieso das ganz schnell anders wurde, erklärt ein Wirt: «Die haben viel Geld.»

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Festivals seien für die Stadt sehr stark, sagt Idanhas Vize-Bürgermeister Armindo Jacinto. «Die Verbindung aus den fortschrittlichsten Maßnahmen zur ökologischen Nachhaltigkeit, den multikulturellen Präsentationen und den wirtschaftlichen Faktoren machen Boom für uns zu einer einzigartigen Chance», betont Jacinto. Man wolle in Zusammenarbeit mit «Good Mood» unter anderem ein Hotel aus umweltfreundlichen Materialien wie Stroh bauen, Kurse über Nachhaltigkeit anbieten, öffentliche Komposttoiletten aufstellen und Ökoprodukte produzieren, die man auch im Ausland der Entertainment-Branche anbieten werde.

«Neben Trance-Freaks ziehen solche Festivals auch die modernen Hippies an», stellt DJ Jahbo fest, dessen Eltern «Woodstock-Kinder» sind. Es sei in der heutigen Welt wichtig, «anders» zu sein. «Angst habe ich vor dem Normalsein», sagt der 29-jährige Däne. Dass zur Bewusstseinserweiterung auch der Konsum vor allem synthetischer Drogen gehört, ist bei Trance-Fans - «Freigeister» nennen sich die «Boomies» - selbstverständlich. Entgegen den Befürchtungen hielten sich die Probleme jedoch in Grenzen. Nur wenige Menschen wurden wegen Drogenhandels festgenommen. (Quelle: Idanha-a-Nova (dpa/lby))


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