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Hamburg (dpa) Im Stich gelassene, verlorene Seelen sind sie alle: die unaufgeklärten Schüler Moritz, Melchior und Wendla, die in Frank Wedekinds Drama «Frühlings Erwachen» von 1891 ihre ersten geschlechtlichen Regungen nicht einzuordnen wissen.
Aber auch die coolen New Yorker «Kids», die hundert Jahre später in Larry Clarks gleichnamigem Spielfilm (1995) in einer übersexualisierten Umwelt kaum einen anderen Lebensinhalt kennen als den kruden, seriell erbeuteten Akt. Aus beiden drastischen Geschichten über das Erwachsenwerden und das Verlangen nach Nähe formte Daniel Wahl am Schauspielhaus in Hamburg unter dem Titel «Frühlings Erwachen» eine dichte, energievolle einstündige Collage. Der Schweizer Regisseur arbeitete mit 25 Laien von 13 bis 83 Jahren.
Bei der Premiere am Sonntagabend gab es im ausverkauften Haus viel Beifall für die Aufführung, die auch theaterferne Jugendliche berühren dürfte. Heftig diskutiert wurde von manchen Besuchern allerdings die Frage, wie angebracht die Entscheidung von Intendant Friedrich Schirmer ist, eine Staatstheater-Saison erneut mit Amateuren zu beginnen. So war Schirmer schon in die Spielzeit 2007/8 mit Wahls Version von William Goldings Roman über Jugendgewalt «Herr der Fliegen» gestartet bei großem Publikumserfolg. Damals hatten 37 Teenager mitgewirkt.
Hoffnungsvolle und verletzliche Gesichter auf riesigen Schwarz-Weiß-Fotos stehen auf der Bühne (Viva Schudt) für die Zeitlosigkeit der Pubertät und ihrer Probleme. Es sind frühe Bilder derjenigen, die bei Wahl (Jahrgang 1966) als alt und weise gewordene Moritz, Melchior und Wendla modernen Jugendlichen nun liebevoll den Weg weisen. Die Sehnsucht der Jugendlichen danach zieht sich als Subtext durch den oft krachenden, mit F-Wörtern gepflasterten Abend. Doch zunächst prescht viel buntes Volk an die Rampe: Skateboard-Fahrer in Jeans und T-Shirt, junge Mädchen in Fin-de-Siecle-Kleidern, ein alter Mann im Hawaiihemd, gesetzte Damen in Festroben. In einer wilden Mischung aus kurzen Szenen, Zeitsprüngen, flackerndem Disco-Licht und hämmernder Musik entwickelt sich die Handlung, die Mut zum Leben machen will.
Formal überzeugt der Abend dank einfacher, teilweise plakativer Mittel, die starke stimmige Effekte erzielen. So stirbt Wendla bei einer Abtreibung, indem ihre Mutter mit Totenkopfmaske - ihr eine Schüssel Blut in den Schoß ihres weißen Kleides schüttet. Direkt neben ihr auf dem Tisch liegend hat ein Mädchen unserer Zeit unpersönlichen Sex hier lauert der Tod in Gestalt von Aids. Vor allem jedoch beeindrucken die Leistungen der Darsteller, die aus 300 Bewerbern ausgewählt wurden und bereits seit Oktober geprobt hatten. Präsent und selbstbewusst, mit viel körperlich-choreographischem Einsatz vertrauen sich die alten und jungen Menschen dem größten Bühnenraum des deutschen Theaters an. Die einfühlsam gezeichneten Knaben Moritz und Melchior ragen dabei noch heraus.
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