Bild vergrößern
Es wirkt ein wenig wie eine Gruppentherapie mit sehr, sehr vielen Teilnehmern. Rund 800 Menschen hören dem österreichischen Entführungsopfer Natascha Kampusch bei der Lesung ihrer Biografie «3096 Tage» in einer Wiener Buchhandlung gebannt zu.
Vielen treten Tränen in die Augen, während die hochnervöse junge Frau leise und mit zunehmend starker Stimme Passagen ihres Martyriums verliest.
Doch so mitfühlend ist nicht das ganze Land: Viele nehmen der 22-Jährigen die öffentliche Aufarbeitung übel, und manche Medien reagieren mit Häme auf das Buch. «Geldmacherei», «So schlimm kann's ja nicht gewesen sein» und «mediengeil» sind noch die harmlosesten Kommentare, die in Online-Foren zum Schicksal des Entführungsopfers zu finden sind, das achteinhalb Jahre von ihrem Peiniger Wolfgang Priklopil in einem Kellerverlies eingesperrt wurde. Manche Zeitungen charakterisieren das Buch bereits als Flop, basierend auf Aussagen einzelner Buchhändler.
«Wenn man sich in der Licht der Öffentlichkeit begibt, dann muss man damit rechnen, dass man hinterfragt und bewertet wird», sagt die Medienwissenschaftlerin Julia Wippersberg von der Universität Wien. Statt hilfloses Opfer zu sein, habe Kampusch versucht, ihre Medienpräsenz zu steuern und nicht alle intimen Details preisgegeben. «Das hat man ihr übelgenommen - im Sinne von: "Da wird eine Sensation vergeudet"», sagt die Expertin.
Kampusch selbst fühlt sich von den negativen Kommentaren tief getroffen und weiter in ihrer Freiheit eingeschränkt, sagt sie im dpa-Gespräch: «Das ist so, wie wenn man jemandem, der am Boden liegt, noch mal einen Tritt gibt, damit er da auch bloß liegen bleibt.» Bei ihrer Lesung führt sie auf dem Podium ein kurzes Gespräch mit ORF-Moderator Christoph Feuerstein. Fotografieren und Fragen des Publikums sind verboten, auch eine Signierstunde gibt es nicht. Dutzende Sicherheitskräfte regeln den Massenandrang.
«Sie kommt einem für das, was passiert ist, ziemlich ruhig und erwachsen vor», sagt die 14-jährige Zuhörerin Flora. Die Wiener Schülerin und ihre Freundin Theresa sind mit dem Entführungsfall aufgewachsen und wollen Kampusch endlich live sehen. «Als das rausgekommen ist, waren wir total schockiert. Wir waren damals genau in dem Alter, in dem sie entführt wurde», erinnert sich Theresa.
Kampuschs Aufarbeitung ist nach wenigen Tagen im Handel beim Online-Buchhändler Amazon bereits hinter Thilo Sarrazin auf Verkaufsrang Zwei. Die erste Auflage liegt bei 50 000, weitere sind geplant. Sie habe das Buch aber nicht gemacht, um primär Kapital zu schlagen, sagt Kampusch bei der Lesung: «Ich wollte ein neues Leben beginnen.» Endlich mit der Vergangenheit abschließen.
Das wird der jungen Frau nach Einschätzung der Medienwissenschaftlerin aber in Österreich nie gelingen. Sie habe sich wie eine «traurige Marke» tief in das gesellschaftliche Bewusstsein eingebrannt: «Man hört den Namen Kampusch und die ganze Geschichte ist wieder präsent.» Für ein erneutes Aufflammen öffentlichen Interesses reichten schon Kleinigkeiten wie Fotos einer Männerbekanntschaft oder vom Besuch des Hauses ihres Entführers.
Da Kampusch sich weigert, ihre Identität zu wechseln, will sie nun lernen, mit der Kritik besser umzugehen. «Ich denke, viele Leute nehmen ihr übel, dass sie eine hübsche junge Frau ist und sich gut ausdrücken kann», sagt die Burgenländerin Brigitta Ressl bei der Lesung. Wenn sie permanent weinen würde, schlüge ihr wahrscheinlich mehr Mitleid entgegen, meint die 54-jährige Bankangestellte. Kampuschs Buch und ihre Medienpräsenz stören die sichtlich ergriffene Frau nicht: «Es ist ihr gutes Recht sich zu Wort zu melden, wenn sie schon so viele Jahre nichts zu melden hatte.»
Natascha Kampusch
3096 Tage
Verlag List
284 Seiten, 19,95 Euro
ISBN 978-3-471-35040-9 (Quelle: Wien (dpa/lby))
04.02.2012:
04.02.2012:
03.02.2012: Computer-Hackern der Organisation «Anonymous» ist es gelungen, eine vertrauliche Telekonferenz der Londoner Polizei Scotland Yard und der US-Bundespolizei FBI abzuhören. Die Inhalte der Konferenz wurden von den Hackern im Internet veröffentlicht.
03.02.2012: Für einen Gewaltexzess in der Münchner U-Bahn müssen eine Frau und ihr Freund mehrere Jahre ins Gefängnis.
03.02.2012: Scherzen, Lachen und Autogramme: Der mit Spannung erwartete berühmte Künstler war guter Dinge. Umringt von einem Fotografen-Pulk schritt Gerhard Richter am Freitag von der Brühlschen Terrasse in Dresden in den Lipsiusbau.
03.02.2012: Ihre therapeutischen Kräfte sind nicht wissenschaftlich bewiesen. Doch die Zuschauerzahlen bestätigen ihre Wirkung - auch in Deutschland.
03.02.2012: Die kleine Chiara und ihre Schwester Sharon aus dem Münchner Vorort Krailling haben vor ihrem gewaltsamen Tod verzweifelt um ihr Leben gekämpft.
03.02.2012: Nach der Festnahme eines früheren NPD-Mitglieds als mutmaßlicher Helfer der Zwickauer Rechtsterroristen werden die Rufe nach einem Verbot der rechtsextremen Partei wieder lauter.
03.02.2012: Der deutsche Rapper Sido hat seine österreichische Casting-Band zusammengestellt, die den Eurovision Song Contest stürmen soll.
Video: Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg bekommt Torte ins Gesicht
Nichts ahnen sitzt Karl-Theodor zu Guttenburg auf ...
Kälteeinbruch: So kommen Sie sicher durch den Winter
Brrrr. Es wird kalt in Bayern. Wir haben die beste...
Ohne Socken und Schuhe - Robert Franz aus Würzburg ist immer barfuss unterwegs
Robert Franz aus Würzburg ist barfuss unterwegs - ...
Geheimnisvoll: Im Trettachtal bei Oberstdorf gibt es einen See, der nie zufriert
Im Trettachtal bei Oberstdorf gibt es einen geheim...
Ungeziefer und schmutzige Maschinen bei Müller-Brot
Ungeziefer und verschmutzte Maschinen - die Hygien...