28.08.2010

Sarrazin: «Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen»

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Thilo Sarrazin wird für seine Äußerungen scharf kritisiert. (Foto: dpa) Bild vergrößern Bundesbankvorstand Thilo Sarrazin hat mit Äußerungen zum Erbgut von Juden und Basken erneut heftige Empörung ausgelöst.

«Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden», sagte Sarrazin der «Welt am Sonntag» und «Berliner Morgenpost» laut Vorabmeldung. Bereits zuvor waren die Stimmen für einen Ausschluss Sarrazins aus der SPD immer lauter geworden.



Der Generalsekretär des Zentralrates der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, sagte der Nachrichtenagentur dpa am Samstag zu den neuen Äußerungen: «Wer die Juden über ihr Erbgut zu definieren versucht, auch wenn das vermeintlich positiv gemeint ist, erliegt einem Rassenwahn, den das Judentum nicht teilt.» Sarrazin versuche nicht zum ersten Mal, Minderheiten zu polarisieren und gegeneinander aufzubringen. Es sei seit langem bekannt, dass die meisten Angehörigen einer Volksgruppe einen gemeinsamen geografischen oder genetischen Ursprung haben. «Juden, die nachdenken, werden sich weder aufhetzen lassen, noch Sarrazin auf den Leim gehen», sagte Kramer.

Im Gespräch mit beiden Zeitungen war Sarrazin gefragt worden, ob es «auch eine genetische Identität» gibt. Zuvor hatte der ehemalige Berliner Finanzsenator gesagt, die kulturelle Eigenart der Völker sei keine Legende, sondern bestimme die Wirklichkeit Europas. Sarrazin sagte in dem Interview unter anderem auch, muslimische Migranten würden sich «überall in Europa deutlich schlechter als andere Gruppen von Migranten» integrieren. «Die Ursachen dafür sind nicht ethnisch, sondern liegen offenbar in der Kultur des Islam.»

Der Berliner Senatssprecher Richard Meng sagte der dpa: «Es wird immer unsäglicher, was man von ihm hört.» Sarrazin, der früher Berliner Finanzsenator war, gebe «rechthaberischen Schwachsinn» von sich und kenne offenbar keinerlei «Grenzen des politischen Anstands mehr», fügte Meng hinzu.

Auch Hessens scheidender Ministerpräsident Roland Koch (CDU), der sich zuvor noch hinter Sarrazin gestellt hatte, distanzierte sich nun klar: «Die Äußerungen Sarrazins sind unerträglich. Damit stellt er sich völlig ins Abseits», sagte Koch der «Bild am Sonntag». «Er spricht in diesen Tagen durchaus vorhandene Probleme an, denen die Gesellschaft nicht ausweichen darf. Ihm selbst geht es aber offenbar nur noch um Verbalradikalismus und Tabubrüche.»

In seinem neuen Buch «Deutschland schafft sich ab» warnt der wegen ähnlicher vorheriger Äußerungen bereits umstrittene Sarrazin davor, dass die Deutschen zu «Fremden im eigenen Land» werden könnten.

Im Interview erklärte das SPD-Mitglied unter anderem auch, dass die Einwanderung bis vor wenigen Jahrzehnten für den «Genpool der europäischen Bevölkerung» nur eine geringe Rolle gespielt und sich zudem sehr langsam vollzogen habe. «Es ist nämlich falsch, dass es Einwanderungsbewegungen des Ausmaßes, wie wir sie heute haben, schon immer in Europa gegeben hätte.»

Sarrazins bereits vor dem neuen Interview bekannte Position zu muslimischen Migranten ließ die Stimmen für seinen Rauswurf aus der SPD lauter werden. «Das Maß ist voll», sagte der Chef seines Berliner Kreisverbands Charlottenburg-Wilmersdorf, Christian Gaebler, dem «Spiegel» (Montag). «Für den Fall das Herr Sarrazin nicht freiwillig aus der SPD Austritt, bereiten wir ein Parteiausschlussverfahren vor.»

Die Deutsche Bundesbank äußerte sich nicht inhaltlich zu den neuen Aussagen ihres Vorstandsmitglieds. Ein Sprecher erklärte: «Es bleibt dabei, dass die Ansichten von Herrn Sarrazin seine persönliche Meinung sind, die in keinem Zusammenhang stehen mit seiner Tätigkeit als Bundesbankvorstandsmitglied.»

Auf Anfrage erklärte der Verlagsleiter der Deutschen Verlags- Anstalt, Thomas Rathnow, am Samstag: «Mir scheint, dass die Frage nach genetischen Gemeinsamkeiten von Bevölkerungsgruppen für die politischen und sozialen Fragen, die in Thilo Sarrazins Buch im Zentrum stehen, keine wesentliche Rolle spielen.»

Bereits vor dem neuen Interview hatten sich am Samstag weitere Kritiker zu Wort gemeldet. Die Türkische Gemeinde in Deutschland forderte ein klares Signal von Bundeskanzlerin Angela Merkel. «Das ist die Krönung eines neuen intellektuellen Rassismus und es schadet Deutschlands Ansehen im Ausland», sagte Kenan Kolat, Chef der Türkischen Gemeinde, der «Frankfurter Rundschau» (Samstag).

Die niedersächsische Sozialministerin Aygül Özkan (CDU) warf Sarrazin vor, Migranten mit seinen umstrittenen Thesen zu verletzen und pauschal zu diskreditieren. Auch die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), erhob schwere Vorwürfe gegen den ehemaligen Berliner Finanzsenator. (Quelle: Berlin (dpa/lby))


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