Sonthofen/Treherz (kw). Der Urwald liegt direkt vor unserer Haustür. Und wer sich reinwagt, sollte einen Wildnislehrer engagieren. So etwas gibt’s im Allgäu. Der Mann heißt Ralph Müller. Er steht am Waldrand und winkt. An seinem Gürtel ein Jagdmesser, um den Hals hat er ein schweres Fernglas. In einem Waldstück bei Treherz in der Nähe der württembergischen Gemeinde Aitrach hat der Mann aus der Allgäuer Stadt Sonthofen seine Jagd, hier hat er auch sein Wildniscamp aufgebaut. Kaum betritt er den Wald, ist es, als würde sich die Stimmung verändern. Nicht das leisesten Piepen eines Vogels entgeht ihm. „Das ist ein Zaunkönig“, sagt er und schon piept der Wildnislehrer Müller zurück.
Vor kurzem hat er ein Buch über die „Geheime Sprache der Vögel“ geschrieben und beim Weg den Bach entlang hinter zu den einfachen Zelten macht er durchaus den Eindruck, als würde er sie tatsächlich verstehen – und die Vögel ihn. Denn die Antwort des Zaunkönigs lässt nicht lange auf sich warten. Ob ihm das öfter passiert? Diese Frage hat er schon das ein oder andere Mal gehört. Und dann erzählt der Mann der Natur und Wildnis diese Geschichte, die ihm vor Jahren einmal auf einer einsamen Insel in Kanada passiert ist. Alleine saß er an seinem Lagerfeuer, der Mann, der auch Kanureisen für Abenteuerurlauber in die kanadische Wildnis veranstaltet. „In der Ferne habe ich kanadische Kraniche gehört, die immer näher gekommen sind. Da habe ich einfach ihre Stimme nachgemacht“, erzählt der Jäger. Aber dann bekam er es mit der Angst zu tun, denn der Schwarm kam immer näher und tiefer. „Da erst habe ich gemerkt, dass ich die angelockt habe, die haben mich für einen Artgenossen gehalten, der ihnen vom Boden aus signalisiert, ihr könnt landen, keine Bären, keine Wölfe, die Luft ist rein.“
Müller sagt, er habe selten so unruhig geschlafen wie in jener Nacht, in der er Angst hatte, den Vögeln könnte etwas geschehen. Doch alles ging gut. Heute weiß er: die Vögel sind das Hauptleitsystem für andere Tiere, sie sind – wie er sagt – ein Tor zur Wahrnehmung. Jeder könne das ganz leicht feststellen. Wenn er mal im eigenen Garten oder dem eines Bekannten lauscht, wie sich Amseln und andere Vögel verhalten, wenn eine Katze sich nähert. Dann macht der Wildnislehrer die Warnrufe der Amsel nach, geht von der Sprache des Menschen ohne Ansatz in die Laute der Vögel über. Schon mit 13 Jahren hat der 50-jährige Vögel beobachtet, später dann ihre Stimmen nachgeahmt. Die Nachtigall, erzählt er, habe ihm ganz schön zu schaffen gemacht. Die ist so variantenreich und gar nicht einfach nachzumachen. Aber dann trällert und piept er munter drauf los, als wäre das das Selbstverständlichste der Welt. Mal ist er in den Allgäuer Bergen unterwegs, mal an der Iller im württembergisch-bayerischen Grenzgebiet. Ein Grenzgänger der Natur, dabei kommt dieser großgewachsene Naturbursche nicht etwa von einem Allgäuer Bergbauernhof, sondern aus Düsseldorf. Erst vor ein paar Jahren hat es den gelernten Gas- und Wasserinstallateur nach Bayern verschlagen.
Nach einem schweren Autounfall machte er sein langjähriges Hobby – die Wildnis, die Natur – zu seinem Beruf. Jetzt bietet er neben seinen Wildnistagen und seinen Wildniscamps für Schüler, Lehrer, Vereine und Firmen auch einen „Basiskurs Vogelsprache“ und Kanureisen durch die Masuren oder eben auch in Kanada an. Bei Ralph Müller lernt man schnell, ohne Streichhölzer draußen Feuer zu machen. Man lernt das Spurenlesen, das Pfeil- und Bogenschießen und das Bogenbauen. Er zeigt seinen Begleitern aber auch, wie wichtig vor allem das Zuhören, das Hineinhören in die Wildnis vor der Haustür ist. Dann sitzt er schon mal mit einigen Leuten nachts an einem bewaldeten Hang und lauscht in die Nacht hinein, die Gesichter schwarz angemalt, ganz ruhig. „Das müssen viele erst wieder lernen. Und mit etwas Glück geht’s uns dann wie dieser Tage, dass nämlich plötzlich auf dem Waldweg zwei Füchse entlang spazieren – viele haben noch nie einen Fuchs gesehen“, freut sich der Wildnislehrer.
Eine Sache hat ihn besonders fasziniert und in seiner Liebe zur Wildnis noch bestärkt: als vor einiger Zeit Biologen herausgefunden haben, dass Wölfe mit Raben kommunizieren. „Es ist nicht nur so, dass die Raben den Wölfen hinterher fliegen und das wegfressen, was sie von ihrer Beute übrig lassen. Man hat vielmehr festgestellt, dass Raben, wenn sie Hunger haben, voraus fliegen übers Gelände und wenn sie beispielsweise Karibus (Rentiere) entdecken, flugs umdrehen und durch Kreischlaute den Wölfen signalisieren, Beute voraus!“
Der Schlüssel zur Natur sind für Ralph Müller die Vögel und diesen Schlüssel gibt er gerne weiter. Was noch keiner seiner Teilnehmer geschafft hat, er kann’s: viele viele Vogelstimmen täuschend echt nachmachen, über 150 sind es wohl schon.