15.09.2021 | Familie & Kinder Besorgte Eltern: Ist mein Baby gesund?

In den ersten Monaten ihres Lebens haben Babys kaum eine andere Möglichkeit als sich mit Schreien zu artikulieren. Egal, ob Hunger, volle Windel oder ein ernsterer Grund – mehr als lautes Brüllen ist erstmal nicht möglich.

Schnell werden die wildesten Vermutungen angestellt, wenn das Baby schreit, sich Veränderungen auf der Haut zeigen oder der Nachwuchs zu husten beginnt. Nicht selten endet dies mit einem Besuch beim Arzt oder gar der Notaufnahme.

Wer einen Schwangerschaftsratgeber gelesen hat, wird z.B. wissen, dass Veränderungen an der Kopfhaut - der sogenannte Milchschorf - etwas ganz Normales sind. Doch gerade wenn das Baby pausenlos schreit, wissen sich manche Eltern irgendwann nicht mehr anders zu helfen als mit ihrem Zögling zum Arzt zu gehen.

Wie stehen die Ärzte zu häufigen Besuchen besorgter Eltern?

Dr. Karella Easwaran, eine Kinderärztin aus Köln, kennt dieses Phänomen aus erster Hand. Sie beschrieb in einem Interview, dass viele Eltern sehr häufig zum Arzt mit ihren Kindern gehen und dabei so besorgt sind, dass sie sich schon die schlimmsten Szenarien ausmalen.

Das ist natürlich ein Stück weit normal, denn besonders wenn die Eltern noch unerfahren sind, möchten sie nichts falsch machen und schon gar nicht das Wohl ihres Kindes aufs Spiel setzen. Die Ärztin hebt dabei noch einmal hervor, dass sie die Eltern nachvollziehen kann und rät auch, lieber einmal mehr als einmal zu wenig zum Arzt zu gehen.

Dennoch ist es für das medizinische Personal natürlich anstrengend, wenn bestimmte Eltern immer wieder mit Hiobsbotschaften in die Arztpraxen einkehren, die sich dann z.B. als ganz normale Blähungen herausstellen. Ein Teil der Arbeit der Ärzte liegt daher vor allem auch in der Beratung und Prävention. So erfahren die Eltern, wie sie gewisse Probleme ihrer Sprösslinge selbst in den Griff bekommen.

Impfungen und Vorsorgeuntersuchungen statt Panik-Besuche

Viel wichtiger als die meisten Arztbesuche, die ein Produkt der Panik der Eltern waren, sind die vorgeschriebenen und freiwilligen Impfungen sowie die Vorsorgeuntersuchungen. Wer hier nachlässig ist, gefährdet sein Kind.

Diese Pflichttermine können Eltern auch gleichzeitig nutzen, um den Arzt oder die Ärztin hinsichtlich bestimmter Symptome zu befragen, die immer wieder beim Baby beobachtet werden. Ein guter Kinderarzt bzw. eine gute Kinderärztin wird sich die Zeit nehmen, um die Fragen der jungen Eltern gewissenhaft zu beantworten und ihnen die Angst zu nehmen.

Dennoch gilt: Im Zweifel sollte man lieber zum Arzt gehen, als ein schlechtes Gefühl bei der Sache zu haben. Bei unerfahrenen Eltern ist der Mutter- bzw. Vaterinstinkt zwar manchmal noch etwas “fehleingestellt”, aber es ist dem Baby auch nicht geholfen, wenn seine Eltern – die wichtigsten Bezugspersonen –, die Kontrolle über die Situation verlieren und so viel Unruhe ausstrahlen, dass das Kind tatsächlich unter Stress gesetzt wird.

Das Internet macht viele sensibel

Googlet man heutzutage nach simplen Symptomen, wie z.B. Husten oder Bauchschmerzen, wird man auf Internetseiten gerne mal als todkrank eingestuft. Der Grund hierfür ist, dass zahlreiche schlimme Krankheiten mit sehr spezifischen, aber auch vielen sehr unspezifischen Symptomen einhergehen.

Durchfall ist beispielsweise sowohl das Symptom einer leichten Magen-Darm-Verstimmung als auch von Darmkrebs. Wer zur Hypochondrie neigt, pickt sich die eigentlich harmlosen Symptome heraus und malt sich schon die größten Schreckensszenarien aus.

Bei Babys kommt die verstärkende Problematik hinzu, dass sie gar nicht beschreiben können, was sie genau empfinden. Selbst Kleinkinder können nicht akkurat einordnen, wo Schmerzen herkommen oder ob es sich eher um ein Stechen oder Ziehen handelt.

Eltern sollten ein gesundes Mittelmaß finden

Man liest im Zusammenhang mit übervorsichtigen Eltern auch immer wieder vom sogenannte Helikopter-Syndrom. Damit wird bildhaft verdeutlicht, wie die Eltern gewissermaßen um das Kind herumkreisen und versuchen, jede Kleinigkeit unter Kontrolle zu behalten.

Natürlich ist es löblich, wenn Eltern viel an der Gesundheit ihrer Babys liegt, aber gleichzeitig darf man die Verhältnismäßigkeit nicht aus den Augen verlieren. Niemand macht Eltern einen Vorwurf, die mal etwas vorschnell zum Arzt gehen. Besonders dann, wenn die Symptome sehr uneindeutig sind und das Kind noch sehr jung ist.

Doch um das System nicht zu überlasten und wertvolle Ressourcen mit Kleinigkeiten zu blockieren, sollten manche Eltern bisweilen erstmal durchatmen und die Symptome eine Weile beobachten, bevor sie zum Arzt gehen.

Eine gute Möglichkeit ist auch, den Austausch mit anderen Eltern oder den eigenen Eltern zu suchen, die ja vermutlich auch schon in einer vergleichbaren Situation waren. Diese können natürlich auch keine verlässliche (Fern-)Diagnose aufstellen, aber es ist schon mal beruhigend zu wissen, wenn andere ein bestimmtes Symptom für ganz normal halten.

Sind die Eltern erstmal entspannt, überträgt sich das direkt auf die Kinder. Denn wenn Mama und Papa im Stress sind, fühlt sich ein Baby nicht sicher. So schaukeln sich manche Situationen unnötig hoch und am Ende laufen die Eltern eher deshalb zum Arzt, weil sie sich selbst verrückt gemacht haben. Solange das aber nicht jede Woche passiert, ist das aber auch manchmal völlig okay.