08.04.2022 | Gesundheit Diese Personen brauchen eine vierte Corona-Impfung

Für welche Gruppen macht ein zweiter Corona-Booster Sinn? Bundesgesundheitsminister Lauterbach meint: ab 60 Jahren. Von Immunologen wird der Vorschlag nicht gestützt. Wer sollte sich ein viertes Mal impfen lassen? Wir haben die wichtigsten Informationen für euch zusammengefasst.

Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) fordert die deutsche Bevölkerung erneut auf, sich ein weiteres Mal gegen das Coronavirus impfen zu lassen. "In Deutschland nutzen viel zu wenige die vierte Impfung. Sie rettet Leben", schrieb er auf Twitter.

Was gilt derzeit?

Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt die vierte Impfung bisher nur für Menschen ab 70 und gesundheitlich gefährdeten Personen, außerdem für Mitarbeitende in Pflegeeinrichtungen. Bei gesundheitlicher Gefährdung rät die STIKO, die zweite Auffrischung frühestens drei Monate nach der ersten vorzunehmen. Bei Gesundheits- und Pflegepersonal soll es mindestens ein halbes Jahr Abstand sein.

Wie viele Menschen haben bisher einen zweiten Booster erhalten?

Der Verlauf könne nicht zufriedenstellen, sagte Lauterbach kürzlich. Allein von den 13,5 Millionen Menschen über 70 Jahren sowie von den Menschen mit Immundefekt seien bisher weniger als zehn Prozent ein viertes Mal geimpft. Zu den denkbaren Gründen zählt, dass ein an Omikron angepasstes Vakzin immer noch fehlt. Genug von bisherigen Impfstoffen scheint vorhanden: Lauterbach sagte kürzlich, wegen stockender Abnahme durch einkommensschwächere Länder sei zu befürchten, dass in Europa Impfstoff vernichtet werden muss.

Lauterbach fordert niedrigere Altersschwelle

Gesundheitsminister Karl Lauterbach warb jüngst mehrfach dafür, die Alterschwelle auf 60 Jahre abzusenken. In dieser Altersgruppe könne dadurch die Sterblichkeit im Vergleich zur dritten Dosis noch einmal um 80 Prozent reduziert werden, sagte er und berief sich auf Erkenntnisse aus Israel. Diese Daten sind vor einigen Tagen als Preprint erschienen, wurden also noch nicht von externen Fachleuten geprüft. Die Forschenden haben darin Daten von mehr als 560.000 Menschen ab 60 Jahren analysiert. Dabei kam heraus, dass das Risiko, an Corona zu sterben, für vierfach Geimpfte 3,5-mal geringer war als für dreifach Geimpfte. Auch auf EU-Ebene dringt er dazu auf eine entsprechende gemeinsame Linie.

STIKO noch zurückhaltend

STIKO-Chef Thomas Mertens sagte, dass das Gremium ohnehin ständig neue Daten sichte und die Notwendigkeit von Aktualisierungen prüfe. Die Frage der vierten Dosis lasse sich nicht ausschließlich am Alter der Impflinge festmachen. Vielmehr spielten auch Vorerkrankungen und Überlegungen zum Impfschutz auf längere Sicht eine Rolle. 

"Anhand bisher verfügbarer Daten kann man aber sagen, dass der zweite Booster offenbar nur bedingt vor Infektion schützt, aber schwere Verläufe in Risikogruppen reduzieren kann."

Die aktuelle 70-Jahre-Schwelle sei auch durch eine Analyse deutscher Daten zustande gekommen: mit dem Ergebnis, dass die Mehrheit der schweren Erkrankungen und Todesfälle eben in diesem Alter auftrete. Mertens sprach darüber hinaus von zu benennenden Prioritäten:

"Ein Hauptproblem bei 60- bis 69-Jährigen auf Intensivstationen besteht im Augenblick in Patienten ohne erste Booster-Impfung noch schlechterem oder völlig fehlendem Impfschutz."
EMA gegen vierte Impfung für jeden

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA hält derzeit eine vierte Corona-Impfung für alle Bürger nicht für notwendig. Für eine generelle Empfehlung sei es momentan zu früh, teilte die EMA am Mittwoch in Amsterdam gemeinsam mit der EU-Gesundheitsbehörde ECDC mit. Eine vierte Dosis könnte aber für Menschen ab 80 Jahren sinnvoll sein angesichts des höheren Risikos einer schweren Covid-Erkrankung in dieser Altersgruppe.

"Für Erwachsene ab 60 Jahre mit einem normalen Immunsystem gibt es zurzeit keine schlüssigen Beweise, dass der Impfschutz gegen eine schwere Erkrankung abnimmt und dass eine vierte Dosis einen Mehrwert hat", 

erklärten die Behörden. Es gebe aber auch keine Sicherheitsbedenken gegen eine zweite Auffrischungsimpfung.

Immunologen kritisch gegenüber Senkung der Altersempfehlung

Wer gesund ist, solle lieber auf die angepassten Impfstoffe warten: 

"Immungesunde Menschen - das kann auch ein 60-Jähriger sein, der immungesund und fit ist - können mit der Dreifachimpfung auch ein bisschen die Angst vor dem Virus verlieren. Den Respekt sollte man nicht verlieren." 

so Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Schaden würde eine vierte Impfung aber keinem.

"Es ist nicht so, dass eine vierte oder eine fünfte Impfung einen Erschöpfungszustand im Immunsystem auslösen würde." 

Mit mindestens drei Monaten Abstand seien auch mehrfache Impfungen für das Immunsystem kein Problem. Auch Watzl hält eine vierte Impfung für Menschen ab 70 Jahren und Immungeschwächte für sinnvoll. 

Hier könnt ihr die israelische Studie nachlesen:

Israelische Studie

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