09.07.2014 | Gesundheit Koma nach Herz-OP - Behandlungsfehler können verheerende Folgen haben

Koma nach Herz-OP - Behandlungsfehler können verheerende Folgen haben
Der Arzt musste sich vor dem Landgericht verantworten. Foto: Patrick Pleul
Kleine Fehler - große Wirkung. Insgesamt rund 3700 Mal erkannten die Prüfer des Medizinischen Diensts bei ihren 14 600 Gutachten im vergangenen Jahr einen Fehler an - allein 1065 Mal nach einem orthopädischen oder unfallchirurgischen Eingriff und 556 Mal im Bereich der Chirurgie. Einzelfälle aus der Arbeit der Gutachter im Kassen-Auftrag vom vergangenen Jahr zeigen das Ausmaß für die Betroffenen und die Möglichkeiten zur Abhilfe. BEISPIEL KNIESPIEGELUNG: Bei einem Patienten Mitte 20 wollten die Knieschmerzen einfach nicht aufhören. Eine Spiegelung des betroffenen Kniegelenks sollte helfen. Doch im Krankenhaus wurde das falsche Knie gewaschen, vorbereitet - und gespiegelt. Noch im Operationssaal merkten die Ärzte, was los ist, und operieren das richtige Knie. Doch infolge des Fehlers hatte der junge Mann nun länger anhaltend Schmerzen am zuvor gesunden Knie.

BEISPIEL DARMSPIEGELUNG:

Eine Frau Anfang Fünfzig litt bereits seit Längerem unter Verstopfung, Übelkeit, Erbrechen und Schluckauf. Um die Ursache herauszufinden, wurde ambulant eine kombinierte Magen- und Darmspiegelung vorgenommen. Die Frau erhielt dazu ein starkes Beruhigungsmittel. Doch wegen einer Überdosierung kam es zum Atemstillstand. Die erforderliche Beatmung gestaltete sich schwierig und gelang dem Gastroenterologen nicht ausreichend erfolgreich - wegen des Sauerstoffmangels blieb das Gehirn geschädigt.

BEISPIEL HERZ-OP:

Eine Patientin Anfang 70 sollte an der Herzklappe operiert werden. Die Frau litt zugleich an einer depressiven Störung, die mit Lithium behandelt wurde. Nach der Operation geriet sie in einen Verwirrtheitszustand, der sich bis zur Bewusstseinstrübung steigerte. Sie fiel ins Koma. Erst nach Tagen wurden die Blutwerte der Frau im Labor bestimmt - und festgestellt, dass eine starke Unterfunktion der Schilddrüse sie ins Koma fallen ließ. Diese konnte durch das Lithium mitverursacht worden sein. Die Frau erlitt einen schweren Hirnschaden - ein Schilddrüsenmedikament hätte gereicht.

BEISPIEL ARMBRUCH:

Ein Schulkind bekam nach dem Bruch des Oberarms einen Gips. In der Nachkontrolle des eingegipsten Armes wurde eine zu starke Fehlstellung des Bruches festgestellt, die jedoch so belassen wurde. Entsprechend schief verheilte der Arm. Der junge Patient erlitt dadurch eine dauerhafte Einschränkung seiner Beweglichkeit.

Im Fall des Jungen stellt sich auch Laien sofort die Frage: Warum wurde der Arm nicht noch einmal anders eingegipst? Doch auch bei den anderen Fällen wäre es nicht schwer gewesen, die Fehler zu vermeiden. So gibt es gegen eine Verwechslung der Körperseiten im OP Vorgaben, dass die zu operierende Stelle beim wachen Patienten markiert werden soll. Dieser kann rechtzeitig Alarm schlagen. Und Checklisten sollen verhindern, dass Ursachen von Leiden übersehen werden. So kann es durchaus vorkommen, dass gerade ältere Patienten nach einem Eingriff verwirrt sind - doch eine Unterfunktion der Schilddrüse müsste den Ärzten eigentlich auffallen, meinen die Kassen-Prüfer. Wenn die Gutachter einen Behandlungsfehler feststellen, wächst die Chance der Patienten auf Schadenersatz.

Die einfachste Möglichkeit ist, sich an die Krankenkasse zu wenden. Der Patient erklärt dem Mitarbeiter die Angelegenheit und der leitet alles in die Wege. Das heißt, es werden alle Unterlagen in der Praxis oder der Klinik angefordert und die gehen dann an den Medizinischen Dienst der Krankenkassen. Wenn sich der Verdacht eines Behandlungsfehlers erhärtet, wird ein ausführliches wissenschaftliches Gutachten erstellt. Das dauert in der Regel vier bis fünf Monate. Für den Versicherten entstehen keine zusätzlichen Kosten. Die privaten Versicherungen haben allerdings keinen Medizinischen Dienst, der solche Gutachten erstellt. Eine Alternative ist die Gutachterstelle der Bayerischen Landesärztekammer. Auch sie übernimmt den Fall, ohne die Kosten in Rechnung zu stellen.