27.07.2010 | Lifestyle Der schlimme Zahn ist raus, aber die Schmerzen nehmen zu?

Der schlimme Zahn ist raus, aber die Schmerzen nehmen zu?
Der Zahn muß raus und zwei Tage später sollte spätestens alles überstanden sein. Leider geht es nicht immer so glatt und einfach. Diese Beobachtungen gelten für jeden Zahn, auch für Weisheitszähne:

Sehen wir mal davon ab, dass es aus (gutem Grund) absolut verboten ist, einen Zahn aus einer akuten Entzündung heraus zu entfernen, so bleiben noch eine Vielzahl von möglichen Ursachen, die als Ursache für die Zunahme der Beschwerden nach der Zahnentfernung in Frage kommen. Der häufigste Grund für Schmerzen nach einer Zahnextraktion ist der sogenannte "Dolor post". Andere Bezeichnungen wie "Ostitis sicca" (trockene Knochenentzündung) oder "gestörte Wundheilung" beschreiben ebenfalls lediglich den aktuellen Zustand der Wunde. Sie umschreiben keineswegs eine Komplikation und schon gar nicht eine Falschbehandlung. Bei der Betreuung einer derart gestörten Wundheilung findet man allerdings sehr große Unterschiede in den Behandlungsmethoden. Die Reaktionen reichen von Säuberungen des Zahnfaches ? sogar mit ätzenden Flüssigkeiten wie H₂O₂ - , über intensives Auskratzen (Kürettage) bis hin zum Einfüllen von Eigenblut.

Was geschieht wirklich bei der Wundheilung?
Das leere Knochenfach, in dem sich bislang die Zahnwurzel befunden hatte, muss sich mit "Ersatzgewebe" auffüllen. Dazu benötigen die ersten jungen Zellen, die sich neu bilden, ein Milieu, in dem sie lebensfähig sind. Der Knochen sondert Sekrete ab, die den Nährboden für die neuen Zellen darstellen. Bilden mehrere Zellen einen Zellverband, kann die Entstehung erster Blutgefäße beginnen, die die Ernährung der Zellen verbessern und zu erstem Granulationsgewebe führen. Dieser Heilungsprozess spielt sich direkt an der Knochenoberfläche der Alveole (Zahnfach) ab. Dabei ist es für den Heilungsprozess völlig unerheblich, ob die Alveole mit Speiseresten oder ähnlichem angefüllt ist oder nicht. Man könnte sogar sagen, Speisereste in der Alveole schützen die jungen Zellen und sind daher erwünscht!

Wesentlich problematischer wird es, wenn die besagte Alveole trocken fällt, also leer bleibt. Derartige Wundverläufe sind nicht nur langwierig, sie können auch sehr schmerzhaft sein. Man spricht von einer verzögerten Wundheilung. Ganz gewiss sind Kürettage und Wasserstoffspülungen nicht geeignet, die Bildung junger Zellverbände zu beschleunigen. Ganz im Gegenteil können derartige Maßnahmen massive Schmerzen provozieren! Statt dessen ist es angezeigt, mit schmerzstillenden Wundeinlagen die Wunde behutsam zu pflegen! Dabei ist besonders darauf zu achten, dass die Knochenoberfläche möglichst wenig Abrieb erfährt oder geschädigt wird. In einzelnen Fällen klingen die Schmerzen erst dann endgültig ab, wenn der Knochen vollständig von Granulationsgewebe überzogen ist.

Was darf auf keinen Fall geschehen?
Die Wunde darf auf keinen Fall ständig "gesäubert" werden, denn dadurch wird der Wundheilungsprozess aktiv behindert und der Patient erleidet nicht enden wollende Schmerzen. Von Diät-Anweisungen sollte unbedingt Abstand genommen und statt dessen "Lieblingsessen" verordnet werden. Antibiotikagaben bleiben in diesen Fällen ohne Effekt.

Was könnte geschehen?
Man könnte eine Wunde, beispielsweise nach einer Weisheitszahnentfernung, dicht vernähen. Sicherlich ist bei dieser Art der Wundversorgung die Gefahr einer Ostitis sicca deutlich geringer. Dafür ist die Infektgefahr um eine Vielfaches erhöht. Jede dicht vernähte Wunde bildet einen abgeschlossenen Raum, der ein Keimwachstum begünstigt. Will man das Risiko einer Verkeimung unterbinden, muss ein Antibiotikum verabreicht werden, das wiederum zwangsläufig Auswirkungen auf den gesamten Organismus einschließlich des Immunsystems hat.

Was sollte nicht geschehen!
Bei zunehmenden Schmerzen wäre eine Dosissteigerung der Schmerzmittel (Analgetika) verständlich, aber sinnlos und für den Patienten zunehmend belastend u. U. auch schädlich. Ohne Wundbehandlung bleibt ein rascher Therapieerfolg aus. In schweren Fällen wird teilweise sogar zum Neurologen überwiesen, der ebenfalls nicht helfen kann. Auf keinen Fall darf eine gestörte Wundheilung chirurgisch angegangen werden (s.o.).

Abschließend sei auf folgendes hingewiesen: Sollten nach der Zahnentfernung die Art und Qualität der Schmerzen, die zur Extraktion des Zahnes geführt haben, weiter fortbestehen, so war die Extraktion des Zahnes die falsche Therapiemaßnahme. Man muss aus dieser Beobachtung schließen, dass der Zahnschmerz nicht durch den entfernten Zahn verursacht worden war, sondern lediglich als solcher vom Patienten wahrgenommen wurde ohne dass dieser für den Schmerz ursächlich gewesen ist.