02.08.2010 | Lifestyle Ist die Stressverarbeitung bei Mann und Frau wirklich gleich?

Ist die Stressverarbeitung bei Mann und Frau wirklich gleich?
Seit vielen Jahren fällt auf, dass in allen Untersuchungen zum Thema Kiefer- und Gesichtsschmerzen der Anteil der Frauen um etwa die Hälfte größer ist als der der Männer. Allen gemeinsam ist eine Störung in den Funktionsabläufen der Gesichtsmuskulatur und dem Kiefergelenk, auch als Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) bezeichnet. Das Zusammenspiel von Muskulatur und Gelenk ist naturgemäß untrennbar.

Dennoch lässt sich in der Regel analysieren, ob die beklagten Beschwerden in ihrem Ursprung der verspannten Gesichtsmuskulatur oder einem überlasteten Kiefergelenk zu zuordnen sind. Es besteht der berechtigte Verdacht, dass die Gründe, die zu den Muskelbeschwerden führen andere sind als die, die einen Schaden im Kiefergelenk zur Folge haben. So sind Gelenkschäden in aller Regel auf eine mechanische Über- und Fehlbelastung zurückzuführen, während Muskelprobleme im Zusammenhang mit ihrer Steuerung über das Nervensystem gesehen werden sollten.

Gesteigerte "Nervosität und innere Anspannung" kann nach Krampen als Folge erhöhter Stressbelastung verstanden werden. Sie äußert sich u. a. in erhöhter Reizbarkeit, dem Gefühl der Unausgeglichenheit, Neigung zum Weinen, trüben Gedanken und der Bereitschaft, leicht ärgerlich und verletzt zu sein. Viele Menschen reagieren auch mit "psychophysiologischer Dysregulation" auf eine stressintensive Situation. Man versteht (nach Krampen) darunter Schwindelgefühle und Kreislaufstörungen, Störungen der Verdauung, verminderten Appetit, Herzklopfen, Atemnot, kalte Füße, aufsteigende Hitze und Zittern bei Erregung.

Für Stress geplagte Menschen kann eine erhöhte "Nervosität und innere Anspannung" ebenso wie eine Erregung des vegetativen Nervensystems typisch sein. Diese Symptome finden sich in der Regel zeitgleich gehäuft bei Kiefer- und Gesichtsschmerzen. Eine ursächliche Verknüpfung zwischen beiden Systemen ist daher anzunehmen. In der Tat haben unsere Untersuchungen diese Vermutung für Männer und Frauen gleichermaßen bestätigt, wenn das Kiefergelenk als Schmerzursache nicht im Vordergrund gestanden hat, wenn also die Gesichtsmuskulatur als Ort der Schmerzentstehung angenommen werden muss. Im Umkehrschluss bedeutet dies aber auch, dass Patienten beiderlei Geschlechts mit einem erkrankten Kiefergelenk real nicht bzw. im statistischen Mittel um 25% weniger stressbelastet sind, als die Patienten mit schmerzhaft verspannter Muskulatur im Gesicht. Damit findet der Vorschlag, Kiefergelenkspatienten von denen mit einer Muskelfunktionsstörung durch Summenbildung aus der Kiefergelenk Trias einerseits und der Trias für Funktionsstörung andererseits zu selektieren eine hoch signifikante Bestätigung.

Der Abstand zwischen Kiefergelenkspatienten und solchen mit schmerzhafter Gesichtsmuskulatur vergrößert sich auf bemerkenswerte 40%, wenn man die Geschlechter getrennt auswertet und sich bei der Betrachtung bei Frauen auf die "psychophysiologische Dysregulation" beschränkt. Bei Frauen steigt also die Dysregulation im vegetativen Nervensystem unter Stressbelastung erheblich an! Bei den Männern hingegen ist dies nicht der Fall, da in dieser Gruppe der Unterschied zwischen beiden Gruppen gegen null geht! Männer reagieren statt dessen unter Stressbelastungen in gleicher Größenordnung verstärkt mit "Nervosität und innerer Anspannung". Das Vegetativum bleibt bei den Männern unter Stressbedingungen nahezu unverändert. Einschränkend sei erwähnt, dass diese Aussage unter geringen Zahlen leidet.

Natürlich können Frauen wie Männer ein gleiches Reaktionsmuster zeigen, im statistischen Mittel werden dann aber doch Unterschiede deutlich, die recht erheblich sein können. Man tut gut daran, sich die Gauss?sche Verteilung mit den fließenden Übergängen vor Augen zu halten (Stichwort: Glockenkurve).
Zusammenfassend lässt sich also feststellen, dass zwar Mann wie Frau auf Stressbelastungen reagieren, aber deutlich unterschiedlich intensiv: Frauen reagieren signifikant stärker im Stress als Männer und erheblich mit einer "psychophysiologischen Dysregulation" im Vergleich zu den Frauen, die Kiefergelenksbeschwerden beklagen. Männer dagegen weisen eine erhebliche Steigerung an "Nervosität und innerer Anspannung" auf. Auch hier sind die männlichen Kiefergelenkspatienten signifikant weniger betroffen.