12.08.2010 | Lifestyle Trigeminusneuralgie - wenn der Feuerstrahl im Gesicht einschlägt!

Trigeminusneuralgie - wenn der Feuerstrahl im Gesicht einschlägt!
Gesichtsschmerzen können sehr verschieden sein, aber nur ein Schmerz ist unverwechselbar, nämlich der einschießende Feuerstrahl einer Trigeminusneuralgie! Dennoch ist die Diagnose "Trigeminusneuralgie", trotz ihrer Eindeutigkeit, die häufigste Fehldiagnose bei Gesichtsschmerzen. Zu den typischen Kriterien gehört ein ungetrübter Nachtschlaf. Die sichtbar gefürchteten Schmerzattacken jedoch werden durch Sprechen, Essen oder minimales Berühren der Gesichts- oder Mundschleimhaut ausgelöst. Die Patienten verlieren ihr Körpergewicht und erstarren in ihren Bewegungen aus Furcht vor neuen Schmerzattacken. Da es sich um ein Nervenleiden handelt, fällt die Betreuung in das Fachgebiet der Neurologie. Neurologen sind bemüht, mit starken Medikamenten das Schmerzgeschehen in den Griff zu bekommen. Weil es sich aber um Gesichtsnerven handelt, sind eine Reihe anderer Mechanismen möglich, die zu einer Trigeminusneuralgie führen bzw. diese auslösen können. Die Analyse und Ausschaltung der Schmerz auslösenden Reize ist in vielen Fällen allein ausreichend, um den Schmerz auf Dauer ausreichend auszuschalten.

Vor kurzem hatte eine schmerzerfahrene Patientin ihre Zahnärztin eindringlich gebeten, die sog. "professionelle Zahnreinigung" nur sehr behutsam und an einem bestimmten Zahn überhaupt nicht durchzuführen. Leider ohne Erfolg, denn schon am darauffolgenden Tag rächte sich der Nerv im Unterkiefer mit urplötzlich, für wenige Sekunden einschießenden, Schmerzen. Nur sehr mühsam und über einen Zeitraum von gut zwei Wochen gelang es, mit kurz aufeinander folgenden Betäubungsspritzen, Reizstrombehandlungen (TENS) und Einlegen allogener Knochenflocken im traumatisierten (verletzten) Zahnfleischbereich bei gleichzeitiger, aufbauender Medikamentengabe, den Nerven zur Ruhe zu bringen. Nervblockaden zur Ruhigstellung mittels Injektionen, früher mit Alkohol, heute mit Glyzerin, werden allgemein wieder verlassen.

Der Patientin ist die geschilderte Schmerzproblematik schon von der eigenen Mutter her bekannt gewesen. Auch der Bruder, im Ausland lebend, leidet unter dieser Erkrankung des Trigeminusnerven. Der vorher von ihr konsultierte Neurologe hatte beabsichtigt, eine Therapie mit Morphium einzuleiten. Damit war die Patientin allerdings gar nicht einverstanden.

Ein weiterer, möglicher Mechanismus, der eine Schmerzphase wie die oben geschilderte, auslösen kann, ist auf die Rückbildung des Knochens im Unterkiefer zurückzuführen. Gemeint ist der zahntragende Anteil des Unterkiefers, der sich im Laufe des Lebens mehr oder weniger zurückbilden kann. Bei Prothesenträgern hat das die Folge, dass die Unterkieferprothese kontinuierlich absinkt und damit zunehmend auf den Unterkiefernerven drücken kann. Im Normalfall geschieht dies an einer ganz bestimmten Stelle neben dem Kinn, weil an dieser Stelle der Nerv aus dem Unterkiefer heraustritt. Erst durch die totale Entlastung dieses Nervens tritt eine Beruhigung ein. Im oben geschilderten Fall haben wir als zusätzliche Maßnahme zur Unterstützung der therapeutischen Bemühungen die Unterkieferprothese herausgenommen, in anderen Fällen musste sogar der Nerv chirurgisch verlagert werden. In extremen Fällen kann der Nerv auf eine längere Strecke freiliegen, so dass auch die Verlagerung des Nerven keinen Erfolg mehr bringen kann.

Als weitere Ursache einer Trigeminusneuralgie wäre eine chronisch infizierte Kieferhöhle möglich, weil im Augenhöhlenboden der zweite Ast des Nerven, individuell unterschiedlich, frei in der Schleimhaut verläuft. Der diagnostische Ausschluss bzw. die therapeutische Ausschaltung einer Beteiligung der Kieferhöhle gehört daher zum "Pflichtprogramm" bei der Behandlung neuralgiformer Schmerzen, auch wenn diese in einem anderen Versorgungsgebiet auftreten sollten.

Differenzialdiagnostisch ist die Neuralgie von der Neuropathie abzugrenzen. Während bei der Neuralgie ein Grundleiden des Nerven anzunehmen ist, handelt es sich bei einer Neuropathie um eine, in aller Regel örtlich begrenzte Reizung des Nerven, der dadurch "krank" wird. Dementsprechend unterschiedlich sind auch Anamnese, Untersuchungsbefund und Therapieansatz. Ganz sicher rechtfertigt eine Neuropathie nicht den gleichen Einsatz schwerer Medikamente wie bei einer Neuralgie!