10.06.2010 | Lifestyle Wann genügt die Brustkrebs-Therapie nach Leitlinien ?

Wann genügt die Brustkrebs-Therapie nach Leitlinien ?
jameda spricht mit Prof. Dr. med. Claus Schulte-Uebbing, Frauenarzt, Onkologe, Immunologe in München:

Herr Prof. Schulte-Uebbing, für die Therapie von Brustkrebs gibt es Leitlinien. Wann sind diese ausreichend und wann brauchen die Patientinnen eine bessere Therapie?

Die Leitlinien sind für jede(n) onkologisch tätige(n) A(e)rzt(in) verbindlich. Sie bestehen aus den vier großen Säulen: Operation, Bestrahlung, Chemotherapie und (Anti-)Hormontherapie. Sie wurden von internationalen Expert(inn)en im Laufe der letzten Jahrzehnte erarbeitet, werden regelmäßig aktualisiert und verbessert und sind bei Befunden mit guter Prognose meist ausreichend.

Was heißt gute Prognose?
Befunde mit "guter Prognose" sind v. a. Befunde "im Früh-Stadium" (pT1 pN0).

Kommen zu Ihnen als Onkologe vorwiegend Patientinnen mit "guter Prognose" oder eher solche mit "schlechter Prognose"? 

Wir machen in unserem Mamma-Zentrum Brustkrebs-Diagnose, Therapie und vor allem Prävention. Letztere ist für uns die wichtigste Aufgabe. Brustkrebs-Therapie machen wir bei Patientinnen in jedem Stadium. Tatsächlich haben wir - dank besserer Aufklärung (über Risiken, Prävention), effektiverer Brustkrebs- Vorsorge (v.a. Mammographie-Screening) und verbesserter Zusammenarbeit zwischen Onkologen in Klinik und Praxis - immer mehr Patientinnen mit Befunden im Frühstadium. Wenngleich hier die Therapie nach Leitlinien ausreichend wäre, raten wir allen Patientinnen, mehr für sich zu tun. Dies gilt vor allem auch für unsere Patientinnen mit schlechterer Prognose. Hier ist eine ausreichende Therapie zu wenig. Wir wollen die Lebensqualität und Prognose für alle Patientinnen optimieren.

Welche Eigenschaften haben Tumoren "mit schlechterer Prognose"?

Das sind vor allem größere, schneller wachsende und früh metastasierte Tumoren,  z. B.  pT > 2 cm, G 2, G 3, HER 2 neu Überexpression, Gefäßinvasion, N 1, N 2, N 3 etc.

Warum ist bei Befunden mit schlechter Prognose eine Therapie nach Leitlinien nicht effektiv genug?

Diese Tumoren bilden sehr früh Mikrometastasen, zerstören die Mitochondrien gesunder Zellen, blockieren Hormon-Rezeptor-Mechanismen, wachsen besonders schnell im Entzündungs-Milieu, schwächen das  Immunsystem. Die moderne "Brustkrebs-Stammzell- Forschung" und die sogenannte "Mitochondriale Onkologie" liefern Erklärungs-Modelle, warum hier Chemotherapie und Anti-(Hormontherapie) meist nur kurze bzw. scheinbare Erfolge haben können. 

Welche Ursachen hat Brustkrebs?

Wir können heute davon ausgehen, dass Brustkrebs nicht eine, sondern mehrere (Teil-)Ursachen hat. Diese können zum Beispiel unterteilt werden in

  1. genetische

  2. seelische

  3. hormonelle

  4. infektiologische

  5. immunologische und

  6. toxische Ursachen.


Wie sieht eine ursachen-orientierte Therapie aus?

Eine ursachen-orientierte Therapie kann und muss immer individuell durchgeführt werden.

Was machen Sie zum Beispiel bei einem höheren genetischen oder familiären Risiko?

Höheres genetisches oder familiäres Risiko erfordert viel Zeit für ein umfassendes Beratungsgespräch. Zur Prävention von Brustkrebs gehören eine Vielzahl von Maßnahmen: Optimierung von Ernährung und Lebensweise, Stress-Reduktion etc.  Wir bieten gezielte Gen-, Hormon- und Immun- Analysen an, machen bei Risikopatientinnen engmaschige und intensive Vor- u. Nachsorge. Zusätzlich zur standardmäßigen Mammographie (die leider als alleiniges Verfahren keine hundertprozentige Sicherheit bieten kann) haben wir 4-D-Ultraschall-CT, Infrarot-Thermographie und Elastographie. Das erhöht die Sicherheit. 

Glauben Sie, dass seelische Faktoren eine Rolle spielen?

Seelische Faktoren spielen eine große Rolle. Schon die Hl. Hildegard von Bingen sagte: "Die Seele der Therapie ist die Therapie der Seele". Heute wissen wir durch Studien der modernen Psycho-Onkologie, dass alles, was (schwer) kränkt, auch (schwer) krank machen kann. Wir alle bleiben länger gesund, wenn wir lernen, seelische Gifte bewusst zu meiden. Wir müssen Stress reduzieren. Wir dürfen tagtäglich immer wieder "loslassen". Das reduziert nachweislich krebserregenden "oxidativen Stress" vermindern. Der Weg ist das Ziel: Wir alle wollen doch möglichst lange "sinn-voll" leben. 

Welche Rolle spielen die Hormone?

Falsche Hormone können Brustkrebs fördern. Brustkrebs gehört zu den sogenannten "hormon-abhängigen Tumoren". Wenn Hormone direkt oder indirekt Brustkrebs fördern, müssen wir versuchen, sämtliche schädlichen hormonwirksamen Stoffwechselwege zu blocken. Bei rezeptor-positiven Befunden messen wir regelmäßig Hormonwerte und machen Ernährungs- und Lebensberatung: Wächst ein Tumor durch Östrogene, muss auf östrogen- haltige bzw. -fördernde Nahrung verzichtet werden. Fette und falscher Fettstoffwechsel können östrogenabhängige Tumoren wie Brust-, Gebärmutter-, Eierstock-Krebs fördern.  Zucker und falsche Zuckerstoffwechselwege haben ähnliche Effekte (Zucker wird in Fett umgewandelt). Man sollte möglichst auf tierische Fette verzichten und auf pflanzliche Omega-3-Fettsäuren umsteigen. 

Können Entzündungen auch Brustkrebs fördern? 

Entzündungsherde und -Prozesse (v. a. chronisch schleichende Entzündungen) schwächen das Immunsystem und können dadurch indirekt und direkt Krebs, Metastasen und Rezidive fördern. Je länger Entzündungen bestehen und je schlechter die Immunabwehr, desto größer ist das Krebs-, Metastasen- und Rezidiv-Risiko. Herde und Infektionen müssen entdeckt und schonend beseitigt werden. 

Welche Rolle spielt das Immunsystem?

Wenn Brustkrebs wächst, ist meist die Immunabwehr zu schwach oder lückenhaft. Das Immunsystem hängt vom seelischen und körperlichen Wohlbefinden ab. Eine gezielte Psychosomatische Analyse und individuelle Immunanalyse einschließlich Lymphozyten-Differenzierung, wie wir sie regelmäßig durchführen, können frühzeitig immunologische Gefahren und Schwachstellen zeigen. Brustkrebszellen haben gestörte Mitochondrien-Funktionen. Das Redox-Gleichgewicht ist verschoben. Wir optimieren mit hochdosierten individuellen Infusionstherapien das Immunsystem.

Welche Giftstoffe fördern Brustkrebs?

Vor allem Schwermetalle und Pestizide. Ich habe selbst wissenschaftlich über Schwermetalle, Hormone und Tumoren gearbeitet. Viele wissenschaftliche Studien belegen, dass sogenannte "Xeno Estrogene" und "Metall Estrogene" hormonelle Regelkreise und Rezeptor-Mechanismen blockieren können. Dies kann die Entstehung und das Wachstum von Brustkrebs fördern und auch die Anti-Hormon-Therapie unwirksam machen: Einige Schwermetalle können offenbar die Therapie mit Anti-Östrogen- und Aromatasehemmern unwirksam machen.

Gehört zur Brutkrebs-Therapie das regelmäßige Entgiften?

Die Entgiftung ist für die Brustkrebs-Vorsorge und -Nachsorge aus umweltmedizinischer und onkologischer Sicht ganz entscheidend. Unter "Entgiften" versteht man gezielte Maßnahmen, um gesunde Zellen vor krebsfördernden Stoffwechsel- und Umweltgiften zu schützen.

Warum kann Entgiftung bei Brustkrebs helfen?

Körpereigene Entgiftungsmechanismen können aktiviert und Reparaturmechanismen unterstützt werden. Dadurch kann die Entstehung von Rezidiven und Metastasen verhindert oder verzögert werden. 

Wie sieht in Ihrer Praxis die Entgiftung aus?

Wir machen zunächst eine ausführliche Anamnese welche Schadstoffe beteiligt sein können. Dann machen wir ggf. gezielte Schadstoffanalysen und ggf. sogenannte Mobilisations-Tests. Entgiftung beginnt mit schadstoffarmer Ernährung und Lebensweise. Wir verordnen individuelle entgiftende oder immun- modulierende Nahrungsmittel-Ergänzungen. Wir machen High-Dose-Antioxidantien-Infusionen und die individuelle Entgiftung mit sog. "Chelatoren" (wie z. B. EDTA, DMPS, DMSA u.a.) können krebsfördernde Schwermetalle binden, eliminieren und somit u. a. die Therapie mit Anti-Östrogenen und Aromatase-Hemmern effektiver machen.

Zusammenfassend, sind nun die Leitlinien zur Behandlung von Brustkrebs ausreichend oder nicht?

Die bestehenden Leitlinien sind unverzichtbar. Dank guter Aufklärung (über Risiken, Prävention), effektiverer Brustkrebs-Vorsorge (Mammographie, Brust-Ultraschall, MRT etc.) und nicht zuletzt wegen der guten Zusammenarbeit zwischen Onkolog(inn)en in Klinik und Praxis gibt es immer mehr Befunde im Früh-Stadium. Hier kann die Therapie nach Leitlinien ausreichend sein. 

Bei den vielen sogenannten Befunden "mit schlechter Prognose". Wir wissen, dass hier leider das Rezidiv- und Metastasen-Risiko sehr hoch ist. Die Resultate der Therapie nach Leitlinien sind schlecht. Hier ist es sehr sinnvoll, bereits zum Zeitpunkt der Primärtherapie (vor und nach Operation, zwischen Bestrahlungen und Chemotherapie-Sitzungen) ggf. vorhandene seelische, endokrinologische, infektiologische, immunologische Defizite auszuschließen oder richtig zu behandeln.

Unsere Erfahrung in der Brustkrebs-Nachsorge hat gezeigt, dass mit den oben in den Punkten 1- 6 gezeigten Maßnahmen nicht nur die Lebensqualität deutlich verbessert werden kann, sondern zum Teil auch das sogenannte "rezidivfreie Intervall" (Zeitspanne bis zum Auftreten eines Rezidives) deutlich verlängert werden kann.

Vielen Dank für das Interview!