14.10.2016 | Bayernreporter Wenn der Müll zum Problem wird: Neue Akademie in Gauting bildet Messie-Helfer aus

Sie sammeln und horten alles, bis ihre Wohnung einer Müllhalde gleicht: Messies. In Bayern leben rund 300 000 Betroffene, die nichts mehr wegwerfen können und mit psychischen Problemen kämpfen. Ihnen soll eine neue Akademie in Gauting helfen, die jetzt Fachkräfte ausbildet.

  • In Gauting sollen künftig in einer neuen Messie-Akademie professionelle Helfer für Betroffene ausgebildet werden. Dazu wurde für Schulungszwecke sogar eine Messie-Wohnung nachgebaut.

  • Akademie-Direktor Michael Schröter will „Trommler für alle Betroffenen“ sein, wie er sagt. Eines Tages soll jeder Messie professionelle Hilfe bekommen.

  • Das Chaos im Schulungsraum der Messie-Akademie am Gautinger Hauptplatz ist von außen nicht zu erkennen. So ist es auch in Realität: Denn Messies treiben ein regelrechtes Versteckspiel, sie lassen in der Regel niemanden mehr in ihre Wohnung.

  • Bilder, die man nicht mal aus einer schlampigen Studenten-WG kennt. In der Messie-Küche stapeln sich Unmengen von Pfandflaschen, ungewaschenes Geschirr und abgelaufene Lebensmittel.

  • Dem Messie wächst seine wohnliche Situation buchstäblich über den Kopf…

  • Schröter nennt markante Indizien einer Messie-Wohnung: „Die Böden sind so gut wie komplett bedeckt. Man kommt nicht mehr an die Fenster. Türen lassen sich kaum noch öffnen.“

  • …viele Möbelstücke sind nicht mehr zu gebrauchen, weil sie völlig vermüllt sind. So wie dieser Schreibtisch.

Zugemüllte Schreibtische im Arbeitszimmer, Berge von Pfandflaschen in der Küche und getragene Klamotten quer über den ganzen Boden verteilt. Dazu ein unerträglicher Gestank von verfaulten Lebensmitteln. Extremeindrücke, die der Unternehmer Michael Schröter nur allzu gut kennt. Seit fast 15 Jahren hat er mit Menschen in seelischer Not zu tun, die unter ihrer Wohnsituation leiden und nichts mehr wegwerfen können: Er kümmert sich um Messies.

In Gauting hat Schröter jetzt die „erste Messie-Akademie Deutschlands“ gegründet, wie er sagt. Am Freitag (14.10.) hat der 64-jährige Direktor zur Gründungsfeier der Einrichtung geladen. Hier möchte er künftig zertifizierte Messie-Hilfe-Fachkräfte ausbilden. „Es gibt ein Missverhältnis zwischen der Zahl von Betroffenen und der Zahl an Helfern“, begründet Schröter seine Initiative. Er schätzt, dass es in Deutschland gerade mal 50 bis 150 professionelle Helfer gibt. Ihnen stehen Schröter zufolge zwei bis zweieinhalb Millionen Messies gegenüber. Eine gewaltige Lücke.

Was lernt man in der Messie-Akademie?

Schröters Ziel gleicht einer Vision: „Ich möchte, dass eines Tages jeder Betroffene des Messie-Syndroms professionelle und einfühlsame Hilfe bekommt.“ Die größte Herausforderung sei aber, dass Messies fast immer psychische Probleme mit sich herumschleppen. „Die erste Kontaktaufnahme zu einer Hilfsperson ist für einen Messie unglaublich schwer“, erklärt Schröter. Deswegen komme es darauf an, dass Messie-Hilfe-Fachkräfte schon beim ersten Anruf Vertrauen aufbauen können. Darauf sollen sie in der Akademie vorbereitet werden.

Zwölf Tage soll eine Ausbildung in der Akademie dauern. „Es handelt sich also um eine Schnellausbildung“, erklärt Schröter. Ab November möchte er mit den ersten Anwärtern starten. Zu Beginn will er sie zwei Tage mit der Theorie des Messie-Syndroms vertraut machen. Danach wird es ernst, es stehen acht Tage praktische Erfahrungen in Messie-Wohnungen an: Gespräche mit den Betroffenen, das Aufbauen von Verständnis und schließlich „Wohnraumarbeit“, wie es Schröter bezeichnet. „Es geht darum, Platz zu schaffen und in der vermüllten Wohnung wieder eine hygienische Wohnsituation zu schaffen. Dass auch wieder geputzt werden kann.“ Danach soll mit dem Messie ein Konzept entwickelt werden, um die Gefahr eines Rückfalls zu mindern. Zum Abschluss will Schröter die Erlebnisse mit den Auszubildenden zwei Tage aufarbeiten.

Der Selbst-Check: Wann ist man gefährdet?

Aber woran ist ein Messie für einen Angehörigen oder Freund überhaupt zu erkennen. Michael Schröter meint: „In dem Moment, in dem ein Mensch niemanden mehr in seine Wohnung einlädt oder bevor er Besuch bekommt und fieberhaft Sachen aus der Küche und dem Wohnzimmer in sein verschlossenes Schlafzimmer schafft und ein Potemkinsches Dorf erschafft, dann ist es eigentlich schon gekippt. Wer für sich also die Frage mit „ja“ beantworten kann, ob er jederzeit Besuch zuhause empfangen kann, der ist auch kein Messie“, so Schröter.