08.10.2019 | Deutschland Vorwurf des versuchten Mordes: Haftbefehl gegen Lkw-Fahrer von Limburg

Gegen den Mann, der in Limburg mit einem gestohlenen Lastwagen auf acht Autos aufgefahren sein soll, ist nun Haftbefehl erlassen worden. Der tatverdächtige Syrer hatte den Laster kurz vor der Tat gestohlen und die Autos dann offenbar absichtlich gerammt.

Foto: Thorsten Wagner/dpa

Ein Mann stiehlt einen Lastwagen, rammt mehrere Autos und verletzt acht Menschen - doch über die Hintergründe der Gewalttat von Limburg und das Motiv wird noch gerätselt. Gegen den 32 Jahre alten Verdächtigen ist nun am Dienstag Haftbefehl erlassen worden. Die Tatvorwürfe lauten versuchter Mord, gefährliche Körperverletzung und gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, sagte ein Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt am Abend.

«Auch wenn der Tathergang an die schrecklichen Anschläge von Nizza oder Berlin erinnert, ist das Motiv des festgenommenen Mannes nach wie vor unklar», sagte Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU). Der tatverdächtige Syrer habe nach derzeitigen Erkenntnissen keine Verbindungen in die gewaltbereite islamistische Szene gehabt.

Die für Terrorermittlungen zuständige Bundesanwaltschaft verzichtete am Dienstag darauf, den Limburger Fall an sich zu ziehen. Man habe das Geschehen aber im Blick und stehe in engem Kontakt mit den hessischen Strafverfolgungsbehörden, sagte ein Sprecher der Karlsruher Behörde auf Anfrage.

Der 32-Jährige, der seit 2015 in Deutschland lebt und seit 2016 einen subsidiären, also eingeschränkten Schutzstatus hat, war bisher mit Drogendelikten und Gewaltkriminalität aufgefallen. Es lägen noch keine gesicherten Erkenntnisse dazu vor, ob der Mann vor der kurzen Lkw-Fahrt in Limburg Drogen oder Alkohol konsumiert hatte, sagte Alexander Badle von der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft.

Das ist passiert

Der 32-Jährige war am späten Montagnachmittag in der hessischen Kleinstadt mit einem gekaperten Lastwagen auf acht Autos aufgefahren und hatte sie ineinander geschoben. Dabei wurden neben dem Täter acht Menschen leicht verletzt.

Erinnerungen an Berlin und Nizza

Der Lkw-Vorfall von Limburg ruft Erinnerungen an den großen Terroranschlag in Berlin vor knapp drei Jahren wach - aber auch an den Amoklauf von Münster.

In Berlin war der Tunesier Anis Amri am 19. Dezember 2016 mit einem gekaperten Lastwagen auf den Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche gerast, zwölf Menschen wurden damals getötet. Im Sommer 2016 waren in Nizza sogar 86 Menschen bei einer Lkw-Attacke auf der Uferpromenade gestorben.

Keinen Terror-Hintergrund hatte hingegen die Gewalttat in Münster: Dort tötete im April 2018 ein Amokfahrer in der Innenstadt vier Menschen, verletzte mehr als 20 teilweise lebensgefährlich und erschoss sich anschließend. Der Mann galt als psychisch labil.

Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt teilte mit, es werde zu Limburg in alle Richtungen ermittelt. Derzeit könnten insbesondere zum Tatmotiv noch keine Angaben gemacht werden.

Der Syrer besaß eine Aufenthaltserlaubnis, die allerdings am 1. Oktober abgelaufen war.

Foto: Thorsten Wagner/dpa

Ob er sich bei der zuständigen Behörde bereits um eine Verlängerung gekümmert hatte, war zunächst nicht bekannt. Angaben soll der 1987 geborene Syrer noch keine gemacht haben.

In der Nacht zum Dienstag durchsuchte die Polizei nach Angaben von Oberstaatsanwalt Badle die Wohnung des Verdächtigen im südhessischen Langen - rund 80 Kilometer von Limburg entfernt. An der Aktion war laut Polizeipräsidium Südosthessen ein Spezialeinsatzkommando (SEK) beteiligt.

Eine weitere Wohnung eines Angehörigen der Familie des Tatverdächtigen wurde laut Generalstaatsanwaltschaft im Kreis Limburg-Weilburg durchsucht - wo genau, wollte die Behörde nicht sagen. Es seien unter anderem Mobiltelefone und USB-Sticks sichergestellt worden. Bei dem Familienangehörigen soll es sich Ermittlerkreisen zufolge um den Cousin des 32-Jährigen handeln. Badle sagte, der Beschuldigte habe sich nach derzeitigem Stand vor der Tat bei dem Familienangehörigen aufgehalten, dieser sei wiederum am Montag ebenfalls in Tatortnähe gewesen.

Der Täter hatte den eigentlichen Fahrers des Lastwagens laut Generalstaatsanwaltschaft gewaltsam aus der Fahrerkabine gezogen. Dann fuhr er mit dem Laster wenige Meter, bis er nahe einer Kreuzung ungebremst auf vor ihm stehende Fahrzeuge auffuhr. Sieben Pkw und ein Kleintransporter wurden zusammengeschoben. Beamte der Bundespolizei, die zufällig in ihrer Freizeit in der Nähe waren, nahmen den Syrer fest und übergaben ihn der Polizei.

Die «Frankfurter Neue Presse» hatte den eigentlichen Fahrer des Lasters am Montagabend so zitiert: «Mich hat ein Mann aus meinem Lkw gezerrt.» Als er vor einer roten Ampel wartete, habe der Unbekannte die Fahrertür des Lasters aufgerissen und ihn mit weit geöffneten Augen angestarrt, so der Fahrer. «Was willst Du von mir?», habe er den Mann gefragt. «Aber er hat kein Wort geredet. Ich habe ihn noch mal gefragt. Dann hat er mich aus dem Lkw gezerrt», heißt es weiter.

Der Zeitung zufolge soll der Tatverdächtige, der bei der Kollision am Steuer saß, von Passanten erstversorgt worden sein. Dabei soll er laut den Passanten mehrmals «Allah» gesagt haben, wie ein Reporter berichtete.

Das Logistikunternehmen Pfenning mit Sitz in Heddesheim im baden-württembergischen Rhein-Neckar-Kreis, dem der Lkw gehört, teilte auf seiner Homepage mit, der Laster sei auf einer Auslieferungstour gewesen. «Unserem Fahrer geht es den Umständen entsprechend», hieß es weiter in der Mitteilung. «Unsere Gedanken gelten ihm sowie den Geschädigten.»

Der Bürgermeister von Limburg, Marius Hahn, sagte der dpa: «Ich bin geschockt und in meinen Gedanken bei den Verletzten und deren Familien.» Hundertprozentige Sicherheit gebe es nie. Und: «Gegen Einzeltäter ist niemand gefeit.»