20.05.2022 | Deutschland Stadt sperrt Katzen ein: Das ist der Grund

Lockdown für Katzen? Klingt skurril, doch die Haustiere kriegen nun in einer Stadt Hausarrest. Was es damit auf sich hat, lest ihr hier.

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/dpa

Viele Bewohner der Stadt Walldorf im Rhein-Neckar-Kreis müssen ihre Hauskatzen ab sofort den ganzen Sommer über einsperren. Was dahinter steckt, haben wir für euch zusammengefasst.

Was gilt für die Katzen?

Zum Schutz der vom Aussterben bedrohten Haubenlerche dürfen Katzen in der Stadt Walldorf in Baden-Württemberg nicht mehr vor die Tür – sonst droht unter Umständen eine hohe Strafe. Das Landratsamt hat eine entsprechende Allgemeinverfügung erlassen.

"Demnach ist der Freigang von Katzen im Geltungsbereich der Allgemeinverfügung (im südlichen Teil der Stadt) ab sofort bis einschließlich 31. August 2022, und danach – bis zum Jahr 2025 – im Zeitraum vom 1. April bis einschließlich 31. August, durch deren Halterinnen und Halter zu unterbinden."
Warum gibt es den Stubenarrest?

Da das Überleben der kleinen Vogelart nicht gesichert ist, müssen Katzen dort künftig zwingend zu Hause bleiben. Es gebe in Walldorf inzwischen lediglich noch drei Brutpaare. Auch deshalb käme es aktuell auf das Überleben jedes einzelnen Jungvogels an. Natürlich gebe es bei der Umsetzung dieses Vorhabens noch offene Fragen, etwa, wie man bei einer frei laufenden Katze die Besitzerin oder den Besitzer ermitteln könne. Diesen Katzen-“Arrest“ zu starten, sei laut Walldorfs Bürgermeister Matthias Renschler (FDP) dennoch eine sinnvolle Idee.

"Die Haubenlerche ist nach den aktuellen Roten Listen in Baden-Württemberg und in Deutschland in die höchste Gefährdungskategorie "Rote Liste 1" (vom Aussterben/Erlöschen bedroht) eingestuft".
Was passiert wenn eine Katze entwischt?

Entwischt eine Katze, muss der Halter sie zwingend wieder einfangen, sonst droht ein Bußgeld von 500 Euro. Wenn die Katze sogar einen dieser seltenen Vögel tötet, werden bis zu 50.000 Euro fällig. Und das kommt nicht allzu selten vor: Weil diese auf dem Boden brüten, fallen sie Katzen häufig zum Opfer. Auch der Aufenthalt in Gärten ist für Katzen in Walldorf-Süd tabu.

Ab wann gilt diese Verordnung?

Ab sofort bis einschließlich 31. August, sowie die nächsten drei Jahre im Zeitraum vom 01. April bis einschließlich 31. August, "ist der Freigang von Katzen, die im Geltungsbereich dieser Allgemeinverfügung gehalten werden, durch deren Halter*innen zu unterbinden."

Gibt es keine anderen Maßnahmen?

Der Landkreis berichtet, dass die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend waren. 

"Seit einigen Jahren werden in Walldorf verstärkt Maßnahmen zum Schutz der Haubenlerche während der Fortpflanzungszeit durchgeführt und fortlaufend verbessert. Trotz dieser Maßnahmen kann bislang die lokale Population in Walldorf nicht ausreichend geschützt werden."

So sei es in den vergangenen Jahren wohl immer wieder vorgekommen, dass von den eigentlich erfolgreichen Bruten der Haubenlerchen mit jeweils 3 bis 4 Eiern/Nestlingen – aus verschiedenen Gründen – letztendlich dann nur sehr wenige Jungvögel überlebt haben. 

"Wegen der Beschränkung der gegenwärtigen Haubenlerchen-Vorkommen bei Walldorf auf die Ortsrandbereiche und des Verhaltens der Haubenlerchen als Bodenbrüter, die auch ausschließlich am Boden nach Nahrung suchen, sind Hauskatzen ein bedeutender Gefährdungsfaktor." 
Warum haben die bisherigen Maßnahmen nicht geholfen?

Das hat laut dem Landratsamt mehrere Gründe:

  • Die Neststandorte können erst um die Zeit des Schlupfes der Jungen gesondert mit Elektrozäunen geschützt werden, da die mit der Zäunung verbundene Störung in einem früheren Stadium der Brutzeit zur Aufgabe der Brut führen könnte. Ab dem neunten Tag nach dem Schlupf verlassen die Jungvögel die Nester und laufen in deren Umgebung umher. Wenige Tage später verlassen sie dann auch die eingezäunten Bereiche um die Neststandorte. In dieser Phase erreicht die Gefährdung durch freilaufende Katzen ihr höchstes Ausmaß, da die Jungvögel die volle Flugfähigkeit erst in weiteren 2 – 3 Wochen erlangen und die erste Zeit bei Gefahr nicht flüchten sondern reglos verharren. Weil die Haubenlerchen nicht synchron brüten, sondern die einzelnen Bruten zeitlich versetzt erfolgen, ist kontinuierlich von Mitte April bis Ende August mit sich außerhalb der Schutzzäune aufhaltenden, jedoch nicht zur Flucht fähigen jungen Haubenlerchen zu rechnen.
  • Sobald die Jungvögel geschlüpft sind, müssen sie in enger zeitlicher Taktung mit Nahrung versorgt werden. Das hat zur Folge, dass die Altvögel bei der Nahrungssuche nicht die gleiche Aufmerksamkeit gegenüber Gefahren haben können wie in anderen Lebensabschnitten. Sie unterliegen dann einem signifikant erhöhten Tötungsrisiko durch Katzen.
  • Die Gefährdung durch freilaufende Katzen beginnt jedoch schon deutlich früher, nämlich mit den ersten Revierbildungen im März. Ab dann halten sich die Haubenlerchen kontinuierlich auf vergleichsweise eng begrenzten Flächen in Ortsnähe auf, wodurch die Wahrscheinlichkeit der Begegnung mit Katzen signifikant höher als in der Nachbrut- und der Überwinterungszeit ist, zu der die Reviere aufgelöst sind und sich die Haubenlerchen über größere Bereiche verteilen.
Tierschutzverein klagt

Der Tierschutzverein Wiesloch/Walldorf kündigte an, sich juristisch gegen die Allgemeinverfügung wehren zu wollen. "Bewahren Sie bitte Ruhe", richtete sich der Vereinsvorsitzende Volker Stutz an die Katzenhalter. "Ich versichere Ihnen, dass wir unser Bestes geben, um diese unverhältnismäßige Maßnahme zu stoppen. "

Machen das andere Bundesländer bzw. Bayern auch?

Auf Anfrage von ANTENNE BAYERN, hat das Bayerische Landesamt für Umwelt (LfU) derartige Maßnahmen verneint.  

"Maßnahmen wie „Hausarrest für Katzen“ sind dem Bayerischen Landesamt für Umwelt nicht bekannt. Für den Brutschutz sind in Bayern Vogelschutzgebiete ausgewiesen. Von spezielle Schutzmaßnahmen gegenüber dem Jagdverhalten von Katzen liegen uns keine Erkenntnisse vor.",

so ein Sprecher des LfU.

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