10.10.2019 | Deutschland Attentäter von Halle Tat gesteht: Das wissen wir und diese Fragen sind offen

Nach dem Angriff in Halle mit zwei Toten hat der inhaftierte 27-jährige Deutsche die Tat gestanden und sich auch zu seinem Motiv geäußert. Welche Hintergründe zur Tat geklärt sind und welche Fragen offen sind...

Das wissen wir:

+++ UPDATE 11.10., 10:25 Uhr +++ Täter gesteht Tat

Der Todesschütze von Halle hat die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. Der 27-jährige habe in dem mehrstündigen Termin beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs am Donnerstagabend (11.10.) umfangreich ausgesagt.

Wer ist der Täter?

Der mutmaßliche Täter ist 27 Jahre alt und deutscher Staatsangehöriger. Er stammt aus dem sachsen-anhaltischen Eisleben. Der Ort liegt mit dem Auto gut eine halbe Stunde von Halle entfernt. Er soll nach Angaben eines Nachbarn seines Vaters eine Wohnung in Halle haben. Demnach sei der 27-Jährige vor rund zehn Jahren aus dem Haus seines Vaters in Helbra im Landkreis Mansfeld-Südharz ausgezogen. Die Mutter lebe in dem gut zwei Kilometer entfernten Benndorf, wie der Nachbar, der seinen Namen nicht nennen wollte, in Helbra sagte. Zudem soll er diesen Aussagen zufolge eine ältere Schwester haben. Der Nachbar beschreibt die Familie als ruhig, der Täter soll viel zu Hause gewesen sein. Der Vater des Schützen wollte sich nicht äußern.

Woher hatte der Schütze seine Waffen?

Zu dieser Frage fand das ZDF-Magazin Frontal 21 heraus, dass der mutmaßliche Attentäter von Halle Teile mehrerer Schusswaffen mithilfe eines 3D-Druckers selbst hergestellt hat. Zuvor hatte er offenbar selbst detaillierte Anleitungen zum Bau von Waffen im Internet verbreitet, darunter Pläne für eine Maschinenpistole, die er bei der Tat bei sich trug.

Außerdem stellte er laut Frontal 21 3D-Modelle für Magazine und Einzelteile von Waffen ins Internet. Auf einem Foto sei zu sehen, dass auf eine der Patronen ein Hakenkreuz aufgemalt worden sei. Zeitstempel der Bilddateien legten nahe, dass der Täter spätesten im Juni 2019 mit den Vorbereitungen für einen Anschlag begann.

Offenbar haben Defekte an mindestens einer Waffe eine höhere Opferzahl verhindert.

Wie wurde der Täter gefasst?

Nach seiner Flucht ist der Todesschütze von Halle auf der Bundesstraße 91 südlich von Halle festgenommen worden. Das war am Donnerstag aus Sicherheitskreisen zu erfahren. Zu dem Zugriff kam es den Angaben zufolge auf Höhe des Ortes Werschen in der Nähe von Hohenmölsen rund 45 Autominuten südlich der Saalestadt durch Spezialkräfte.

Zuvor führte die Flucht aus Halle in den Ort Landsberg etwa 15 Kilometer östlich der Saalestadt. Im Ortsteil Wiedersdorf gab der 27-Jährige Schüsse auf ein Ehepaar ab, wechselte das Auto und setzte seine Flucht mit einem gekaperten Taxi fort.

Einen Tag nach der Bluttat hat der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof Haftbefehl gegen den mutmaßlichen Rechtsterroristen erlassen. Das erklärte ein Sprecher des Bundesanwaltschaft am Donnerstagabend in Karlsruhe. Der Richter habe Untersuchungshaft angeordnet.

Was ist das Motiv des Täters?

Der Schütze hat nach seiner Festnahme die Tat gestanden und auch ein rechtsextremistisches, antisemitisches Motiv bestätigt. Der 27-jährige hat in dem mehrstündigen Termin beim Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs am Donnerstagabend (11.10.) umfangreich ausgesagt.

Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat die Tat von Halle als „rechtsextremistischen Terroranschlag“ eines Einzeltäters bezeichnet. Der Schütze habe aus antisemitischen und rechtsextremistischen Gründen gehandelt, sagte sie am Donnerstag (10.10.) in Karlsruhe. Zuvor hatten sich die Sicherheitsbehörden zurückgehalten mit eindeutigen Einstufungen der Tat.

War der Schütze den Sicherheitsbehörden bekannt?

Der Mann war den Behörden ersten Informationen zufolge bisher nicht als Teil der rechtsextremen Szene in Sachsen-Anhalt aufgefallen. 

Die Bundesanwaltschaft ermittelt: Was bedeutet das?

Die Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ein Sprecher sagte zur Übernahme der Ermittlungen durch die Karlsruher Behörde, es gehe hier um „die innere Sicherheit der Bundesrepublik Deutschland“. Am Donnerstag ergänzte Generalbundesanwalt Peter Frank, dass die Tat von Halle als Terror bezeichnet werde. „Was wir gestern erlebt haben, war Terror.“ Der Täter habe sich zum Ziel gesetzt, in der Synagoge ein Massaker anzurichten.

Wer sind die Opfer?

Wenige Meter von der Synagoge in Halle tötete der Täter zuerst eine Frau durch Schüsse in den Rücken. Es handelt sich um eine 40 Jahre alte Frau aus Halle.

Kurze Zeit später erschoss er einen Mann in einem einige hundert Meter entfernten Döner-Imbiss. Bei ihm handelt es sich um einen 20 Jahre alten Mann aus Merseburg. 

Foto: Jan Woitas/dpa

Zudem hat der Täter ein Ehepaar angegriffen, das im 15 Kilometer entfernten Landsberg ein Geschäft betreibt. Die 40 Jahre alte Frau und der 41 Jahre alte Mann werden mit Schussverletzungen im Krankenhaus behandelt.

Offene Fragen:

Was hat es mit dem angeblichen Bekennervideo im Internet auf sich?

Der mutmaßliche Täter der Angriffe in Halle/Saale soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. In dem knapp 36 Minuten langen Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Zu Beginn des Videos ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter in Kampfanzug mit Waffen in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in schlechtem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich. Bisher gibt es keine Bestätigung der Behörden dafür, dass es sich bei dem Mann im Video um den Attentäter handelt. Eine Version des Videos war auf der Streaming-Plattform Twitch zu sehen, wurde dort allerdings gleich wieder gelöscht.

Im Internet kursiert angeblich ein Manifest des Täters

Unbestätigt ist, ob das im Internet aufgetauchte, angebliche „Manifest“ tatsächlich vom mutmaßlichen Täter stammt. Das Dokument könnte aber nach Angaben einer Expertin eine Erklärung des Angreifers sein. Das PDF-Dokument zeige Bilder von Waffen und enthalte einen Verweis auf das Live-Video, das von der Tat verbreitet worden sei, schrieb Rita Katz, Leiterin der auf die Beobachtung von Extremisten spezialisierten Site Intelligence Group, auf Twitter.

In dem Text wird laut Katz das Ziel genannt, „so viele Anti-Weiße zu töten wie möglich, vorzugsweise Juden“. Das Dokument sei anscheinend am 1. Oktober angelegt worden und gebe Hinweise darauf, wie viel Planung und Vorbereitung der Täter in die Attacke gesteckt habe. Ob es tatsächlich von dem mutmaßlichen Täter stammt, ist bislang unklar.

Warum war die Synagoge nicht bewacht?

Unklar. Der Präsident des Zentralrats der Juden jedenfalls erhebt schwere Vorwürfe gegen die Polizei. „Dass die Synagoge in Halle an einem Feiertag wie Jom Kippur nicht durch die Polizei geschützt war, ist skandalös“, sagte Schuster. „Diese Fahrlässigkeit hat sich jetzt bitter gerächt.“ Nur glückliche Umstände hätten ein Massaker verhindert, sagte Schuster in Würzburg.

Foto: Jan Woitas/dpa

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Halle Max Privorozki bestätigte, dass sich der Angriff des Täters direkt gegen die Synagoge richtete. „Wir haben über die Kamera unserer Synagoge gesehen, dass ein schwer bewaffneter Täter mit Stahlhelm und Gewehr versucht hat, unsere Türen aufzuschießen“, sagte Privorozki der „Stuttgarter Zeitung“ und den „Stuttgarter Nachrichten“. „Aber unsere Türen haben gehalten.“

​Chronologie:

  • ca. 12 Uhr: Es fallen Schüsse in Halle in der Nähe der Synagoge, zwei Menschen werden getötet. Der Schütze flieht in einem Mietwagen.
  • 13:10 Uhr: Die Polizei informiert die Öffentlichkeit, dass zwei Menschen in Halle erschossen wurden.
  • 13:15 Uhr: Gefahrenmeldung der Polizei für Landsberg (Saalekreis), das rund 15 Kilometer von der Synagoge in Halle entfernt liegt.
    Die Bewohner werden gebeten, ihre Häuser nicht zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen.
  • 13:29 Uhr: Nach Angaben der Polizei sind mehrere bewaffnete Täter auf der Flucht. Sie seien mit einem Auto geflüchtet, so eine Polizeisprecherin. Bis zum Abend bleibt es bei dieser Einschätzung.
  • 13:30 Uhr: Der Schütze von Halle erreicht eine Werkstatt im Landsberger Ortsteil Wiedersdorf. Er fordert ein Auto. Vor einer Werkshalle steht ein Taxi, dass der Täter kurz danach für seine Flucht nutzt. Ein Elektriker sagt zuvor noch: „Das bekommst du nicht.“ Der Angreifer schießt mit seiner Waffe auf den Elektriker und verletzt ihn schwer. Er schwebt nicht in Lebensgefahr.
  • Der Angreifer flieht mit dem Taxi in Richtung Autobahn A9. Bei Zeitz fährt er auf die B91 ab, wird dann kurze Zeit später bei Werschen von einem Lkw gerammt.
  • 13:44 Uhr: Per Twitter meldet die Polizei, dass sie eine Person festgenommen hat.
  • 13:47 Uhr: Die Polizei bestätigt, dass es auch im rund 15 Kilometer von Halle entfernten Landsberg (Saalekreis) Schüsse gegeben hat.
  • 15:42 Uhr: Eine Sprecherin des Generalbundesanwalts sagt: „Es gibt ausreichend Anhaltspunkte für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund der Tat.“ Er übernimmt fortan die Ermittlungen.
  • 18:37 Uhr: Aus Sicherheitskreisen kommt die Information, dass alles auf einen Einzeltäter hindeute.
  • 19:10 Uhr: Aus Sicherheitskreisen heißt es, dass die Tat mutmaßlich einen rechtsextremistischen Hintergrund habe.