09.10.2019 | Deutschland Rechter Anschlag in Halle mit 2 Toten: Angreifer streamte Tat im Internet

Durch Schüsse in Halle an der Saale in der Nähe einer Synagoge kommen zwei Menschen ums Leben. Die Polizei nimmt eine Person fest. Vieles bleibt bisher für die Ermittler ein Rätsel, doch sie gehen inzwischen von einem Einzeltäter aus.

Foto: Sebastian Willnow/dpa

Zusammenfassung in Kürze:

  • In Halle (Saale) werden nahe einer Synagoge zwei Menschen erschossen.
  • Der mutmaßliche Täter wurde festgenommen. Der 27-jährige Deutsche war nach Einschätzung der Ermittler ein Einzeltäter.
  • Bundesinnenminister Horst Seehofer spricht von „ausreichend Anhaltspunkten für einen möglichen rechtsextremistischen Hintergrund“ der Schüsse von Halle.

Ein schwerbewaffneter Täter hat versucht, in einer Synagoge in Halle/Saale ein Blutbad unter rund 80 Gläubigen anzurichten. Die jüdische Gemeinde entging an ihrem höchsten Feiertag Jom Kippur nur knapp einer Katastrophe. Der mutmaßliche Rechtsextremist aus Sachsen-Anhalt wollte nach Angaben aus Sicherheitskreisen die Synagoge mit Waffengewalt stürmen, scheiterte jedoch. Danach soll der 27-jährige Deutsche vor der Synagoge und in einem nahen Döner-Imbiss zwei Menschen erschossen und mindestens zwei weitere verletzt haben. Er floh vom Tatort und wurde am Nachmittag festgenommen.

Polizei auf Twitter:

Mutmaßlicher Täter von Halle soll Bekennervideo verbreitet haben

Der mutmaßliche Täter der Angriffe in Halle/Saale soll in den sozialen Netzwerken ein Bekennervideo hochgeladen haben. In dem am Mittwoch (09.10.) verbreiteten Video ist zu sehen, wie offensichtlich in der Innenstadt von Halle geschossen wird. Unter anderem zeigt das Video, wie in einem Döner-Imbiss mehrfach auf einen Mann geschossen wird, der hinter einem Kühlschrank liegt. Die Aufnahmen stammen wohl von einer an einem Helm befestigten Kamera.

Foto: Sebastian Willnow/dpa

Zu Beginn des Videos ist zu sehen, wie der mutmaßliche Täter in Kampfanzug mit Waffen in einem Auto sitzt. Der Mann gibt in schlechtem Englisch extrem antisemitische Äußerungen von sich.

Zu sehen ist ein junger Mann mit kahlem Schädel in Kampfmontur. Er trägt ein weißes Halstuch. Ein solches Halstuch hatte auch der vermummte Täter getragen, der auf Aufnahmen von den Tatorten zu sehen war.

Das Video dokumentiert allem Anschein nach den Ablauf der Angriffe in Halle aus Sicht des Attentäters. Eine Version des Videos war auf der Streaming-Plattform Twitch zu sehen, wurde dort allerdings gleich wieder gelöscht.

In den Aufnahmen ist zu sehen, wie der Filmende vergeblich versucht, in die Synagoge an der Humboldtstraße zu gelangen. Die Tür bleibt allerdings verschlossen. Daraufhin schießt der Täter auf der Straße einer Passantin mehrfach in den Rücken, die ihn zuvor angesprochen hatte. 

Foto: Jan Woitas/dpa Blick auf den Friedhof und die Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle/Saale (Archivbild).

Die Frau bleibt leblos neben dem Fahrzeug des Täters liegen. Es ist auch zu sehen, wie der Mann in Kampfmontur auf der Straße auf einen Mann zielt, seine Waffe hat aber wohl Ladehemmung. Das Opfer, vermutlich ein Kurierfahrer, kann unverletzt entkommen. „Pech“, sagt die Stimme des Filmenden.

Der mutmaßliche Täter fährt danach mit einem Auto durch die Stadt. Er sagt immer wieder auf Englisch, dass er ein „Loser“ (Verlierer) sei. Bei einem Döner-Imbiss in der Ludwig-Wucherer-Straße („Kiez-Döner“) steigt der Mann aus, geht in den Laden und schießt mehrfach auf ein Opfer. 

Foto: Sebastian Willnow/dpa

Anschließend schießt der Mann - so zeigt es das Video - auf eine Polizeistreife, die sich ihm in den Weg stellt. Der Mann berichtet an seine mutmaßlichen Livestream-Zuschauer, dass er am Hals angeschossen worden sei.

Das Video ist insgesamt knapp 36 Minuten lang. Es hat den Anschein, dass der Täter während der Tat per Livestream mit Personen kommuniziert.

Handeln des Täters erinnert an Anschlag in Neuseeland

Das Vorgehen ähnelt dem Ablauf des Anschlags von Christchurch in Neuseeland. Bei dem Anschlag auf eine Moschee Mitte März waren 51 Menschen getötet und Dutzende verletzt worden. Dem mutmaßlichen Täter droht lebenslange Gefängnishaft. Er hatte den Anschlag mit einer Helmkamera live auf Facebook übertragen.

Polizei bittet um Zeugenhinweise

Die Polizei bittet Zeugen, Fotos oder Videos vom Tatgeschehen oder sonstige Hinweise über ein Online-Hinweisportal einzureichen.

Hier zum Polizei-Hinweisportal

Bundesanwaltschaft ermittelt wegen Mordes

Die Bundesanwaltschaft übernimmt zu dem Fall die Ermittlungen, und zwar wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Der Generalbundesanwalt verfolgt Taten terroristischer Vereinigungen. Ermittlungen gegen Einzeltäter kann er aber dann übernehmen, wenn dem Fall „besondere Bedeutung“ zukommt, etwa wegen des Ausmaßes der Rechtsverletzung und der Auswirkungen der Tat.

Schutz von Synagogen wird verstärkt

Nach den tödlichen Schüssen in Halle hat die Leipziger Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge der benachbarten Stadt verschärft. Etwa fünf Polizisten stehen vor dem Gebäude in der Innenstadt, davon sind mit Maschinenpistolen bewaffnet.

Foto: Jan Woitas/dpa Der Stern auf der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle/Saale (Archivbild).

Man wolle das weitere Geschehen abwarten und dann entscheiden. Das für Mittwochabend vorgesehene Lichterfest anlässlich des 30. Jahrestages der friedlichen Revolution in Leipzig finde wie geplant statt. Auch vor der Synagoge in Dresden und Hamburg wurde nach Angaben der Polizei der Polizeischutz erhöht.

Foto: Sebastian Willnow/dpa Polizisten sichern die Umgebung in Halle/Saale.

Nach Angaben von Augenzeugen trug mindestens ein Täter einen Kampfanzug und war mit mehreren Waffen bewaffnet.

Im rund 15 Kilometer entfernten Landsberg (Saalekreis) fielen ebenfalls Schüsse. Für den Kreis hatten die Behörden ebenfalls eine offizielle Gefahrenmeldung für die Bevölkerung herausgegeben.