03.08.2009 | Sport Biedermann und Steffen: «Ruder in Hand nehmen»

Die deutsche Nationalhymne war noch nicht lange verklungen, da formulierte die neue Doppel-Spitze ihre erste Regierungserklärung. Britta Steffen und Paul Biedermann nehmen ihre Rolle als Oberhaupt der deutschen Schwimmer ernst.

Biedermann und Steffen: «Ruder in Hand nehmen»
Paul Biedermann (r) unterhält sich mit Ausnahmeschwimmer Michael Phelps.
Die deutsche Nationalhymne war noch nicht lange verklungen, da formulierte die neue Doppel-Spitze ihre erste Regierungserklärung. Britta Steffen und Paul Biedermann nehmen ihre Rolle als Oberhaupt der deutschen Schwimmer ernst.

«Unsere Erfolge geben uns den Anspruch, das Ruder in die Hand zu nehmen», sagte Biedermann. Als Doppel-Weltmeister von Rom will er die Funktion des Teamleaders ebenso ausfüllen wie Steffen, die mit zwei Gold-, einer Silber und einer Bronzemedaille sogar einmal mehr Edelmetall als Biedermann aus dem Becken des Foro Italico fischte. «Ich sehe mich als die Schlüsselfigur, die den Kleinen den Weg weisen wird und sagt, ihr könnt es schaffen», sagt die 25-Jährige und sieht sich fast schon als Mutter der Kompanie im jungen deutschen Team.

Die Hälfte der 22 Schwimmer waren WM-Debütanten. Lehrgeld mussten nur wenige zahlen, dafür durften einige sogar mit Medaillen nach Hause fahren. Doch die vier WM-Titel und fünf Weltrekorde durch Biedermann und Steffen überstrahlen alles. Dem Deutschen Schwimm-Verband, von der Kündigung seines Generalsponsors Ende vergangenen Jahres arg gebeutelt, eröffnen sich nun glänzende Perspektiven: Ein neuer Fernsehvertrag und neue Ausrüster dürften nun kein Problem mehr sein.

Konkurrenzdenken ist dem «Traumpaar im sportlichen Sinn» (Biedermann) fremd, jeder freut sich über und profitiert von den Erfolgen des anderen. Kurz vor dem Start des Freistil-Rennens über 50 Meter umarmten sich Britta Steffen und Paul Biedermann vorm Aufwärmbecken innig. «Ich versteh mich super mit Paule, er ist einfach ein beeindruckender Typ. Sein Sieg gegen Phelps war das Tollste, was ich je erlebt habe», sagte Steffen.

Ihr Problem: Es gibt für sie derzeit keinen medienwirksamen Gegenpol, wie Biedermann ihn in Phelps hat. Steffen ist einfach zu gut für die Konkurrenz, ihr Weltrekord über 50 Meter Freistil eine Bestmarke «für die Ewigkeit», wie die Olympia-Zweite Dara Torres anmerkte. Doch Britta Steffen interessieren Rekordlisten wenig. Sie ist ohnehin dafür, mit dem Verbot der High-Tech-Anzüge von 2010 an einen Schlussstrich unter die bestehende Weltrekorde zu ziehen, um unerreichbare Fabel-Bestmarken, wie sie heute in der Leichtathletik bestehen, zu vermeiden. Das Zurück zum Textil-Material, mit dem Steffens Vorbild Alexander Popow in der altbekannten Badehose noch Rennen gewann, hat das uneingeschränkte Ja der Wirtschaftsingenieurs-Studentin.

Auf der Suche nach dem «perfekten Rennen» mit dem Ziel Olympia 2012 in London geht Steffen neue Wege. Ende September fliegt sie für vier Wochen nach Australien. Mit der 17-jährigen Cate Campbell, WM- Dritte über die 50 Meter, will sie trainieren. «Das ist die Frau der kommenden Jahre. Es ist nichts dran an dem Mädel, aber sie schwimmt so schnell», sagt die Berlinerin, die auf dem Fünften Kontinent beim anschließenden Sightseeing auch ihr Englisch verbessern will.

Für Biedermann und Steffen steht nach den stressigen Tagen von Rom erstmal Urlaub an. Die Berlinerin will nach Usedom, Biedermann in den drei Wochen «nicht ins Becken springen». Der 22-Jährige wird sich als Konsequenz aus seiner krankheitsbedingten Pause zu Beginn des Jahres mehr Ruhephasen gönnen. Ein Start beim Kurzbahn-Weltcup im November in Berlin dürfte aber Pflicht sein, zumal sein Kontrahent Michael Phelps einem Besuch an der Spree nicht abgeneigt zu sein scheint. «Das könnte eine gute Idee sein», sagte Phelps, trotz der bitteren Niederlage über 200 Meter Freistil gegen Biedermann mit fünf Titeln erfolgreichster Schwimmer der WM von Rom. (Quelle: Rom (dpa/lby))