20.07.2009 | Sport Contador «befreit» - Armstrong mit «Glückwunsch»

Alberto Contador vollzog die Zeitenwende in drei Etappen. Erst zwei niedrige Dosierungen: 22 Sekunden zum Tour-Auftakt in Monaco, 21 Sekunden auf der ersten Pyrenäen-Etappe in Andorra.

Contador «befreit» - Armstrong mit «Glückwunsch»
Alberto Contador schlägt sich auf der Ziellinie in Verbier auf die Brust.
Alberto Contador vollzog die Zeitenwende in drei Etappen. Erst zwei niedrige Dosierungen: 22 Sekunden zum Tour-Auftakt in Monaco, 21 Sekunden auf der ersten Pyrenäen-Etappe in Andorra. Dann die Holzhammer-Methode in Verbier.

In Verbier verpasste der 26-jährige Spanier dem elf Jahre älteren Lance Armstrong mit einem Rückstand von 1:35 Minuten die wahrscheinlich bitterste Niederlage seiner Karriere. Sie machte Armstrong klar: Die Zeit ist auch für einen siebenfachen Toursieger, der die Sportwelt seit seinem ersten Sieg in Frankreich 1999 nach überstandener Krebserkrankung in Atem hält, nicht zurückzudrehen. «Es mag Leute geben, die erwartet haben, dass ich wie 2004 oder 2005 fahren würde, aber das entspricht nicht der Realität», sagte Armstrong.

Der «Matador» der 96. Tour de France ist Alberto Contador - daran ließ auch die «L'Équipe» in riesigen Lettern keinen Zweifel. Die spanische Sportzeitung «Marca» jubelte: «Contador hat mit einem Handstreich seine Autorität bewiesen». Und laut «El Pais» besiegelte der Spanier «das Ende Armstrongs». Am Ruhetag in Sion (Schweiz) meinte Contador, er habe sich nie spezielle Gedanken darüber gemacht, der erste Fahrer zu sein, der Armstrong nach dessen sieben Siegen schlagen könnte. «Nach seinem Rücktritt hätte ich nicht an ein Comeback gedacht», sagte Contador, der auf der Pressekonferenz im Astana-Hotel gegen den Lärm von vorbeirauschenden Zügen ansprechen musste und sich vom Druck von Außen «befreit» zeigte.

Einen Tag nach seiner Siegesfahrt ins Gelbe Trikot wähnte sich der Madrilene noch nicht am Ziel seiner Wünsche: «Es fehlt noch viel zum Tour-Sieg, auch wenn ich jetzt ruhiger schlafe als in den vergangenen Tagen.» Vor der 16. Etappe am Dienstag von Martigny nach Bourg-Saint-Maurice hat Contador den Luxemburger Andy Schleck (Fünfter/2:26 Minuten Rückstand) und den Briten Bradley Wiggins (Dritter/1:46) als «gefährlichste Konkurrenten» ausgemacht. Zur Jagd auf Armstrongs Bestmarke von sieben Tour-Siegen blies der eher zurückhaltende Contador nicht, auch wenn der Champion von 2007 noch «möglichst viele» Frankreich-Rundfahrten gewinnen will.

Armstrong, der im September 38 Jahre alt wird, blieb nicht viel mehr übrig, als die immer wieder provozierenden Worte über seinen Team-Kollegen in Freundlichkeit zu wandeln. «Mein Glückwunsch an ihn kommt von Herzen» twitterte der Texaner in die Welt und gab sich als fairer Verlierer, der die letzten Tour-Tage in die Samariter-Rolle schlüpfen und Contador zu Diensten sein will.

Am Abend nach der «Horror-Etappe» (Armstrong) konnte sich der Texaner wenigstens freuen, das Wettrennen gegen Contador ins Mannschaftshotel - wie immer - gewonnen zu haben. Diesmal war er 43 Minuten eher da. Seine beiden Bodyguards empfingen Armstrong gleich hinter dem Zielstrich in Verbier, verfrachteten ihn in einen Wagen und chauffierten ihn ins Mannschafts-Quartier «Le Castel» in Sion. Dort - so konstatierte die «L'Équipe» mit wenig Verständnis - floss nach dem Astana-Triumph «nicht ein einziger Tropfen Champagner».

Trotzdem freute sich Contador, dessen Tage unter dem Armstrong-Freund und Astana-Teamchef Johan Bruyneel gezählt sind, riesig. Wie viel Last der Erfolg von Verbier von seinen schmalen Schultern nahm, war bei der Siegerehrung zu merken. Immer wieder stieß der dürre Madrilene, der seit 2006 in Verdacht steht, auch Kunde des mutmaßlichen Doping-Arztes Eufemiano Fuentes gewesen zu sein, die Fäuste in die Luft.

Ein reines Astana-Podest auf den Pariser Champs Elysées mit Contador an Nummer eins, Armstrong an zwei und Andreas Klöden auf Platz drei würde niemanden überraschen und die Kräfteverhältnisse dieser Tour widerspiegeln. Über einen vergleichbaren Erfolg konnte bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney gestaunt werden, als sich die Telekom-Profis Jan Ullrich, Alexander Winokurow und Klöden die Medaillen teilten. Zumindest im Fall Ullrich untersucht eine IOC-Kommission wohl noch immer, ob ihm wegen möglichen Dopings der Olympiasieg aberkannt werden kann. (Quelle: Sion/Verbier (dpa/lby))