20.04.2009 | Welt Britten-Oper «Death in Venice» in Hamburg

Britten-Oper «Death in Venice» in Hamburg
Der Schriftsteller und sein Objekt der Begierde: Gustav von Aschenbach (Michael Schade - vorne) und Tadzio (Gabriele Frola).
Hamburg (dpa) ­ Benjamin Brittens Opern sind allesamt keine Selbstgänger auf deutschen Bühnen. Umso erfreulicher, dass Hamburgs Intendantin Simone Young leidenschaftlich für das schillernde dramatische Werk des 1976 gestorbenen britischen Komponisten wirbt.

Nach «A Midsummer Nights Dream» und «Billy Budd» folgte nun «Death in Venice», die Bühnen-Adaption von Thomas Manns Novelle «Tod in Venedig» aus Brittens letzten Lebensjahren. Ein Schlüssel- und Alterswerk, das Schaffenskrise, Krankheit, Homosexualität und Tod im Labyrinth der Lagunenstadt mythenmächtig widerspiegelt und am Sonntagabend als Hamburger Erstaufführung starken Premieren-Beifall in der Staatsoper fand.

Britten scheint in Mode zu kommen: Erst Ende März hatte am Badischen Staatstheater in Karlsruhe Regisseur Georg Köhl mit dem Werk einen Riesen-Erfolg gefeiert. «Ben schreibt eine teuflische Oper, und sie wird ihn umbringen», hatte Peter Pears, der große englische Tenor und Lebensgefährte Brittens zur Entstehung von «Death in Venice» gesagt. Trotz schwerer Herzerkrankung hatte Britten die verhängnisvolle Liebe des alternden deutschen Schriftstellers Gustav von Aschenbach zu dem schönen jungen Polen Tadzio in eine auch musikalisch schlüssige Szenenfolge umzuwandeln gesucht. Dabei hatte er Aschenbach sechs mephistophelische Gegenspieler in einer Sänger-Gestalt beigestellt, die mal als Gondoliere, mal als Hotelier oder Gott Dionysos erscheint. Tadzio dagegen, das Objekt der Begierde, ist als reiner, stummer Tänzer-Part konzipiert.

Ein geschickter Schachzug, der die Figur vor allzu trivialem Auftritt schützt. Doch muss man die Kunstgriffe aus der Werkstatt Brittens und Thomas Manns auch parieren. Das von Young geladene Team um den britischen Regisseur Ramin Gray und Bühnenbildner Jeremy Herbert näherte sich Brittens Spätwerk mit einer Zurückhaltung, die immer wieder ans Farb- und Fantasielose stößt. Gewiss ist es nicht leicht, den extrem flüchtigen Stationen dieser Künstlertragödie fesselnd Bühnenleben zu geben.

Und Venedig als glück- und todbringender Schauplatz muss auch nicht zwingend mit Canale Grande, Lido, Markusdom und Lagune bebildert werden. Doch zwei ewig kreisende Windmaschinen, aus denen mal weiße, mal schwarze Tücher herausgepustet werden und ein paar Schattenrisse mit Gondolieri vermögen Geheimnis und Verlockung der venezianischen Todesfahrt nur bedingt einzufangen.

Mit Michael Schade hat freilich ein großartiger Tenor in der Partie des Gustav Aschenbach an der Staatsoper festgemacht. Er muss in seinem Rollendebüt mörderische zweieinhalb Stunden unentwegt auf der Bühne präsent sein. Schade gelang dabei ein stimmlich kraftvolles und sehr sehr eindrucksvolles Aschenbach-Porträt. Großer Beifall war ihm sicher, ebenso wie Nmon Ford, Hamburgs gefeiertem Billy Budd, der Schade in seinen diversen Verführerrollen glänzend Paroli bot. Den schönen Tadzio gab ein junger Eleve aus John Neumeiers Ballettschul-Corps: Gabriele Frola, der die Turn- und Tanzmanöver im Kreis der Strandkinderschar gut absolvierte.

Simone Young hatte bei ihrem neuerlichen Britten-Plädoyer am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters offenbar primär das Verhaltene, Transparente und Konzentrierte des herben Spätwerks im Visier, das sich allerdings erst im zweiten Akt zu schärferem und explosivem dramatischen Ausdruck verdichtete.