19.04.2009 | Welt Die «Wut» der Integrationsverlierer

Die «Wut» der Integrationsverlierer
Die Theaterfassung des Fernsehfilms «Wut» im Schauspielhaus Stuttgart.
Wer sich Rezepte erhofft hatte, wie Integration bei uns doch funktionieren könnte, war falsch am Samstagabend im Stuttgarter Schauspielhaus.

Am Ende der Integrationstragödie «Wut» müssen 15 junge Männer mit Migrationsgeschichte sterbenPlatz für einen Funken Zuversicht auf eine gerechtere, tolerantere Gesellschaft bleibt nicht. Hausregisseur Volker Lösch hat den vieldiskutierten Fernsehfilm «Wut» von Autor Max Eipp auf die Bühne gebracht. Türkische Wut trifft deutsche Ignoranz. Nach der Uraufführung gab es viel Applaus der Zuschaueraber eben auch ratlose Gesichter. Wie kann das nur gehen mit der Integration?

Der junge Türke Can, der im Fernsehfilm mit Erpressungen eine deutsche Familie aufmischt, wird in Löschs Version zu einem ganzen Heer von jungen, perspektivlosen Männern. 15 Verlierer einer verfehlten Integrationspolitik. Aus dem Scheitern ihrer Lebenspläne entsteht Wut, jede Menge Wut. «Alle wissen, dass wir auf eine Katastrophe zusteuern, aber niemand will das wahrhaben», sagt Lösch.

Sie gehen uns alle an, will der Regisseur dann wohl auch damit sagen, dass er auf eine klassische Bühne quasi ganz verzichtet, und seine Schauspieler größtenteils im Publikumsraum spielen und über die Sitze klettern lässt. Stuttgart scheint für so etwas gleichsam der ideale Ort zu sein: Hier haben inzwischen 40 Prozent aller Bürger und sogar 56 Prozent der unter 18-Jährigen Migrationsgeschichte. Sie stammen aus 170 Nationen, sprechen 120 verschiedene Sprachen.

Löschs 15 Laiendarstellerdie echter nicht rüberkommen könntenhaben türkische, marokkanische, arabische, eritreische, kenianische, spanische, albanische und algerische Wurzeln. Ihre Biografien hat Lösch in seine Inszenierung eingebaut. Frust in der Schule, Frust bei der Wohnungssuche, Frust am Arbeitsplatz. Sie alle spielen, eingebunden in einen vielstimmigen Chor, die Figur des Can. Sie beherrschen die Straße, dealen und schlagen zu, wenn sie das Gefühl haben, ihre Ehre würde verletzt.

«Junge, perspektivlose Männer, die uns jeden Tag auf den Straßen und in der U-Bahn begegnen und mit denen wir am liebsten nichts zu tun haben wollen», nennt sie Lösch. Die gut situierte deutsche Familie Laub werde zum Spiegelbild einer Gesellschaft, die sich mit sozialen Problemen erst befasse, wenn sie vor der eigenen Haustür ausgefochten werden. Familienvater Simon Laub (Sebastian Kowski), ein Literaturprofessor, will sich seine rosarote Welt inklusive türkischer Putzfrau nicht zerstören lassen und greift am Ende selbst zur Gewalt als Mittel der Konfliktlösung. Wie gesagt: Für Hoffnung auf eine gerechtere und tolerantere Welt lässt Lösch ebenso wenig Raum wie damals «Wut»-Autor Eipp. (Quelle: ) (Quelle: (dpa) - Stuttgart ) (Quelle: )