19.04.2009 | Welt Oberammergau: Psychologe und PR-Sprecher als Jesus

Oberammergau: Psychologe und PR-Sprecher als Jesus
Frederik Mayet (l) und Andreas Richter übernehmen die Rolle des Jesus.
Eine Psychologe und ein Pressesprecher werden als Laiendarsteller Jesus Christus bei den Oberammergauer Passionsfestspielen 2010 spielen.

Die Vergabe der Rollen für die nur alle zehn Jahre stattfindenden Festspiele wurden am Samstag in der bayerischen Gemeinde bekanntgegeben. Die Hauptrolle des Gottessohnes übernehmen der Sprecher von Regisseur Christian Stückl, Frederik Mayet (29), und der Psychologe Andreas Richter (32), beide Neulinge in der wichtigsten zu vergebenden Partie. «Diese Figur ist eine Zumutung», sagte Spielleiter Stückl bei der mit Spannung erwarteten Präsentation des Darstellerteams zur Dimension der Jesus-Rolle. Premiere für die 102 Aufführungen ist am 15. Mai 2010. Mehr als eine halbe Million Zuschauer aus aller Welt werden erwartet.

Vom Messias zum Verräter wird Martin Norz: Der 44-Jährige spielte 1990 und 2000 den Jesus, dieses Mal gibt er den Judas. Beide Besetzungen für die Maria, Andrea Hecht und Ursula Burkhart (jeweils 47), haben in dieser Rolle schon früher auf der riesigen Bühne des Passionstheaters den Tod Jesu beweint. Neu als Petrus agieren die Studenten Jonas Konsek (22) und Maximilian Stöger (20).

Mehrere hundert Einheimische haben sich am Mittag vor dem Theater versammelt, um ja nicht zu versäumen, wenn das seit Wochen bestgehütete Geheimnis von Oberammergau gelüftet wird. Am Abend zuvor hatte der Gemeinderat in vierstündiger geheimer Sitzung die von Stückl eingereichte Vorschlagsliste gebilligt, größere Kontroversen blieben offensichtlich aus. «Es ist meine Wunschmannschaft», sagt nun Stückl zu seinem Team, «ich stehe voll dahinter.»

Bei einem Wechsel aus Sonne und Wolken steht der 78-jährige Wilhelm Häßler an der riesigen Tafel und schreibt mit biblischer Gelassenheit die Namen der Darsteller an. Der Malermeister mit schlohweißem Haar und Bart zelebriert die wichtigste Aufgabe des Tages regelrecht: Feierlich führt er die weiße Kreide mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand über die vorgezogenen Linien. Immer, wenn sich ein Name schon nach wenigen Buchstaben erschließt, bricht Jubel los, die jungen Dorfbewohner kreischen, wenn ihr Wunschkandidat darunter ist.

«Der hat eine ganz tolle Aussprache», entfährt es Roswitha Stückl, der Mutter des Spielleiters, als der Name von Jesus-Darsteller Mayet angeschrieben wird. Sie versichert, dass der Spielleiter nicht einmal ihr als Mutter schon vorher die Namen verraten hat. Das Jahrhunderte alte Ritual der Bekanntgabe lässt sich auch Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) nicht entgehen, der sich gar hilfsbereit als Schemelschieber für Anschreiber Häßler zur Verfügung stellt. Denn der muss für die obersten Namen auf der Tafel hoch hinaus.

Stückl, im Hauptberuf Intendant am Münchner Volkstheater, raucht an diesem Samstag noch mehr Zigaretten als sonst. Vor der Bekanntgabe der Namen für die Hauptrollen geht er gegen Starrummel für Jesus und Co. an und bemüht vielmehr das Wir-Gefühl der Oberammergauer. «Es ist wichtig, dass wir alle miteinander die Passion spielen», ruft er den Bewohnern zu, «nehmt es sportlich, wenn Ihr nicht unter den Auserwählten seid.» Doch bei der anschließenden Pressekonferenz kann auch er nicht verhindern, dass sich alle auf das Jesus-Duo stürzen. «Ich bin seit Wochen mit Castingblick durchs Dorf gegangen», erzählt er, immer auf der Suche nach neuen Darstellern für die Passion. 1800 Bewerbungen lagen ihm vor, doch «keiner hat draufgeschrieben, dass er den Jesus spielen will».

Am Vormittag hatten die Oberammergauer in einer feierlichen Zeremonie ihr Gelübde für die alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele erneuert. Bei einem ökumenischen Gottesdienst sagte der katholische Weihbischof Franz Dietl, mit der Gelübdeerneuerung stellten die Bürger die anstrengende Zeit der Vorbereitung unter den Segen Gottes. Nach Auffassung der evangelischen Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler sind die Passionsspiele die Inszenierung der erlösenden Botschaft des Evangeliums. Seit 375 Jahren begäben sich die Oberammergauer «in die Leidensgeschichte Jesu hinein».

Seehofer sagte, wer so lange an einem Gelübde festhält, meine es wirklich ehrlich mit der Religiosität des Spiels. Der elfjährige Darsteller und Ministrant Christoph Stöger sprach stilecht in Tracht stellvertretend für alle die Formel: «Eingedenk des Gelübdes und getreu dem Verspruch unserer Vorfahren werden wir Oberammergauer im Jahr 2010 das Passionsspiel aufführen.»

Das Spektakel geht auf ein Pestgelübde im Jahr 1633 zurück. Jeder, der mindestens 20 Jahre in Oberammergau lebt oder dort geboren wurde, hat Spielrecht. Über 2500 Aktive und damit jeder zweite Bewohner wirken auf oder hinter der Bühne mit. Erstmals wird Christus 2010 im Dunkel der Nacht ans Kreuz geschlagen. Stückl will damit auf der nach oben offenen Bühne spezielle Lichteffekte der Abenddämmerung nutzen. Es wird mit einem Reingewinn von 25 Millionen Euro in der Gemeindekasse gerechnet. Die Investitionen betragen 33 Millionen. (Quelle: ) (Quelle: (dpa) - Oberammergau ) (Quelle: )