27.05.2009 | Welt Schau über Deutsche und Polen in Berlin

Schau über Deutsche und Polen in Berlin
Exponate aus einer Untergrund-Druckerei in der Ausstellung «Abgründe und Hoffnungen» im Deutschen Historischen Museum
«Auf nach Berlin!» heißt es auf dem Plakat mit dem polnischen Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg. Slogans wie «Dreigeteilt - Niemals!» leuchten in der jungen Bundesrepublik noch in den 50er und 60er Jahren an den innerdeutschen Grenzübergängen von den Postern.

1970 kniet mit Willy Brandt ein deutscher Bundeskanzler vor dem Mahnmal für die ermordeten Juden des Warschauer Ghettos nieder. Einen geschichtlichen Überblick über die «nicht einfache Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen» der letzten 200 Jahre, wie es der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski formuliert, gibt jetzt die große Dokumentationsausstellung «Deutsche und Polen - 1.9.39 - Abgründe und Hoffnungen», die von diesem Donnerstag an im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist.

Anlass für die bis zum 6. September gezeigte Schau unter Beteiligung von Historikern beider Seiten ist der 70. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkrieges mit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939. Mit rund 750 Dokumenten, Fotos, Gemälden, Skulpturen und auch privaten Erinnerungsstücken auf zwei Etagen wird an den Krieg, seine wechselvolle Vorgeschichte und die epochalen Folgen bis in die Gegenwart erinnert, die ebenso von Wiederannäherung wie auch von immer noch existierenden Vorurteilen auf beiden Seiten geprägt ist. «Klinski, putz die Polski!» lautete eine Zeitungsschlagzeile beim WM-Fußballspiel Deutschland gegen Polen im Juni 2006. Und das Titelbild eines polnischen Magazins zeigte 2007 die Brüder Kaczynski (Staats- und Regierungschefs) an der nackten Brust von Bundeskanzlerin Angela Merkel als «Stiefmutter Europas».

Natürlich werden in der Schau auch die aktuellen Diskussionen um «Flucht und Vertreibung» nicht ausgespart, wobei auch an die in Deutschland leicht vergessenen Vertreibungen der Polen durch die Sowjets aus Ostpolen erinnert wird. Ein polnischer Historiker sprach am Mittwoch in Berlin von einer «Zusammenarbeit des gegenseitigen Vertrauens», die Schule machen sollte.

Das historische Entree bildet das politische Testaments Friedrich des Großen aus dem 18. Jahrhundert, in dem es heißt, man solle «Polen verspeisen Blatt für Blatte wie eine Artischocke». Aber auch die am 3. Mai 1791 geschriebene erste europäische Verfassung Polens ist zu sehen, ein Datum, das bis heute als Nationalfeiertag begangen wird (die französische Verfassung nach der Französischen Revolution wurde erst im September 1791 unterzeichnet). Nach der dritten Teilung im Jahr 1795 war Polen für 123 Jahre eine Nation ohne Staat. Nach der Neugründung Polens 1918 erkannte die Weimarer Republik die polnische Westgrenze nicht an.

Vorurteile und Konflikte waren die Folgen bis hin zu Hitlers Überfall und Vernichtungskrieg gegen die polnische Bevölkerung und die Kultur. «Ich habe mehr Gefangene als ich Munition zur Verfügung habe», meldet ein Nazi-Kommandant der deutschen Besatzungstruppen nach dem Warschauer Aufstand von 1944. Das dunkelste Kapitel der deutsch-polnischen Beziehungen ist auch in der Ausstellungsarchitektur entsprechend düster gestaltet und erinnert noch einmal an für die heutigen Besuchern schier unfassbaren Verbrechen der Nationalsozialisten im Nachbarland, das sie sich zu Kriegsbeginn zunächst mit ihrem späteren Kriegsgegner Sowjetunion noch geteilt hatten.

Flucht und Vertreibung und die unterschiedliche Annäherung der beiden deutschen Staaten nach dem Krieg an Polen sowie schließlich die Freiheitsbewegungen von Solidarnosc dokumentieren die abschließenden Räume. Die Ausstellungsmacher wollten dabei auch persönliche Schicksale erzählen, wie zum Beispiel von den Schlüsseln, die deutsche Flüchtlinge mitnahmen in der Hoffnung, bald wieder in ihre Häuser zurückkehren zu können. Oder von der Frau, die in den 70er Jahren ihr Heimatdorf im heutigen Polen besucht und dort freundlich bewirtet wird mit einem Kaffeeservice, in dem sie die restliche Hälfte ihres auf der Flucht mitgenommenen Geschirrs erkennt. Deutsch-polnische Geschichten, die viel erzählen - und eben nicht nur von Verbrechen. (Quelle: Berlin )