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«Blue Moon»: Hollywood-Star Ethan Hawke trumpft groß auf

Schon zum neunten Mal spielt Ethan Hawke in einem Spielfilm von Regisseur Richard Linklater. Im Kammerspiel «Blue Moon» übertrumpft sich der Hollywood-Star mit einer grandiosen Charakterstudie selbst.

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Ethan Hawke John Locher/Invision/AP/dpa

Berlin (dpa) - Bei der Oscar-Verleihung gehörte Hollywood-Star Ethan Hawke für sein Spiel in «Blue Moon» zu den Nominierten in der Kategorie «Bester Hauptdarsteller». Landsmann Michael B. Jordan bekam den Preis für seine Glanzleistung in «Blood & Sinners». Das schmälert jedoch die Leistung von Ethan Hawke nicht. 

Seine Interpretation des Songschreibers Lorenz Hart (1895 – 1943) dürfte als eine der eindrucksvollsten Darstellungen einer komplizierten Persönlichkeit in die Geschichte des Kinos eingehen.

Das Lebensende eines einst gefeierten Songschreibers

Der Titel des Films spielt auf einen legendären Hit der US-amerikanischen Musikgeschichte an: Mit «Blue Moon» gelang dem Autor Lorenz Hart gemeinsam mit dem Komponisten Richard Rodgers (1902 – 1979) ein Welterfolg. 

Berühmte Interpreten wie Ella Fitzgerald, Frank Sinatra, Elvis Presley, die Beatles und auch Götz Alsmann mit seiner ganz eigenen Version «Mondnacht am Meer» haben den poetischen Song rund um die Erde getragen. Der Spielfilm gleichen Titels feiert allerdings nicht den Evergreen. Star-Regisseur Richard Linklater (zuletzt: «Nouvelle Vague») beleuchtet das Lebensende von Lorenz Hart.

Das feinsinnige Kammerspiel zeigt den Mitschöpfer vieler Broadway-Kracher der 1920er bis 1940er Jahre kurz vor seinem Tod. Zwar sind Gassenhauer wie «The Lady Is a Tramp», «My Funny Valentine» und eben «Blue Moon» nach wie vor vielfach zu hören. Doch Lorenz Harts Stern ist gefallen. 

«Blue Moon» spielt an einem Abend in einer Bar

Der Film spielt am 31. März 1943, als Hart allein an der Bar des Restaurants «Sardi‘s» sitzt, in jenen Tagen der beliebteste Treffpunkt der New Yorker Schickeria. Er ist lediglich Zaungast der hier an diesem Abend stattfindenden Premierenfeier von «Oklahoma!», dem ersten Musical, das sein langjähriger Kompagnon, der Komponist Richard Rodgers (Andrew Scott), gemeinsam mit dem Textdichter Oscar Hammerstein II (1895 – 1960) verfasst hat.

Die Trunksucht und die daraus resultierende Abkehr des bisherigen Arbeitsgefährten haben Lorenz Hart innerlich zerschmettert. Den Trost, den er im Alkohol sucht, findet er nicht. Der gebrochene Mann buhlt mit einem endlos anmutenden Wortschwall um Aufmerksamkeit und Anerkennung. 

Der Barkeeper (Bobby Cannavale), ein Dichter (Patrick Kennedy) und vor allem die junge Freundin Elizabeth (Margaret Qualley) hören mehr oder weniger geduldig zu. Doch außer Mitleid haben sie nichts zu geben. Lorenz Hart bleiben nur seine eigenen Worte. Er klammert sich daran als wären sie Rettungsringe. Doch sie geben keinen Halt.

Ein Film mit einem magischen Sog

Die Story in Stichworten lässt auf Trübsinn schließen. Doch dem ist nicht so. Regisseur Richard Linklater und Drehbuchautor Robert Kaplow, die schon bei der Komödie «Ich & Orson Welles» (2008) erfolgreich zusammengearbeitet haben, begeistern mit einem fast schwerelos anmutenden Tonfall. 

Lorenz Hart, so wie sie ihn zeigen, begegnet seiner Misere mit zündendem Witz. Nahezu jeder seiner Sätze endet mit einer gepfefferten Pointe. Das ist nie platt. Hinter aller schillernden Komik scheint durchweg die Tragik eines Mannes auf, der verzweifelt um einen letzten Rest Würde kämpft.

Auch wenn äußerlich kaum etwas passiert, hat dieser Spielfilm einen magischen Sog. Das ist in hohem Maß der Intensität von Ethan Hawke zu danken. Er absolviert einen schauspielerischen Kraftakt. Es ist fesselnd, wie er Tragik und Komik in der Balance hält. Bei vielen im Kinosaal dürften sich oft Tränen des Lachens mit solchen der Rührung mischen. 

Dieser Satz ist Ethan Hawke im Gedächtnis geblieben

Der Schauspieler beherrscht die Kunst, nahezu jedem Wort eine mindestens doppelte Bedeutung zu verleihen. Und er sagt ungemein viel mit den Augen. Die Wirkung ist atemberaubend. Die Filmerzählung wird dank der Wahrhaftigkeit des Hauptdarstellers absolut packend, dabei nie sentimental oder pathetisch.

Ein Satz aus dem Film sei ihm besonders in Erinnerung geblieben, sagte Hawke im Interview der Deutschen Presse-Agentur 2025, als der Film bei der Berlinale lief. Es sei ein Zitat des Autors W. Somerset Maugham: «There's always one who loves and one who lets himself be loved» (auf Deutsch: «Es gibt immer einen, der liebt, und einen, der sich lieben lässt.»)

«Ich glaube, dieses Zitat bedeutete Lorenz sehr viel, weil er so einsam war», führte Hawke aus. «Wenn man das Glück hat, eine geteilte Liebe zu erleben, verliert dieses Zitat an Bedeutung. Es muss nicht unbedingt so sein. Aber ich glaube, auf Hart traf es zu.»

Was Hawke an «Blue Moon» besonders gefallen hat

Dem Publikum brennt sich eine über das Schicksal der Hauptfigur weit hinausweisende Frage ein: Was tun, wenn man sich selbst verloren hat? Eine vorschnelle Antwort wird nicht gegeben. Doch so manche Szene dürfte viele im Kinosaal dazu bringen, genau darüber nachzudenken. 

Was hat Hawke selbst am Film besonders gereizt? «Die Originalität des Ganzen», sagt er. «Es ist das Porträt eines Menschen, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Es ist gleichzeitig unglaublich lustig und unglaublich traurig. Ich liebe Dinge, die zwei Seiten haben.»

Lorenz Hart weiß schließlich, dass er sich im Nichts der Bedeutungslosigkeit verloren hat. Doch er jammert nicht, bewahrt Haltung. Er lächelt. Dieses Lächeln begleitet einen auf dem Heimweg – zusammen mit dem Zauber des wunderbar melancholischen Songs «Blue Moon».

© dpa-infocom, dpa:260326-930-867699/1