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Kunde nach Millionen-Coup: «Fühle mich wie betäubt»

Deprimiert, «wie betäubt nach einer Spritze», fühlt sich ein Opfer des Gelsenkirchener Einbruchs in eine Bank-Filiale. Der Mann will klagen - zusammen mit rund 200 anderen Geschädigten.

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Treffen mit Betroffenen des Gelsenkirchener Sparkassen-Einbruchs Christoph Reichwein/dpa

Gelsenkirchen (dpa) - 40 Jahre lang hat Faqir Malyar schwere Teppiche geschleppt. Jetzt tut dem 67 Jahre alten Teppichhändler aus Gelsenkirchen immer öfter die rechte Schulter weh. Ein bis zwei Jahre wollte er noch machen und dann zusammen mit seiner Frau den Ruhestand genießen. Daraus wird nun nichts. Seit dem spektakulären Sparkassen-Einbruch Ende Dezember sind seine Ersparnisse weg.

Rund 85.000 Euro aus einer Erbschaft und einer Lebensversicherung hatte der gebürtige Afghane nach eigenen Worten zuletzt in seinem Bankschließfach bei der Gelsenkirchener Sparkasse, das er zusammen mit seinem Bruder seit über 15 Jahren gemietet hat. Ein Konto war für ihn keine Alternative: «Wenn Sie in der Heimat Teppiche einkaufen, brauchen Sie Bargeld.» Hinzu kommt Schmuck für über 20.000 Euro - Geschenke von der Hochzeit mit seiner zweiten Frau 2012.

Erster Schock bei der Einbruchs-Nachricht

Seinen ersten Schockmoment erlebt Malyar, als er auf dem Weg zu einem Kunden im Radio von dem Sparkassen-Einbruch in Gelsenkirchen hört. Sein Teppichladen ist direkt neben der Sparkasse, zurück von seinem Kundentermin sieht er die aufgeregten Menschen vor der Filiale. Später hört er, dass 95 Prozent der Schließfächer ausgeräumt sein sollen - und hofft, dass er vielleicht gegen alle Wahrscheinlichkeit doch nicht dabei ist.

Die Sparkasse öffnet eine Info-Hotline, Malyar ruft an. Nach einer Dreiviertelstunde kommt er durch. Er wird nach seiner Schließfachnummer gefragt - es ist die 1413 - und der Bankmitarbeiter eröffnet ihm, dass auch sein Fach ausgeräumt sei.

«Ich konnte nicht atmen»

«Ich konnte im ersten Moment nicht atmen», schildert der 67-Jährige, «ich war wie betäubt nach einer Spritze». Er habe doch immer penibel Buch geführt über Ein- und Auszahlungen im Schließfach, erzählt er. «Bei der Bank ist alles sicher, dachte ich», sagt er. 

Nun ist alles weg, und die Sparkasse verweist darauf, dass sie nur bis maximal 10.300 Euro für Schließfachschäden hafte. «Das hat mir in all den Jahren niemand gesagt», kritisiert Malyar. «Sonst hätte ich 100-prozentig eine Zusatzversicherung abgeschlossen.» Er will sein ganzes Geld zurück und hat einen Anwalt eingeschaltet - den Marler Strafrechtler Burkhard Benecken.

Anwälte bringen sich in Stellung - bereit zu «Deal»

Benecken hat in den vergangenen zwei Wochen bereits über 100 Mandanten gesammelt. Ein Kollege, der Dattelner Anwalt Daniel Kuhlmann, sagt, dass er schon Mandanten-Vollmachten von etwa 150 Geschädigten habe. 

Die Anwälte fragen vor allem, wieso die mutmaßlich stundenlangen schweren Bohrarbeiten durch die dicke Wand des Tresorraumes unbemerkt blieben. Beide haben Kontakt mit Sachverständigen aufgenommen. Offensichtlich sei kein Bewegungsmelder im Tresorraum gewesen, werfen sie der Bank vor. Sonst hätte es in jedem Fall einen Einbruchsalarm und nicht nur einen Feueralarm geben müssen. 

Zudem wurde dabei bekannt, dass die Täter durch eine manipulierte Fluchttür in das Sparkassengebäude gelangt sein sollen. Dass sich zu dem spektakulären Einbruch «eine Reihe von Fragen» stellen, sagte auch NRW-Innenminister Herbert Reul am Dienstag in einer Ausschusssitzung des Landtages. 

Sparkasse sieht Sicherung nach «Stand der Technik»

Die Anwälte sehen in all dem mögliche Pflicht- und Sorgfaltsverletzungen der Bank und fordern deshalb eine vollständige Erstattung des Schadens ohne Begrenzung. Der Gelsenkirchener Sparkassenchef Michael Klotz hatte dagegen zuletzt Kritik an der Sicherheitstechnik zurückgewiesen. «Die Filiale mit dem Schließfachraum war nach dem anerkannten Stand der Technik gesichert», betonte Klotz. Zu den Vorwürfen der Anwälte und möglichen Klagen äußert sich die Bank vorerst nicht.

Anwalt Kuhlmann will die erste Klage schon nächste Woche beim Landgericht Essen einreichen. Fachleute erwarten, dass die Bank sich angesichts des hohen Millionenschadens juristisch energisch zur Wehr setzt. 

Prozesse könnten Jahre dauern, sagt Benecken. Er könne sich aber auch eine deutlich schnellere, außergerichtliche Einigung vorstellen, zu der sich die Anwälte beider Seiten an einen Runden Tisch setzen, sagt er.

Dagegen spricht, dass die Polizei noch lange nicht mit der Aufklärung des Sachverhalts fertig ist. Allein die Sichtung und Untersuchung der vielen Tausend von den Tätern zurückgelassenen Gegenstände aus den Schließfächern werde wohl noch Monate dauern, teilte die Polizei mit.

So könnte die Sparkasse noch lange geschlossen bleiben - und Malyars Teppichgeschäft direkt daneben weiter eine Anlaufstelle für geschädigte Bank-Kunden bleiben, die viel Geld verloren haben. «Viele kommen hier vorbei, ältere Damen weinen», erzählt der Gelsenkirchener.

© dpa-infocom, dpa:260114-930-541347/1