Blog Geheimakte "Olympia-Attentat" Anneliese Graes und was am Tag geschah

Foto: Foto: Alfred Hennig/dpa Das Olympia-Gelände in München
Investigativ-Journalist Christoph Lemmer von ANTENNE BAYERN

Der Tag des Überfalls auf die israelische Olympiamannschaft, streckenweise minutengenau rekonstruiert: Es ist keine trockene Zeitleiste, die dabei herauskommt, sondern ein Protokoll dramatischen Scheiterns. Einmal gibt die Einsatzleitung das Signal zum Stürmen – und muss es sogleich zurückziehen, weil gerade wieder Unterhändler bei den Terroristen sind – ohne Absprache und Koordinierung.

Mein Name ist Christoph Lemmer und ich bin Investigativ-Journalist. In der Vergangenheit habe über den NSU-Prozess für die Nachrichtenagentur dpa berichtet und für ANTENNE BAYERN mehrere große Podcasts produziert, darunter einen über den Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum und einen preisgekrönten über den Fall Peggy und ein falsches Mordurteil. 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat in München öffnen wir in den nächsten Wochen gemeinsam die „Geheimakte: 1972“.

Die Ereignisse des 5. September erzählen wir in den drei Episoden 6, 7 und 8 von Geheimakte 1972. Episode 7, die zweite dieses Tages, geht genau 50 Jahre nach dem Dienstbeginn von Anneliese Graes online.

Sie ist eine der beiden Frauen, die eine bisher schwer unterschätzte Rolle an diesem 5. September 1972 in München spielten, Gertrud Lauterbach und Anneliese Graes. Lauterbach hatte in der Nacht vorher ihre Schicht im Ordnungsdienst des Olympischen Dorfes angetreten. Von Beruf war sie Kriminalobermeisterin. Am Morgen hatte sie Schüsse gehört. Sie schaute nach war als eine der ersten vor Ort. Sie vermittelte zwischen Terror—Anführer Issa und den Behörden. Abgelöst wurde sie am Tag von ihrer Kollegin Anneliese Graes, ebenfalls Ermittlerin bei der Kripo. Beide, Lauterbach und Graes, lebten und arbeiteten in Nordrhein-Westfalen. Beide waren von ihren Dienststellen nach München zu den Olympischen Spielen abgeordnet worden. Beide wurden in hellblaue Kostüm-Uniformen gesteckt. Typischer Stewardessen-Look der 1970er Jahre. Olympia-Hostessen liefen auf Bildern immer lächelnd über Parkwege und zeigten fremdländischen Menschen lächelnd den Weg.

Auf Bildern waren sie immer jung und hübsch. Eine Olympiahostess wurde berühmt. Sie hieß Sylvia Sommerlath. Der schwedische König verliebte sich in sie, als er die Olympischen Spiele besuchte und nahm sie anschließend mit nach Schweden. Sie heirateten. Von Gertrud Lauterbach hörte praktisch nie jemand.

Anneliese Graes bekam immerhin ein Bundesverdienstkreuz, worüber aber nur klein in hinteren Zeitungsspalten berichtet wurde. Auch da blieb sie immer die Olympiahostess. Dabei waren Graes und Lauterbach im Grunde Heldinnen. Sie rannten nicht weg, als die Terroristen mit Waffen drohten. Sie hielten den Kontakt. Sie verhandelten ziemlich professionell. Sie hatten praktisch keine Unterstützung ihrer Chefs oder der Herren des Krisenstabs, die sich bei ihnen die Infos holten oder holen ließen, wenn sie wieder Pressestatements abgaben.

Graes hat in ihrer Aussage die Zeit vom Vormittag bis zum Abend, bis zum Abflug nach Fürstenfeldbruck und zur tödlichen Schießerei, so genau und vollständig beschrieben wie praktisch niemand sonst. Ich habe ihre Aussage im Staatsarchiv München gefunden. Sie ist – völlig unbegreiflich – bis zum Jahr 2041 gesperrt. Ich durfte sie lesen und mir Notizen machen – und habe sie Wort für Wort abgeschrieben.

Episode 7 von Geheimakte 1972 basiert im Kern auf der Aussage von Anneliese Graes, ergänzt durch weitere Dokumente und Fundstücke im Archiv.

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