Blog Geheimakte "Olympia-Attentat" Taxifahrer Tsahi – oder: wie klein die Welt doch ist!

Foto: Mika Slavin / privat Mark Slavin beim Training für die Olympischen Spiele

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Investigativ-Journalist Christoph Lemmer von ANTENNE BAYERN

Als ich in Tel Aviv bei Tsahi Tabak ins Taxi stieg, da war ich auf Reden eingestellt und Tsahi auch. Und auch, wenn an dieser Stelle völlig unklar ist, warum ich jetzt über Tsahi rede und sogar Tsahi einfach Tsahi reden lasse, kann ich zusichern, dass es mit dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft zu tun hat.

Mein Name ist Christoph Lemmer und ich bin Investigativ-Journalist. In der Vergangenheit habe über den NSU-Prozess für die Nachrichtenagentur dpa berichtet und für ANTENNE BAYERN mehrere große Podcasts produziert, darunter einen über den Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum und einen preisgekrönten über den Fall Peggy und ein falsches Mordurteil. 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat in München öffnen wir in den nächsten Wochen gemeinsam die „Geheimakte: 1972“.

Klar, es gibt Taxifahrer, die reden gern. Und welche, die schweigen. Und je nach Laune freue ich mich mal über einen, der redet oder bin froh, wenn er mich in Ruhe lässt.

Bei Tsahi, meinem Taxifahrer in Tel Aviv war es wie folgt: Nur, weil Tsahi auf Reden eingestellt war und ich auch und natürlich auch deshalb, weil der Himmel mir ausgerechnet Tsahi schickte, nachdem die Rezeption ein Taxi für mich rief, nur deshalb lernte ich Mika kennen.

Und Mika hat mir die vielleicht schönste traurige oder traurigste schöne Geschichte erzählt, die man sich vorstellen kann. Über sich und über ihren Bruder, den sie nie kennenlernte, weil er ermordet wurde, bevor sie zur Welt kam.

Also – Tsahi sagt:

“Ich kam da an und es stieg ein Typ ein, der hatte einen großen Blumenstrauß dabei. Ich dachte, der sei für mich – Quatsch, kleiner Scherz. Wir fuhren nach Ramat Hasharon. Wir haben angefangen, zu reden. Ich fragte ihn, woher er ist. Er sagte, aus Deutschland. Und ich, als zweite Generation von Holocaust-Überlebenden, interessiere mich immer für Deutschland.

Also haben wir angefangen, zu reden: über das Verhältnis von Deutschland zu Israel. Wie sie in Deutschland Israel und die Juden sehen. Dieses ganze Problem mit dem Antisemitismus in Deutschland oder wie sie mit Fremden in Deutschland umgehen.

Dann habe ich den Herrn gefragt, was er hier tut. Er sagte, er arbeitet für ein Radio in Bayern. Ich wollte es natürlich genauer wissen.“

Wie Tsahi das sagt, da grinst er. Und zwar so, dass man es nicht nur sieht, sondern auch hört. Ihr könnte es auch hören, wenn ihr euch Tsahi anhört, da hört ihr ihn all das hier selber sagen.

Also weiter mit Tsahi:

„Er sagte, er recherchiere und stecke ziemlich tief drin, was bei den Olympischen Spielen 1972 passiert ist. Im ersten Moment dachte ich nur, okaaaaaaaaaay... aber dann wurde mir klar: Meine Ex-Frau ist eine Schwester eines der Sportler, die da getötet wurden. Mark Slavin.

Ich sagte meinem Fahrgast: “Wow, meine Ex-Frau ist die Schwester eines der Männer, die da getötet wurden. Sein Name war Mark Slavin. Er war Ringkämpfer.”. Und mein Fahrgast, also Christoph – ich hab im Rückspiegel gesehen, wie der richtig hochgegangen ist.

Was? Wirklich? Ernsthaft? Was für eine kleine Welt. Erzähl mir mehr. Ich sagte ihm, dass ich die ganze Familie kenne und die ganze Geschichte kenne. Dass ich einen guten Draht zur Ex-Frau meiner Schwester habe. Dass wir sie anrufen können und mit ihr reden.

Und Christoph meinte: Na klar, pack sie auf den Lautsprecher! Also haben wir Mika angerufen, Mika Slavin, die Schwester von Mark Slavin. Wir haben sie angerufen und angefangen zu reden. Und es war: Wow!, so ein Moment, mir ist eine Gänsehaut rauf und runter gefahren. Mein ganzer Körper war: Wow! Mir kamen plötzlich Erinnerungen hoch. Ich war elf Jahre alt war, als dieser Mord in Deutschland passierte, das war ein Schock. Das ist eines der Ereignisse, die ich nie vergessen werde.“

Und so kam es, dass ich die Geschichte von Mark Slavin erzählen kann, in Episode 4 von Geheimakte 1972. Und die seiner Schwester Mika. Und diese Geschichte ist wirklich unendlich traurig und gleichzeitig schön. 

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