Blog Geheimakte "Olympia-Attentat" Was wusste die Bundesregierung? Die Terroristen fliegen mit entführter Lufthansa-Maschine in die Freiheit

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Investigativ-Journalist Christoph Lemmer von ANTENNE BAYERN

Am 29. Oktober 1972 fliegen die drei Terroristen in die Freiheit – in einer entführten Lufthansa-Maschine. Bis heute hält sich der Verdacht, dass die Bundesregierung mit den Entführern gemeinsame Sache machte.

Mein Name ist Christoph Lemmer und ich bin Investigativ-Journalist. In der Vergangenheit habe über den NSU-Prozess für die Nachrichtenagentur dpa berichtet und für ANTENNE BAYERN mehrere große Podcasts produziert, darunter einen über den Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum und einen preisgekrönten über den Fall Peggy und ein falsches Mordurteil. 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat in München öffnen wir gemeinsam die „Geheimakte: 1972“.

Stand heute, 50 Jahre nach dem palästinensischen Terroranschlag gegen die israelische Olympiamannschaft in München: Zwei der drei Terroristen, die damals überlebten, leben bis heute. Sie sind frei. Sie wurden nie wegen Mordes angeklagt. Sie standen nie vor Gericht.

Die Bundesanwaltschaft sagt: Man könne sie leider nicht fassen. Das kann man glauben oder nicht. Aber gewiss ist, dass Deutschland am 29. Oktober 1972 Terroristen nachgab, die am frühen Morgen eine Lufthansa-Maschine entführten, die Freilassung der drei verlangten und sie praktischerweise mit der entführten Maschine persönlich abholten und nach Tripolis, Libyen, brachten. Dort wurden sie als Helden empfangen.

In der letzten Folge unseres Podcasts Geheimakte 1972 erzählen wir die Geschichte dieses 29. Oktober 1972 in allen Details. Dafür werten wir Aussagen von Besatzungsmitgliedern und Passagieren aus, die an Bord waren – zufällig (oder vielleicht nicht ganz so zufällig?) ein deutscher Privatdetektiv, der in seiner Vernehmung detailreich schilderte, wie die Reise verlief.

Vom Start in Beirut (Libanon) über die erste Station auf Zypern, einen stundenlangen Irrflug nach Deutschland und angespannte Verhandlungen im Warteraum über München.

Über die Auftritte der Entführer gegenüber Passagieren und Mannschaft.

Darüber, wie Zagreb in Jugoslawien zu dem Ort wurde, an dem die drei inhaftierten Olympia-Terroristen an Bord kamen und wie dann die entführte Maschine mit allen Geiseln und den Terroristen unbehelligt nach Tripolis fliegen konnte.

Wir werten außerdem die Minuten-Protokolle der Lufthansa-Flugaufsicht in München und die der Polizei aus. Sie geben außergewöhnliche Einblicke ins Innerste eines völlig überforderten Staates.

Etwa bei diesem Detail: Die Bundesregierung ordnet an, dass ein Flugzeug, das in München mit den freigepressten Terroristen an Bord zwar starten, aber nicht den deutschen Luftraum verlassen darf. Woran sich der Pilot aber nicht hielt: Nach Flug landete er in Zagreb.

Vor allem aber widmen wir uns der Frage, ob die Flugzeugentführer mit Wissen oder gar mit Billigung der Bundesrepublik vorgingen. Diesen Verdacht äußern Angehörige der ermordeten israelischen Sportler. Und tatsächlich spricht manches dafür.

Zufällig hatte die Polizei am 29. Oktober – einem Sonntag – sofort die schon vorbereiteten Ausweisungsverfügungen gegen die drei Terroristen zur Hand. Das geht aus den Unterlagen hervor, die wir einsehen konnten.

Ankie Spitzer, die Sprecherin der Angehörigen, kennt noch mehr Indizien:

  • Wochen vor der Flugzeugentführung vom 29. Oktober hat der deutsche Botschafter in Tripolis ein Telegramm bekommen. Ich habe dieses Telegramm. Darin steht, er solle sich vorbereiten, die drei überlebenden Olympia-Terroristen in Libyen zu empfangen.
  • Die haben einen Deal geschlossen, das habe ich von General Wegner. Der wusste darüber Bescheid und ich habe ihn danach gefragt. Er sagte: Ja, das war ein Lügenmärchen. Sie wussten, dass das passieren würde. Sie haben vereinbart, dass palästinensische Organisationen nicht noch einmal einen Anschlag in Deutschland verüben. Sie haben also die Terroristen freigelassen und dafür das Versprechen bekommen, dass die Palästinenser nicht noch einmal auf deutschem Boden angreifen.
  • Tatsache ist, dass Abu Daud, der Mastermind des Anschlags, in seiner Biographie schreibt, dass Deutschland sogar Geld an die Palästinenser bezahlte, nämlich 9 Millionen Dollar. Abu Daud sagte, ich selber mache das nicht, ich mache keine Flugzeugentführungen. Also hat er den Auftrag an seinen Freund George Habash weitergereicht, der es getan hat. Das war eine totale Fake-Flugzeugentführung.

Die Bundesregierung bestreitet das. Ankie Spitzer sagt, sie habe die frühere Staatssekretärin im Innenministerium, Brigitte Zypries, damit konfrontiert. Die antwortet auf unsere Anfrage, sie könne sich daran nicht erinnern.

Ausgestanden ist die Sache bis heute nicht. Eine Historikerkommission mit israelischer Beteiligung soll die Hintergründe des Olympia-Attentats untersuchen.

Und wer weiß – vielleicht taucht einer der noch lebenden Olympia-Terroristen doch noch einmal in Deutschland auf.

Mord verjährt hier bekanntlich nie. 

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