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Ärzte, Bauern, Lokführer: Wird in Deutschland mehr protestiert?

Arztpraxen, Landwirte, Lokführer, Erzieher. Die Liste der Streikenden ist lang. Nehmen die Proteste in Deutschland wirklich zu?

Bauernproteste Nachrichten Foto: Monika Skolimowska/dpa

Die jüngsten Streiks und Demonstrationen in Deutschland, sei es von Landwirten gegen Subventionskürzungen, der Lokführergewerkschaft GDL mit geplanten Streiks oder dem Arztpraxis-Ausstand aus Protest gegen die aktuelle Gesundheitspolitik Ende letzten Jahres, lassen den Eindruck entstehen, dass Proteste im Land häufiger werden. Ist das wirklich der Fall?

Steigt die Anzahl der Proteste?

Tatsächlich zeigen Protestforscher, dass die Anzahl der Proteste nicht signifikant gestiegen ist und von einem fortlaufenden Dauerprotest nicht auszugehen ist, berichtet der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR). Obwohl es in den letzten Jahren den Anschein erweckt, dass vermehrt Proteste stattfinden, betont Sebastian Haunss, Protestforscher am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt gegenüber dem MDR, dass die Anzahl der Proteste insgesamt auf einem stabilen und hohen Niveau verblieben sei. Große Proteste könnten zwar das öffentliche Leben beeinflussen, aber es gebe nicht mehr Proteste als in vergangenen Zeiten.

Selektive Wahrnehmung Grund für Annahme

Daniel Saldivia Gonzatti, Forscher am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, erklärt dem MDR, dass die vermeintliche Zunahme von Protesten auf eine selektive Wahrnehmung zurückzuführen ist. In jüngster Zeit ist vermehrt wirtschaftliche Mobilisierung durch Haushaltsdebatten und Kürzungen sichtbarer geworden, was den Eindruck eines dauerhaften Protests verstärkt. Allerdings birgt dieser Fokus auf wirtschaftliche Aspekte das Risiko, dass rechtsextreme Gruppen versuchen könnten, legitime wirtschaftliche Proteste, wie sie von Bauern geführt werden, zu vereinnahmen. 

Risiken der aktuellen Protestwelle

Wir sehen, dass ein sehr niedriges Politikvertrauen in der Bevölkerung herrscht. Wir sehen auch, dass eine relativ substanzielle Gewaltbereitschaft in Deutschland herrscht. Jeder zehnte Deutsche könnte sich zum Beispiel vorstellen, in gewissen Situationen politische Gewalt anzuwenden.

Daniel Saldivia Gonzatti

Saldivia Gonzatti warnt vor einer möglichen Radikalisierung der Proteste, da politisches Vertrauen sinkt und die Gewaltbereitschaft in der Bevölkerung zunimmt.

Proteste als Element der Demokratie

Trotz dieser Risiken betont Sebastian Haunss, dass Proteste, solange sie gewaltfrei bleiben, ein Element seien, um gesellschaftliche Konflikte auszudrücken, ohne auf Gewalt als Lösung zu setzen. Er hebt hervor, dass Proteste die Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken können, solange sie nicht zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führen.

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