Der letzte der Bee Gees: Barry Gibb wird 80
Mit den Bee Gees und seiner markanten Falsettstimme prägte Barry Gibb die Popmusik – ebenso als Songwriter und Produzent für andere. Doch die großen Erfolge werden von privaten Tragödien überschattet.
London (dpa) - Im Mai wurde Barry Gibb im Internet fälschlich für tot erklärt. Eine dubiose Facebook-Seite mit dem Titel «R.I.P. Barry Gibb» versetzte Fans auf der ganzen Welt in Aufregung. Kurze Zeit später gab die Familie des letzten lebenden Bee Gees Entwarnung. Barry gehe es gut. Die Seite wurde schnell abgeschaltet. Am 1. September feiert der britische Sänger und Songwriter, zu dessen bekanntesten Hits «Stayin' Alive» zählt, seinen 80. Geburtstag.
Bekannteste Falsettstimme der Popmusik
Mit seiner unverwechselbaren Falsettstimme prägte Barry Gibb die größten Hits der Bee Gees, darunter Popklassiker wie «Night Fever», «Tragedy» oder «Too Much Heaven».
Die Wirkung seiner extrem hohen Stimme entdeckte er erst später in seiner Karriere. Die Idee zum Falsettgesang hatte Produzent Arif Mardin bei den Aufnahmen zur Single «Nights On Broadway». Barry versuchte es und staunte über seinen eigenen Stimmumfang.
Damals trug Frauenschwarm Gibb zu seinem strahlend weißen Lächeln das Hemd offen und die vollen Haare dauergewellt und hoch geföhnt. Von der Frisur ist heute nur ein wenig graues Resthaar übrig. Und heute ist Barry der letzte Überlebende der berühmten Brothers Gibb. Mit den Bee Gees und darüber hinaus erlebte er eine phänomenale Karriere.
Eine britische Musikfamilie in Down Under
Gibb wird 1946 in Douglas auf der Isle of Man zwischen Großbritannien und Irland geboren. Schon als Kind musiziert er mit seinen jüngeren Brüdern, den Zwillingen Robin und Maurice, und tritt in den 1950er Jahren regelmäßig als Skiffle-Band The Rattlesnakes auf. Der vierte Bruder, Andy, ist noch zu jung. Nach ein paar Jahren in Manchester siedelt die Familie nach Australien über.
In Down Under werden aus den Rattlesnakes die Bee Gees, die mit ihrem genialen Harmoniegesang für Furore sorgen. Um die Karriere der Söhne zu fördern, zieht die Familie 1967 zurück nach Großbritannien, wo die Musikszene um die Beatles und die Rolling Stones gerade boomt.
«Wir waren uns alle drei einig, dass wir um jeden Preis berühmt sein wollten», erinnert sich Gibb im Dokumentarfilm «How Can You Mend A Broken Heart». Nach zwei zuvor nur in Australien veröffentlichten Alben erscheint 1967 das internationale Debüt «Bee Gees' 1st» mit dem Megahit «To Love Somebody» - der Beginn einer Weltkarriere.
Brüder werden zu Kollegen
Doch der Ruhm bringt Probleme mit sich. Die Harmonie existiert bald nur noch im Gesang der Bee Gees. Mit wachsendem Erfolg verschlechtert sich das Verhältnis der Brüder. «Als wir berühmt wurden, habe ich aufgehört, Robin und sein Privatleben zu kennen, und genauso mit Maurice», klagt Gibb. «Wir haben nicht mehr dasselbe Leben gelebt.»
Für kurze Zeit steigt Robin sogar aus der Gruppe aus. Barry und er kommunizieren zeitweise nur durch Maurice miteinander oder sprechen in der britischen Presse übereinander. In den 1970er Jahren kämpft das Trio mit Alkohol- und Drogenproblemen. Kommerziell geht es auch bergab. «Es gab überhaupt kein Interesse mehr an uns», erinnert sich Gibb in der Doku.
Mitte der 1970er Jahre erfinden sich die Bee Gees neu. Auf ihrem Album «Main Course», das in den USA aufgenommen wird, modernisieren sie ihren Sound - mit Funk, Soul und R&B. Die Hitsingles «Nights On Broadway» und «Jive Talkin'» markieren die Geburt von Barrys Falsettgesang und sind wegweisend für den kommenden Discosound.
Neue Höhen mit «Saturday Night Fever»
Mit dem Soundtrack zum John-Travolta-Kultfilm «Saturday Night Fever» landen die Bee Gees ihren größten kommerziellen Erfolg. In wenigen Wochen entstehen die drei Nummer-Eins-Hits «Stayin' Alive», «How Deep Is Your Love» und «Night Fever», dazu «More Than A Woman» und «If I Can't Have You». Sie werden zu Ikonen der Disco-Bewegung.
Die Band spielt weltweit ausverkaufte Konzerte, doch wieder hat der Erfolg Schattenseiten. Der Discosound hat zunehmend auch Gegner. Und die Bee Gees werden zu Hassfiguren der «Disco Sucks»-Bewegung und genervter Radio-Discjockeys. Die Band zieht sich daraufhin vorerst aus der Öffentlichkeit zurück, das Trio bleibt aber nicht untätig.
Große Erfolge als Songwriter
Die Gibb-Brüder schreiben vorerst für andere Künstler. «Das half uns, zu überleben», sagt Barry. 1984 bringt er auch erstmals ein Soloalbum heraus, «Now Voyager». Erst 2016 folgt das zweite, «In The Now». Das bislang letzte, «Greenfields» von 2021, enthält Coverversionen alter Bee-Gees-Songs im Country-Stil mit prominenten Duett-Partnern wie Dolly Parton, Sheryl Crow oder Keith Urban.
Auch als Produzent etabliert sich Gibb. Für Barbra Streisand schreibt und produziert er 1980 ihr erfolgreichstes Album «Guilty» mit Evergreens wie «Woman In Love» oder dem Titelsong, einem Duett der beiden. 2005 nehmen die beiden den Nachfolger «Guilty Pleasures» auf.
Der Bee-Gees-Stil ist meist erkennbar, etwa bei Dionne Warwicks «Heartbreaker» oder Diana Ross' «Chain Reaction». Mehr als 1000 Songs soll Barry Gibb mit seinen Brüdern geschrieben haben, darunter 20 Nummer-Eins-Hits in den USA und Großbritannien.
Private Tragödien überschatten Erfolge
Für Gibb verlieren diese musikalischen Erfolge angesichts familiärer Tragödien an Bedeutung. Der Verlust seiner drei jüngeren Brüder setzt ihm schwer zu. Andy, der jüngste, stirbt 1988, kurz bevor er endlich Mitglied der Band werden soll. Maurice stirbt 2003, Robin 2012. «Ich hätte sie lieber alle hier und dafür keinen einzigen Hit», sagt Barry sichtbar emotional in «How Can You Mend A Broken Heart».
Mit seiner zweiten Frau Linda, einer ehemaligen Miss Edinburgh, ist Gibb seit 1970 verheiratet. Das Paar lebt überwiegend in Miami und gelegentlich in Großbritannien. Die beiden haben fünf Kinder. Steve Gibb (52) ist Gitarrist in mehreren Heavy-Metal-Gruppen und spielt auch in der Band seines Vaters.
Ob Gibb, der sich seit dem Ritterschlag 2018 Sir Barry nennen darf, noch einmal auf die Bühne zurückkehrt, ist fraglich. In letzter Zeit ist es stiller um den letzten Bee Gee geworden. Auf seiner Website und seinen Social-Media-Kanälen tut sich kaum noch etwas. Sein bislang letztes Konzert gab Barry Gibb 2019.