Comedy-Horror «Widow's Bay» erzielt Rekord bei Emmy-Gala
Erst eine Staffel gibt es von «Widow's Bay», aber damit übertrumpfte die Serie die deutlich häufiger nominierte Konkurrenz – bei einer überraschend unpolitischen Emmy-Gala mit Superstar-Kurzauftritt.
Los Angeles (dpa) - Die Horror-Comedyserie «Widow's Bay» (Apple TV) hat sich mit 14 Preisen als Überraschungssieger der diesjährigen US-Fernsehpreise Emmys entpuppt – und einen neuen Rekord aufgestellt. Die erste und bislang einzige Staffel der Serie gewann mehr Auszeichnungen als je zuvor eine Serie in der Comedy-Kategorie in einem einzigen Jahr bei den Emmys. Damit knackte «Widow's Bay» den erst im vergangenen Jahr mit 13 Preisen von der Hollywood-Satire «The Studio» aufgestellten Rekord.
«Widow's Bay» besticht durch einen Mix aus Witz und Grusel: Die Serie spielt auf einer fiktiven Insel an der Ostküste der USA. Deren Bürgermeister möchte das Image seiner etwas heruntergekommenen Heimat aufbessern. Einige der alteingesessenen Bewohner glauben jedoch, dass die Insel mit einem Fluch belegt ist.
Preise für «Widow's Bay» bringen auch Apple TV Erfolg
Neben der Hauptkategorie als beste Comedyserie gewann «Widow's Bay» unter anderem auch Preise für das beste Drehbuch und die beste Regie, zudem konnten Matthew Rhys als bester Hauptdarsteller sowie Stephen Root und Kate O'Flynn als beste Nebendarsteller Ehrungen einsammeln. Unter anderem dank all dieser Auszeichnungen konnten der Streaming-Anbieter Apple TV mit insgesamt 28 Preisen zum ersten Mal in der Geschichte der Emmys die meisten Ehrungen aller Anbieter für sich verbuchen.
Die Emmy-Auszeichnung werde sie für immer gut sichtbar in ihrem Haus platzieren, versprach Katie Dippold, Erfinderin von «Widow's Bay», in einer ihrer Dankesreden – und witzelte: «Es tut mir leid, aber das wird jetzt meine gesamte Persönlichkeit dominieren.» Hauptdarsteller Rhys stellte gleich noch einen Rekord auf, weil er auch für seine Hauptrolle in der Netflix-Miniserie «The Beast in Me» gewann – und damit als erster Schauspieler zwei Emmy-Hauptrollen-Auszeichnungen bei einer Gala holte.
«Hacks» trotz Rekord-Nominierungen mit nur zwei Preisen
Vergleichsweise enttäuschend verlief der Gala-Abend in Los Angeles dagegen für «Hacks» (RTL+). 24 Nominierungen hatte die fünfte Staffel der Serie bekommen, mehr als je eine Staffel einer Comedyserie zuvor in der Geschichte der Emmys – am Ende wurden aber nur zwei Preise daraus. Mit dem für ihre Hauptrolle konnte Schauspielerin Jean Smart aber ihre insgesamt achte Auszeichnung einsammeln, wie auch Allison Janney, die für «Diplomatische Beziehungen» gewann. Damit ziehen beide mit Cloris Leachman und Julia Louis-Dreyfus gleich und haben nun alle jeweils die meisten Emmys eines einzelnen Darstellers in der Geschichte der Auszeichnungen.
In der Drama-Kategorie ging die gefeierte Krankenhausserie «The Pitt» (HBO Max) mit 25 Nominierungen ins Rennen – und konnte schließlich sechs Auszeichnungen einsammeln, darunter wie bereits im vergangenen Jahr den Hauptpreis als beste Dramaserie. Die in Echtzeit erzählte Krankenhausserie spielt in der Notaufnahme eines fiktiven Hospitals in der US-Großstadt Pittsburgh und wird vor allem für ihre humanistische Handlung und die einfühlsame Darstellung der Figuren gefeiert.
Moderatorin Mariska Hargitay mit Überraschungsgast
Moderiert wurde die Gala von der US-Schauspielerin Mariska Hargitay, die dabei äußerst unpolitisch blieb. Zum Auftakt zeigte sie sich im weißen Kleid und sang «I love TV Screens» auf die Melodie von «I Love Rock 'n' Roll» umgeben von Tänzern, deren Köpfe in Fernsehbildschirmkostümen steckten. Später witzelte sie unter anderem mit Schauspielerin Nicole Kidman – und in einem vorab produzierten Videoclip sogar mit Musikstar Taylor Swift.
In dem Sketch versucht Hargitay, die in den USA vor allem für ihre Rolle in der Polizeiserie «Law & Order: SVU» bekannt ist, aufzuklären, ob Swift zur Emmy-Gala kommen werde. Plötzlich steht Swift selbst neben ihr und sagt: «Ich denke, dass das, was wir suchen werden, sich vor aller Augen verstecken wird.» Zur eigentlichen Emmy-Gala erschien Swift nicht – sondern wurde währenddessen beim Saison-Auftakt des Football-Teams von Neu-Ehemann Travis Kelce in Kansas City gesichtet.
Unpolitische Dankesreden der Preisträger
Auch die Preisträger blieben vergleichsweise unpolitisch und introspektiv. Der Schauspieler und Filmemacher Alan Cumming rief die US-Amerikaner lediglich allgemein zum Wählen auf und der Autor der Dramaserie «Pluribus – Glück ist ansteckend» (Apple TV), Vince Gilligan, forderte die Menschen auf, sich gegenseitig mehr Respekt zu zeigen. «Es gibt nichts Merkwürdigeres als unsere derzeitige Realität», sagte Gilligan. «Wir werden uns nie auf alles einigen können, aber wir können uns gegenseitig Respekt zeigen.»
Insgesamt sechs Emmys – davon einen während der Live-Gala – gewann die Late-Night-Show von US-Moderator Stephen Colbert. Der TV-Sender CBS hatte die Show abgesetzt – offiziell aus finanziellen Gründen, Vermutungen von Branchenkennern zufolge aber aus Rücksicht auf US-Präsident Donald Trump, der in der Sendung immer wieder scharf kritisiert wurde. Aber auch Colbert nutzte seine Dankesrede nicht für Kritik an Trump, sondern – unter viel Applaus – hauptsächlich für Dank an sein Team.
Ehren-Emmy für Michael J. Fox
Der an Parkinson erkrankte Schauspieler Michael J. Fox bekam einen Ehren-Emmy und bedankte sich «für diese großartige und demütig machende Ehre». Zudem wurde der im vergangenen Jahr gestorbenen Fernsehschaffenden gedacht – darunter Regisseur Rob Reiner. Die Sängerin Reba McEntire sang ein Lied für ihre vor kurzem gestorbene Kollegin Dolly Parton und Schauspieler Macaulay Culkin erinnerte an die im Januar gestorbene Catherine O'Hara – die im Kultfilm «Kevin Allein zu Haus» seine Mutter spielte. «Sie war meine Mama», sagte Culkin. «Sie hat mich zwar vergessen – zweimal – aber ich werde mich immer an sie erinnern.» Im Publikum sorgte unter anderem die Schauspielerin Megan Stalter für Aufsehen, die als Emmy-Auszeichnung verkleidet erschienen war.
«Wir sind Entertainer. Wir bringen euch zum Lachen, wir bringen euch zum Weinen und manchmal lassen wir euch auch angeekelt wegschauen», sagte «The Pitt»-Erfinder R. Scott Gemmill in seiner Dankesrede. «Aber wenn ich mich hier im Raum umschaue, dann sehe ich etwas Wichtigeres als Auszeichnungen und Quoten. Ich sehe eine ganze Gemeinschaft, die immer noch versucht, das Richtige zu machen.»