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«Und was bleibt uns? Diese Abziehbilder»

Welche Geschichten werden über Frauen im mittleren Alter erzählt? Schauspielerinnen beklagen, dass die Rollen oft noch rar und einseitig sind. Dabei gibt es ein Beispiel, wie es besser geht.

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Schauspielerin Annika Ernst Christoph Soeder/dpa

Berlin (dpa) - Das hat schon eine gewisse Ironie. Schauspielerin Annika Ernst («Der Bergdoktor») hat sich noch nie so wohlgefühlt in ihrem Körper, trotzdem wird gerade jetzt ihr Alter zum Thema. Vor ein paar Wochen machte die 47-Jährige öffentlich, dass sie sich lange jünger ausgegeben hatte. Als sie früher mal an einer Castingshow teilnahm, sei sie älter als die meisten Konkurrentinnen gewesen. Die Produktion habe sie kurzerhand drei Jahre jünger gemacht.

«Ich habe jahrelang geglaubt, jünger sein zu müssen, um weiter besetzt zu werden», sagt die Schauspielerin der Deutschen Presse-Agentur. Es sei eine Schwindelei gewesen, «eine Schummelei, meinetwegen auch eine Lüge». Aber das Spiel wolle sie nun nicht mehr mitspielen.

Die Geschichte, die diesen Sommer aufkam, wirft ein Schlaglicht auf ein größeres, ein strukturelles Problem. Schauspielerinnen kritisieren, dass es mit steigendem Alter für sie weniger Film- und Fernsehrollen gibt. Und die Charaktere dann oft einseitig seien.

Rollenangebot: Großmama?

«Es gibt die patente Omi, die dann auf die Enkel aufpasst», sagt Schauspielerin Gesine Cukrowski. Aber dass wirklich eine Frau zentral in der Erzählung sei, finde kaum statt. Und wenn, seien es oft tragische Krankengeschichten. Wenn sie ihre Kolleginnen befrage, welche Rollen ihnen mit Ende 50, Mitte 60 angeboten würden, seien es großteils Figuren mit Demenz. Die einseitigen Rollenangebote spiegelten nicht die Lebensrealität wider.

«Es steht uns einfach zu, dass wir älteren Frauen auch eine adäquate Abbildung bekommen», sagte Cukrowski vor einigen Wochen bei einem Empfang in Berlin. «Wenn wir uns umschauen: Was haben wir denn in unserer Gesellschaft für wahnsinnig tolle Frauen?» Ein Viertel der Gesellschaft seien Frauen über 47. «Das sind 21 Millionen Geschichten, die nicht erzählt werden. Und was bleibt uns? Diese Abziehbilder.» Das müsse sich ändern.

Ähnlich sieht es Ernst. «Ich wünsche mir, dass Frauen mit 45 oder 50 genauso selbstverständlich Hauptfiguren sein dürfen wie Männer. Denn das entspricht der Realität unseres Lebens.» Sie kenne viele tolle ältere Frauen, die unglaublich viel im Griff hätten und Macherinnen seien. «Und ich finde, das wird bei den Fernsehrollen nicht so gewürdigt.»

Zu oft werde suggeriert, dass Frauen mit 39 Jahren ihren Höhepunkt überschritten hätten. Dabei beginne danach oft die spannendste Lebensphase. Nach Klarstellung ihres Alters habe sie viele verständnisvolle Rückmeldungen bekommen - vielleicht ein Zeichen, dass die Zeit reif sei für ein Umdenken.

Ernst wünscht sich Protagonistinnen, die Abenteuer in Actionfilmen, Thrillern oder Roadmovies erleben. «Ohne, dass sie die Mutter oder Mentorin der eigentlichen Hauptfigur sind.» Komödien über Frauen in der Lebensmitte, die nicht auf Wechseljahres-Witzen oder Midlife-Crisis beruhten. Und Liebesgeschichten zwischen Menschen über 40, bei denen beide gleich alt seien. «Und die Frau nicht automatisch deutlich jünger besetzt wird.»

Was die Serie «Bridgerton» anders macht

Ein Vorbild fällt Ernst dann auch ein. «In der Serie Bridgerton zum Beispiel gibt es drei ältere Frauen, die Powerfrauen sind und durchgängig dabei sind. Das sehe ich in deutschen Produktionen nicht so.»

Die Serie «Bridgerton» von Produzentin Shonda Rhimes («Grey's Anatomy») spielt im Großbritannien des frühen 19. Jahrhunderts. Vorrangig geht es um die Liebesgeschichten der Sprösslinge und eine Klatschkolumnistin, aber es gibt entscheidende ältere Frauenfiguren. Etwa Lady Agatha Danbury, die noch ein neues Kapitel anfangen will. Oder Lady Violet Bridgerton, die als Witwe ein neues Liebesabenteuer beginnt.

Auch im fortgeschrittenen Alter noch als attraktiv gelten, das wird Männern schon lange zugeschrieben. Ältere Männer würden - wenn sie grauer würden - oft als spannender wahrgenommen, beobachtet etwa Schauspielerin Katy Karrenbauer («Hinter Gittern»). Das Rollenangebot für Männer sei groß, etwa auch in Kriegsfilmen und anderen historischen Erzählungen.

Wenn mehr Frauen Filme drehen

Die Forderungen nach diverseren Frauenrollen stoßen auch bei der Chefin der Produktionsallianz, Michelle Müntefering, nicht auf taube Ohren. Wenn man über Gleichstellung spreche, solle man beides zusammen denken: «Wer erzählt unsere Geschichten - und welche Frauen kommen in diesen Geschichten vor?» 

Zahlen der Filmförderungsanstalt (FFA) zeigten, dass das Kinopublikum vielfältiger werde und gerade ältere Zielgruppen an Bedeutung gewännen. «Das muss sich auch in den Geschichten und Figuren widerspiegeln, die wir auf der Leinwand sehen», sagt Müntefering. Wichtig sei daher der Gleichstellungsbonus der FFA: Produktionen können dabei zusätzliches Geld bekommen, wenn Frauen wichtige Positionen wie Regie und Drehbuch übernehmen. «Mehr Frauen in kreativer Verantwortung können dazu beitragen, dass wir auch vor der Kamera ein noch breiteres Bild von Frauen sehen.»

Schauspielerin Anne Ratte-Polle findet in der Debatte grundsätzlich noch einen weiteren Punkt wichtig. Gerade in den heutigen Zeiten, in denen wieder ein Backlash stattfinde, sei es sehr wichtig, Frauen jeden Alters nach vorn zu bringen. Gerade werde versucht, die Macht von Frauen einzudämmen, aber sie ließen sich nicht kleinkriegen. «Dafür sind wir doch dann schon zu kräftig geworden.»

© dpa-infocom, dpa:260830-930-603445/1