Zum Hauptinhalt springen

«Ist hart»: Das Warten der Brand-Evakuierten von Bordeaux

Wegen der Flammen mussten Tausende in Frankreich ihr Zuhause verlassen. Noch immer sind einige von ihnen in einer Notunterkunft gestrandet. Wie lebt es sich zwischen Feldbetten und Ungewissheit?

ANTENNE BAYERN ANTENNE BAYERN GmbH & Co. KG ANTENNE BAYERN Logo
Waldbrände in Frankreich Katharina Kausche/dpa

Bordeaux (dpa) - Erschöpft sitzt Mona auf ihrem Feldbett in der Messehalle von Bordeaux und schaut in die Ferne. Seit fünf Tagen lebt die 51-jährige Personalerin in der Notunterkunft, zusammen mit Hunderten Menschen, die vor dem riesigen Waldbrand an der französischen Westküste fliehen mussten. «Es ist hart», erzählt die Mutter. «Es ist hart, denn jeden Tag hoffen wir, wieder nach Hause zu können und jeden Tag hält das Feuer uns davon ab.»

Die Situation in der Messehalle ist für die Gestrandete stressig. Am Anfang waren auch ihr Ex-Mann und ihr 23 Jahre alter Sohn mit ihr hier. Doch die beiden hielten es nicht aus und sind weitergezogen. Eine Frau hat ihnen ein Zimmer bei sich angeboten. «Jetzt bin ich ganz alleine», sagt Mona traurig.

Hunderttausende mussten ihr Zuhause verlassen

Seit Tagen lodern Feuer westlich von Bordeaux, kamen der Großstadt bis auf 15 Kilometer nah. Mehr als 42.000 Hektar Fläche fielen den Flammen zum Opfer. Das sind 420 Quadratkilometer (die Fläche des Stadtstaats Bremen).

In etlichen Kommunen mussten die Menschen wegen der Brände ihre Häuser verlassen, so auch in Saint-Médard-en-Jalles, wo Mona lebt. Mehr als 220.000 Menschen wurden evakuiert, selbst aus Altenheimen mussten die Bewohnerinnen und Bewohner wegen der nahenden Flammen heraus. 

Wer konnte, ist zu Bekannten oder zur Familie gegangen oder hat sich ein Hotelzimmer gemietet. Doch Tausende Menschen hatten auf die Schnelle keine Bleibe. Für sie ging es auf das riesige Messegelände am Rande von Bordeaux. Manche der Evakuierten konnten inzwischen zurück nach Hause.

«Niemand hat erahnt, dass es so lange dauern würde»

Der Aufruf zur Evakuierung erreichte Mona mitten in der Nacht. Ein paar Sachen hatte sie bereits gepackt, doch als der Alarm um 01.00 Uhr morgens kam, dachte sie nicht, dass sie so lange von zu Hause fort sein würde. Sie habe nicht ausreichend Kleidung mitgenommen, die Seife schlicht zu Hause vergessen. 

«Wir haben damit nicht gerechnet», meint Mona. «Niemand hat erahnt, dass es so lange dauern würde.» Nun müssen die Evakuierten in Spenden nach passender Unterwäsche, Handtüchern, Zahnpasta oder Shampoo suchen.

Persönliche Gegenstände hat Mona fast keine dabei. «Ich habe nicht einmal daran gedacht, Fotos meiner Kinder mitzunehmen - für den Fall der Fälle.» Nun liest sie viel Zeitung, hört Radio und schaut immer wieder in ihre durchwälzte Bibel. «Meine Bibel ist das einzige Buch, das ich mitgenommen habe», erzählt Mona und lächelt plötzlich offen. In der Schrift zu lesen, helfe ihr. «Wir versuchen, positiv zu bleiben, selbst wenn wir die Situation nicht verstehen.»

Der Wunsch nach Normalität

Wie es um ihre Wohngegend steht, das weiß Mona nicht, denn niemand darf dorthin zurück. Flammen gebe es dort aber nicht, nur Rauch und natürlich bestehe die Gefahr, dass der Brand überschlagen könnte. «Ich mache mir um das Haus ein bisschen Sorgen, aber vor allem will ich zurück nach Hause und wieder ein normales Leben führen.»

Von einem normalen Leben ist Mona im Notlager weit entfernt. Arbeiten kann sie nicht. Ihr Büro ist ebenfalls in dem nun evakuierten Gebiet. «Wir wissen überhaupt nicht, wie lange das dauern wird», klagt sie.

Auf dem Messegelände musste Mona mehrfach den Ort wechseln. Nun ist sie in der großen Halle 2. «Sie ist erdrückend», meint die Französin. «Hier sind viel zu viele Menschen. Hier ist wirklich einer an den anderen gedrängt.» Ständig gebe es Hin und Her, auch Tiere seien unterwegs und das grelle Licht an der Decke bleibe immer an. «Das ist unerträglich.» Selbst nachts kehre keine Ruhe ein. Schlafen habe sie diese Nacht nicht können. «Aber nun ja, wir leben damit.»

Riesige Masse an Spenden und helfenden Händen

Mit nur einer Handvoll Evakuierten gestartet, waren zwischenzeitlich fast 7.000 Menschen in den Notunterkünften an der Messe untergebracht. Viele von ihnen kamen nur für eine Nacht. Die Behörden versuchen, ihnen andere Bleiben zu organisieren, im Zweifel auch in Schlafsälen an Schulen, die zumindest etwas mehr Komfort und Privatsphäre bieten als die riesigen Hallen, in denen die einfachen Feldbetten eng an eng aneinandergereiht sind.

Psychologen, Ärzte, Osteopathen, auch Tierärzte sind vor Ort, um den Menschen zu helfen, mit der schwierigen Lage umzugehen. In einer Ecke organisieren Freiwillige Freizeitangebote für Kinder und Erwachsene. Einige Menschen spielen Badminton. Die Zahl der Hilfsangebote ist überwältigend. Vorerst nimmt die Stadt weder Spenden an, noch sucht sie weitere Freiwillige. Mehr als genügend Menschen haben Unterstützung angeboten.

Freiwillige: Zeit für Gespräche sind wichtig

Eine von ihnen ist Cathrine. Die Ärztin im Ruhestand wollte eigentlich im Medizinteam mithelfen. Doch weil es dort schon genügend helfende Hände gab, verteilt sie nun Kleidung, Schlafmasken und Seife. «Ich hatte das Gefühl, dass Menschen gebraucht werden, und auch ich habe es gebraucht, mich zu engagieren», erzählt die 68-Jährige aus dem Umland von Bordeaux.

Als am Anfang Menschen aus Altenheimen völlig verloren in der Halle waren, sei es unglaublich schwierig gewesen. Mittlerweile seien die Senioren nicht mehr vor Ort und die anderen Menschen recht gefasst. Doch: «Mit der Zeit werden die Menschen es auch leid.» Catherine betont, sich viel Zeit für diejenigen zu nehmen, die hier gestrandet sind. «Sie müssen reden», sagt Catherine, über das Erlebte, aber auch über ihre Hoffnung. Und sie, die Freiwillige, höre zu.

© dpa-infocom, dpa:260729-930-455884/2