Großbrand im Hürtgenwald: Explosive Lage für Einsatzkräfte
Flammen, Rauch und Weltkriegsmunition: Eine Feuerwalze im Hürtgenwald rückt an die Eifel-Gemeinde Gey heran. Der wohl größte Waldbrand in NRW fordert Feuerwehr und Anwohner bis an ihre Grenzen.
Hürtgenwald (dpa) - Lodernde Flammen, beißender Rauch, nächtlicher Polizei-Alarm - die Bewohner des rund 2.000 Einwohner zählenden Ortes Hürtgenwald-Gey entgehen während eines Waldbrands quasi vor ihrer Haustür einem Inferno. Was am Donnerstagnachmittag zunächst einer von vielen Waldbränden in dieser Trockenperiode zu sein schien, haben starke wechselnde Winde im Laufe der Nacht zu einer Feuerwalze in der Nordeifel wachsen lassen.
Waldbrand in Eifel wohl größter in NRW-Historie
Der Waldbrand ist nach Einschätzung der Landesregierung wohl der größte in der Geschichte von Nordrhein-Westfalen. «Wir haben hier in Hürtgenwald mit einem Ausmaß zu tun, mit dem wir so nichts zu tun hatten in Jahrzehnten», sagte NRW-Landwirtschaftsministerin Silke Gorißen (CDU) bei einem Besuch der Einsatzkräfte. «Das ist einfach eine andere Hausnummer.» Gorißen ging von einer betroffenen Mindestfläche von 200 Hektar aus. Möglich seien auch bis zu 300 Hektar.
«Wir mussten uns streckenweise zurückziehen, damit einzelne Einheiten nicht eingekesselt wurden», berichtete der Dürener Landrat Ralf Nolten (CDU) über den hochgefährlichen Feuerwehreinsatz. Als das Feuer gegen Morgen nur noch etwa 250 Meter vom Ortsteil Gey mit seinen 2.300 Bewohnern entfernt gewesen sei, musste gehandelt werden. Mitten in der Nacht klingelte die Polizei die Leute aus dem Bett: Alle Bewohner mussten ihr Zuhause verlassen.
Flammen kommen näher
Im Laufe des Tages fraßen sich die Flammen noch näher an Hürtgenwald heran. Am Nachmittag war das Feuer noch rund 150 Meter von der Ortschaft entfernt, wie Nolten sagte. Hürtgenwald liegt im Westen Nordrhein-Westfalens nahe der belgischen Grenze und hat insgesamt knapp 9.000 Einwohner.
Mehrere Hundert Hektar des mit Weltkriegsmunition belasteten großen alten Waldes in der Nordeifel haben die Flammen bereits zerstört. Immer mehr hinzugezogene Brandbekämpfer erleben bange Stunden, ob sie ein Übergreifen des Feuers und damit weitere Evakuierungen anderer Ortschaften verhindern können.
Löschhubschrauber bekämpfen das Feuer aus der Luft, Wasserwerfer der Polizei sollen das Feuer von der Seite aus eindämmen. Zuvor war die Bundeswehr bereits mit zwei Panzern im Einsatz, um Schneisen in den Wald zu schlagen. Land- und Forstwirte unterstützen. Die Ursache des Waldbrands ist bislang nicht bekannt.
Mittlerweile kommt auch Gegenfeuer als Mittel der Brandbekämpfung zum Einsatz. Dazu werden Feuer an geeigneten Stellen entzündet, um dem größeren Brand Nahrung zu entziehen, wie Feuerwehrsprecher Peter Berndgen sagte.
Die Uhr tickt
Die Stunden bis zum frühen Abend galten als entscheidend für den Erfolg der schwierigen Brandbekämpfung. Am frühen Abend befand sich das Feuer nach Angaben des Kreises Düren immer noch 150 bis 200 Meter von Gey entfernt. Die Anwohner aus Gey könnten in der Nacht nicht in ihre Häuser zurückkehren, teilte der Kreis mit. Sie sollten die Anlaufstelle aufsuchen oder bei Verwandten, Bekannten oder Freunden unterkommen.
Im NRW-Landwirtschaftsministerium lief am Vormittag nach dpa-Informationen eine Krisensitzung mit Fachleuten. Aufgrund der akuten Trockenheit kommt es derzeit an mehreren Orten in Nordrhein-Westfalen zu Waldbränden. Auch im Sauerland laufen noch Löscharbeiten. Innenminister Herbert Reul (CDU) und Gorißen appellierten an die Bevölkerung, Wälder derzeit nicht zu betreten. «Brände können sich rasant schnell ausbreiten und Fluchtwege abschneiden», mahnten sie.
Patrick Koch hat das in Hürtgenwald erlebt. «Das war Wahnsinn», schilderte der 31-Jährige, der für ein Tiefbauunternehmen arbeitet, die gespenstische nächtliche Szenerie. Ununterbrochen habe er mit einem Traktor Wasser aus einer Talsperre geholt, um die Feuerwehr zu unterstützen. Seine Freundin habe zu Hause aus dem Fenster beobachten können, wie sich der Brand ausgebreitet habe. «Noch nie erlebt so was.»
Feuerwand rollt auf Ortschaft zu
Die Evakuierung in Gey ist nach den Schilderungen des Landrats reibungslos verlaufen: «Wenn Sie die Feuerwand gesehen haben - die Bäume haben ja schon ihre Höhe und dann brennt es noch mal ein paar Meter über der Krone - wenn Sie das gesehen haben, dann gehen Sie schon und fangen nicht an zu diskutieren», berichtete Nolten. Bürgermeister Stephan Cranen (parteilos) äußerte die Hoffnung, dass die Menschen aus dem benachbarten Ortsteil Großhau nicht auch evakuiert werden müssen.
Im Laufe des Einsatzes bekamen die örtlichen Brandbekämpfer zunehmend Unterstützung durch Hubschrauber aus anderen Bundesländern und auch der Bundeswehr. Letztere schickte am Vormittag zwei Löschhubschrauber aus Niedersachsen zum Hürtgenwald, wie eine Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums mitteilte. Am Nachmittag waren nach Angaben von Landrat Nolten rund 300 Einsatzkräfte vor Ort.
Die Transporthubschrauber sind mit einem sogenannten Bambi Bucket bestückt, einem faltbaren Löschwasser-Außenlastbehälter für Hubschrauber. Mit jedem einzelnen Flug können damit 2.000 Liter Löschwasser abgelassen werden.
Wasserwerfer der NRW-Polizei bekämpfen den Brand von der Seite. Auch das neue Spezialfahrzeug «Fire Fighter» des Landesbetriebs Wald und Holz kann sich mit 10.000 Litern Löschwasser den Weg durch schwieriges Gelände bahnen.
Weltkriegsmunition macht den Einsatz hochgefährlich
Die Löscharbeiten werden durch Weltkriegsmunition auf dem Gelände erschwert. «Das Gelände ist doch sehr schwierig und durch die hohe Munitionsbelastung können wir auch keine einzelnen Feuerwehrleute mit Löschrucksäcken reinschicken», sagte Landrat Nolten. Im Laufe der Nacht sei auf dem Brandgelände bereits Munition hochgegangen.
Der Hürtgenwald war 1944 und 1945 Schauplatz schwerer Kämpfe zwischen deutschen und US-amerikanischen Truppen. Auf den Gesteinsblöcken der Bunker wachsen heute Farne und Bäume, aber unter der Erde liegen Granaten und Munition. Helfer berichten, dass in der Nacht immer wieder Explosionen aus der Richtung des Brands zu hören waren.
Wegen starker Rauchentwicklung und Ascheregens mussten am Vormittag zwei Betreuungsstellen für betroffene Anwohner geräumt und verlegt werden. Verletzte wurden bislang nicht gemeldet.
Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) dankte Feuerwehr, Polizei und Hilfsorganisationen. Viele von ihnen seien im Hürtgenwald seit Donnerstagnachmittag ohne Pause im Einsatz gewesen. «Unser Land hält zusammen!», hob er auf der Plattform X hervor. Wüst macht sich am Samstag vor Ort ein Bild von der Lage im Brandgebiet. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teilte mit, dass er laufend über die Entwicklung unterrichtet werde. Den Einsatzkräften danke er «für ihren unermüdlichen und oft bis zur Erschöpfung reichenden Einsatz», schrieb er auf X.
Krischer: Klimawandel trifft mit Wucht
NRW-Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) äußerte sich bestürzt über das Ausmaß des Waldbrandes. «Ich komme ja aus der Region hier, bin hier aufgewachsen und kenne diesen Wald. Und das ist schon bitter, wenn man das hier sieht, was der Brand alles weggefressen hat in einer Dimension, wie ich das nie mir hätte vorstellen können», sagte Krischer der Deutschen Presse-Agentur. Die Wetterextreme würden immer extremer. «Das zeigt eben, die Folgen des Klimawandels treffen uns hier mit voller Wucht.»
Polizei ermittelt zur Brandursache
Die Polizei Köln ermittelt zur Ursache des Großbrandes im Hürtgenwald und hat ein Hinweisportal für Zeugen eingerichtet. Von besonderem Interesse seien Fotos und Videos aus dem Zeitraum der Brandentstehung, teilte die Behörde mit. Der Brand hatte sich seit Donnerstagnachmittag ausgebreitet. Die Ursache war zunächst unklar.
Der Waldbrand sorgte auch für Einschränkungen im Verkehr: Die Ausfahrten Düren und Langerwehe mussten gesperrt werden, um sie als Rettungszufahrten für die Einsatzkräfte nutzen zu können. Für Verkehrs- und Absperrmaßnahmen stehen laut Kölner Präsidium zwei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei zur Verfügung. «Schaulustige werden aufgefordert, das Brandgebiet zu verlassen und großräumig zu meiden», appellierte die Behörde an die Bürger.
Wie geht es weiter?
Am frühen Abend waren nach Angaben des Kreises Düren 400 Einsatzkräfte vor Ort. Hinzu kamen viele freiwillige Helfer, unter ihnen Land- und Forstwirte, die mit ihren Maschinen und ihrer Expertise eine enorme Hilfe seien.
Bis Montagmorgen sei die Bereitschaft von Einsatzkräften durchgetaktet, sodass das Feuer auch in der Nacht bekämpft werden könne. Schwierigkeiten ergäben sich aber in der Dunkelheit und bei zu hoher Rauchentwicklung. Dann könnten Löschhubschrauber nicht mehr fliegen. Über Nacht werde aber vom Boden aus weiter gegen das Feuer gearbeitet.