Blog Geheimakte "Olympia-Attentat" Anneliese Graes und was am Abend geschah

Foto: Foto: Sven Hoppe/dpa Der Tower des Flughafen Fürstenfeldbruck

Hier Podcast-Folge anhören

Investigativ-Journalist Christoph Lemmer von ANTENNE BAYERN

Der Tag des Überfalls auf die israelische Olympiamannschaft, streckenweise minutengenau rekonstruiert: Es ist keine trockene Zeitleiste, die dabei herauskommt, sondern ein Protokoll dramatischen Scheiterns. Am Abend verlegt die Polizei den Schauplatz: Raus aus dem Olympischen Dorf, rüber zum Flugplatz Fürstenfeldbruck. Dort sollen die Geiseln befreit werden. Aber der Plan scheitert schon im Ansatz.

Mein Name ist Christoph Lemmer und ich bin Investigativ-Journalist. In der Vergangenheit habe über den NSU-Prozess für die Nachrichtenagentur dpa berichtet und für ANTENNE BAYERN mehrere große Podcasts produziert, darunter einen über den Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum und einen preisgekrönten über den Fall Peggy und ein falsches Mordurteil. 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat in München öffnen wir in den nächsten Wochen gemeinsam die „Geheimakte: 1972“.

Die Ereignisse des 5. September erzählen wir in den drei Episoden 6, 7 und 8 von Geheimakte 1972. Episode 8, die dritte dieses Tages, geht genau 50 Jahre online, nachdem Anneliese Graes die Vermittlung beendet und der Transport nach Fürstenfeldbruck beginnt.

Für den Einsatz dort hat sich der Polizeibeamte Heinz M. freiwillig gemeldet. In einer ausführlichen schriftlichen Stellungnahme beschreibt er das ganze Drama dieses Einsatzes.

Am Dienstag, dem 5.9.72 meldete ich mich auf Befragen von PD Haimerl freiwillig zu einem Sondereinsatz auf dem Flughafen Fürstenfeldbruck. Gegen 19.00 Uhr wurde ich zusammen mit einigen Kollegen aus meiner Schicht und der EH von der Dachauerstraße per Hubschrauber zum Flugplatz Fürstenfeldbruck geflogen. Unsere Aufgabe war, die Lufthansamaschine, die zur Aufnahme der Terroristen und der Geiseln bereitstehen sollte, die Geiseln zu befreien. Zu diesem Zweck zogen wir am Flugplatz gelbe, grüne und blaue Monteuranzüge an. Von der Bereitschaftspolizei und besonders von der Bundeswehr wurden uns auf mehrfaches Verlangen Pistolen P 38 ausgeliehen.

Der Einsatz fand dann aber so nie statt. Terroristen und Geiseln waren in zwei Helikoptern schon unterwegs auf dem kurzen Flug nach Fürstenfeldbruck, als Heinz M. und seine Kollegen beschlossen: Da machen wir nicht mit.

Die Durchführung des Einsatzes, also die Besetzung der Maschine, wurde jedoch dann von allen dafür infrage kommenden Beamten einstimmig abgelehnt. Gründe dafür waren neben der eigenen Sicherheit hauptsächlich die zu erwartende Erfolglosigkeit dieser Aktion.

Die Verkleidung als Mechaniker z.B. hätte uns überhaupt nichts genützt, weil man wohl niemandem hätte ernsthaft glauben machen können, dass in dieser Situation noch Mechaniker damit beschäftigt seien, im Flugzeug Aschenbecher auszuleeren oder Fenster zu putzen.

Auch das Innere des Flugzeugs war für unser Vorhaben sehr ungünstig, weil der Innenraum mehrfach durch Zwischenwände abgeteilt war, die zur unser Sichtfeld und damit unser Schussfeld erheblich einschränkten, die andererseits jedoch zu dünn waren, um nicht von Geschossen durchschlagen zu werden.

Zur Täuschung zwei Beamte als Piloten in das Cockpit zu setzen, wurde wieder fallengelassen, weil sich der Einstieg unmittelbar hinter der Pilotenkanzel befand. Im Bedarfsfall hätten wir dann in Richtung des Cockpits schießen müssen und dabei unweigerlich diese beiden Polizisten getroffen. Wegen der beengten Räumlichkeiten hätten wir keine Möglichkeit gehabt, an ihnen vorbeizuschießen.

Die Tanks des Flugzeugs waren auch nicht leer, wie wir erwartet hatten, sondern voll. Im Falle einer Explosion wäre dadurch nicht nur das Flugzeug zerstört worden, sondern durch den umherspringenden Treibstoff auch, wie uns ein Luftwaffenoffizier versicherte, das gesamte Towergebäude in Mitleidenschaft gezogen worden.

Ausschlaggebend jedoch war, dass auf diese Art kein Erfolg zu erzielen gewesen wäre. Es war nicht zu erwarten, dass die Terroristen gleich mit allen Geiseln das Flugzeug betreten würden, was sich dann auch als richtig erwies.

Selbst wenn es uns gelungen wäre, den Anführer der Terroristen, der das Flugzeug inspizierte und uns dabei auf jeden Fall entdeckt hätte, ohne zu schießen zu überwältigen, wären die übrigen Terroristen an den Hubschraubern misstrauisch geworden. Unter Umständen wäre es dann nicht einmal mehr möglich gewesen, die Hubschrauberpiloten zu retten.

Am Ende geht alles schief. Die Terroristen töten sämtliche Geiseln. Die Polizei glaubt bis zum Schluss, sie habe es nur mit fünf Terroristen zu tun – weil die Beobachtung der drei Postbeamten vom frühen Morgen des 5. September immer noch nicht bei der Einsatzleitung angekommen sind.

Episode 8 von Geheimakte 1972 basiert im Kern auf der Aussage des Beamten Heinz M., ergänzt durch weitere Dokumente und Fundstücke im Archiv. 

Zurück zur Blog-Übersichtsseite