Braucht es eine Imam-Ausbildung in Bayern?
Seit vielen Jahren ist ein Streitthema: Sollte es eine staatliche Imam-Ausbildung in Bayern geben? Im Landtag wurde mit Experten aus Forschung und islamischer Religion diskutiert.
München (dpa/lby) - Sollen Imame künftig auch in Bayern ausgebildet werden? Das ist schon seit Jahrzehnten ein politisches Streitthema im Freistaat. Nach einem Antrag der Grünen-Landtagsfraktion hat sich der Bildungsausschuss im Landtag jetzt mal wieder mit dieser Frage beschäftigt.
Wie es um die Ausbildung zum Imam in Bayern steht und welche Argumente für oder gegen eine Imam-Ausbildung in Bayern sprechen:
Was ist Stand der Dinge?
Bundesweit gibt es verschiedene Weiterbildungs- und Aufbauangebote, aber eine vom Bund geförderte Imam-Ausbildung ist einzigartig: Beim vom Bundesinnenministerium geförderten Islamkolleg Deutschland (IKD) mit Sitz in Osnabrück können sich Menschen zum Imam ausbilden lassen, egal welchem Verband sie angehören. Das Ende 2019 gegründete IKD ist die erste verbandsübergreifende und in Kooperation mit islamischen Theologen aus Deutschland gegründete Einrichtung für die Ausbildung von islamischen Geistlichen und Seelsorgern in deutscher Sprache.
Innerhalb ihrer jeweiligen Verbände bilden einige Organisationen eigene Imame aus – etwa die hierzulande größte Islam-Organisation in der Ditib-Akademie im Eifel-Ort Dahlem. Die Ditib bildet dort seit 2020 einen Teil ihrer Geistlichen aus. Bis dahin wurden Imame der Ditib aus der Türkei entsandt und allesamt von der Religionsbehörde Diyanet in Ankara bezahlt.
Finanziert wird die Ausbildung einem Sprecher zufolge durch Spenden und Mitgliederbeiträge. Bei einem neuen Ausbildungsprogramm zum islamischen Religionsbeauftragten, dessen erste Absolventen laut Ditib 2027 abschließen sollen, kooperiert die Akademie mit dem IKD.
In Bayern gibt es kein vergleichbares Angebot. An der Universität Erlangen besteht zwar der Bachelorstudiengang «Islamisch-religiöse Studien»; eine vollständige Ausbildung zum Imam ersetzt er aber nicht.
Was fordern die Grünen?
Zentrale Forderung ist die Förderung eines bayerischen Aus- und Fortbildungsprogramms für Imaminnen und Imame sowie islamische Religionsbedienstete. «Die Ausbildung soll ihnen ermöglichen, in ihren Gemeinden in der Lage zu sein, ihren Gemeindemitgliedern beratend und unterstützend zur Seite zu stehen», heißt es im Antrag.
Der Einfluss extremistischer Kräfte auf bayerische Moscheen und Gemeindezentren solle eingedämmt werden. Imame, die aus dem Ausland entsandt werden, sollen an speziellen Integrationskursen teilnehmen und sich klar zu den Werten der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennen müssen.
Was meinen die Experten?
«Freilich braucht Bayern eine Imam-Ausbildung», sagte Maher Khedr, der in Ägypten Theologie studiert hat und in Osnabrück zu den ersten Absolventen der IKD-Ausbildung gehörte, im Bildungsausschuss. Er ist im oberpfälzischen Weiden als Imam tätig.
Gönül Yerli, die Religionspädagogin und Vizedirektorin der islamischen Gemeinde Penzberg, sagte: «Lassen Sie uns einen Imam made in Bavaria kreieren.» Sie ist überzeugt, dass eine zeitgemäße Ausbildung den vielfältigen Anforderungen an einen Imam Rechnung tragen und wissenschaftliche Fundierung mit praktischer Gemeindearbeit verbinden sollte.
«Imame und Imaminnen bilden die wichtigste religiöse und pädagogische Bildungsinstanz in muslimischen Gemeinden, die leider bisher komplett vernachlässigt wurde», sagte Tarek Badawia von der Universität Erlangen-Nürnberg schon vor der Sitzung. «Man muss schauen, wie man diesen Weg gemeinsam mit Gemeinden gestaltet», mahnte er in der Diskussion. Wenn man die Gemeinde vorab ausschließe, finde auch keine Kooperation statt.
Welche Rollen haben Imame?
Ein Imam ist nach Khedrs Worten viel mehr als ein Vorbeter: «Natürlich leitet er das Gebet, natürlich hält er die Freitagspredigt und vermittelt religiöses Wissen.» Die Aufgaben eines Imams seien aber nicht darauf begrenzt. «Ein Imam ist Seelsorger, er ist Lehrer», sagte Khedr. Er sei auch ein Berater und Ansprechpartner für Jugendliche und Familien. «Er begleitet Menschen von Geburt bis zum Tod», sagte der IKD-Absolvent. Theologisches Wissen allein reiche nicht aus. «Er muss unsere Rechtsordnung kennen und den demokratischen Rechtsstaat verstehen.»
Was macht der Landtag?
Erst einmal nichts. Der Antrag der Grünen wurde mehrheitlich abgelehnt, lediglich die SPD stimmte zu. AfD, Freie Wähler und die CSU stimmten dagegen. Trotz dieses Ergebnisses hofft die Grünen-Politikerin Gabriele Triebel auf eine Umsetzung der Imam-Ausbildung in den kommenden Jahren.
Wo liegen die Schwierigkeiten?
Die Imam-Ausbildung in Deutschland ist seit Jahrzehnten ein Zankapfel und gestaltet sich ausgesprochen schwierig. Viele Islam-Organisationen, darunter auch die Ditib, pochen darauf, dass sich der Staat aus der Ausbildung von Seelsorgern heraushalten müsse.
Anders als etwa bei der Katholischen Kirche ist der weltweite Islam nicht hierarchisch durchorganisiert, es gibt für deutsche Behörden keine verbindlichen übergreifenden Ansprechpartner, die über ihre eigene Region oder Religionsströmung hinaus verhandlungsfähig wären.