Zum Hauptinhalt springen

Frankfurt ist schlimmer als Chicago

Zwischen Slapstick, Melancholie und zärtlichem Erinnern: Alexandra Stahl hat ein einfühlsames Buch über ihre Großeltern und das Altern geschrieben.

ANTENNE BAYERN ANTENNE BAYERN GmbH & Co. KG ANTENNE BAYERN Logo
Autorin Alexandra Stahl Cat Pfeifer/Ullstein Verlag/dpa

Berlin (dpa) - «Es ist nicht so, dass meine Großmutter und mein Großvater die perfekte Ehe geführt hätten. Sie sammelte Puppen und schaute das "Glücksrad". Er las Heinrich Böll und liebte die Fußballsendung "ran". Niemand führt eine perfekte Ehe. Und vielleicht hatten sie nicht einmal eine gute. Eher hatten sie halt eine.» 

So beschreibt die Autorin Alexandra Stahl die Beziehung ihrer geliebten Großeltern, mit denen sie zusammen aufwuchs und denen sie einen großen Teil ihres Buchs «Tschikago» widmet. Es ist ein Blick zurück in eine entschwundene, behagliche Welt in der unterfränkischen Provinz, von der aus bereits das nahe Frankfurt als monströse Bedrohung erscheint. 

Nicht umsonst lautet die ewige Warnung des Großvaters an die neugierige Enkelin: «Frangfodd is schlimmer als Tschikago!» Wahrscheinlich genau deswegen hat der gelernte Elektriker auch in grauer Vorzeit auf die Auswanderung in die USA verzichtet. Viel zu gefährlich dieses «Tschikago».

Autofiktional, aber doch anders als Ernaux

Das Buch reiht sich ein in den schon seit einiger Zeit angesagten autofiktionalen Trend. Ähnlich wie die französische Autorin und Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux reflektiert Stahl Episoden ihrer Biografie und lässt uns am Entstehungsprozess ihres Buchs teilhaben, sie springt von der Vergangenheit in die Gegenwart und zurück. 

Und doch geht sie anders als Ernaux vor, seziert sie doch weniger sich selbst als vielmehr ihre Mitmenschen, erst die Großeltern, die erweiterte Familie, die Dorfgemeinschaft und dann - im zweiten Teil - die Bewohner eines Berliner Altenheims. Die Grundlage bilden Gesprächsnotizen, die sie offenbar im Laufe der Zeit als eine Art Chronik gesammelt hat.

Deshalb ist das Buch auch ziemlich dialoglastig, allerdings nicht zu seinem Schaden. Denn viele Dialoge sind ausgesprochen amüsant, vor allem wenn sie im Dialekt daherkommen. Das Leben der Großeltern in einem Haus voller Katzen ist geprägt durch wiederkehrende Handlungen, Frotzeleien und ritualisierte Sprüche, die ihrem Leben einen Halt geben. 

Wenn die Kirchenglocken in einer bestimmten Weise läuten, weiß die Großmutter gleich: «Oje! Widder aaner gschdorbe!» Dann muss die Enkelin im Glaskasten der Kirche nachschauen, wen es diesmal getroffen hat. «Oje! De Kalleinz? - Ja. - Oje!». Danach wird der neueste Todesfall ausgiebig mit einer Nachbarin betratscht und das Ganze mit dem stets gleichen Satz beschlossen: «Der hodd abba och orich schlechd ausgsähe!». 

Ein berührender Roman über Vergänglichkeit

Trotz des launigen Tons und der manchmal absurd-slapstickhaften Komik werden in dem Buch sehr ernsthafte, ja traurige Themen behandelt. Es geht um Alter, Vergänglichkeit und Tod. Wenn der Großvater langsam dement wird, dann zerbricht für die Großmutter das eingespielte Leben mit all seinen Alltagsroutinen, Kabbeleien und liebgewordenen Gewohnheiten. Schon lange vor dem Tod geht der Partner dahin.

Das Thema Vergänglichkeit bespielt Stahl noch einmal verstärkt im zweiten Teil des Buchs. Nach dem Tod des Großvaters leistet die Autorin einen Freiwilligendienst in einem Berliner Altenheim ab. Sie hat mit zahlreichen alten Frauen und wenigen alten Männern zu tun, deren Alltag jetzt wie eingefroren ist, doch immer wieder blitzt ihr früheres Leben daraus hervor.

Frau Bellmann denkt an unvergessliche Sommertage am Werbellinsee, Frau Vella an ihre zwei italienischen Männer und Herr Winkler, die «rote Socke», an den verflossenen SED-Staat. Nach wie vor hält er den Mauerfall für «ein notwendiges Übel». Alle Bewohner haben ihre eingestanzten Sprüche, an denen sie sich festhalten und die sie an ihr versunkenes Leben binden: «Das Leben war gut, wenn man das Schlechte weglässt!».

«Tschikago» ist berührend, macht nachdenklich und fängt das Thema Altern und Vergänglichkeit in vielen Facetten ein. Doch gerade im zweiten Teil hätte man sich ein bisschen mehr Ordnung gewünscht. Die zersplitterte, mosaikhafte und assoziative Erzählweise gerät hier an ihre Grenzen.

© dpa-infocom, dpa:260729-930-453578/1