Zum Hauptinhalt springen

Berlins Meister-Märchen: «Alba-Milch» schlägt Geld und Stars

Kaum jemand tippt auf Alba als Meister. Doch dann übertrumpft Alba selbst die vermeintlichen Giganten des FC Bayern. Warum? Dafür hat der Clubboss eine Erklärung. In München herrscht hingegen Frust.

ANTENNE BAYERN ANTENNE BAYERN GmbH & Co. KG ANTENNE BAYERN Logo
FC Bayern München - Alba Berlin Matthias Stickel/dpa

München/Berlin (dpa) - Albas Sensations-Champions gönnten sich noch in der Berliner Nacht einen verdienten Döner «mit alles». Nach der Heimfahrt im ICE mit Bundesliga-Pokal, Bier, Zigarren und Boombox im Gepäck musste eine typische Stärkung her - einer der verblüffendsten Meistertitel in der Geschichte der BBL wollte schließlich adäquat gefeiert werden. «Fucking hell, wir werden ordentlich auf den Putz hauen», kündigte Coach Pedro Calles direkt nach dem Sieg an.

Als die Alba-Helden Stunden nach ihrem atemberaubenden Comeback und dem 84:81-Erfolg im fünften Finale in München schon wieder an die Spree zurückkehrt waren, war beim FC Bayern die Fassungslosigkeit nach diesem historischen Basketball-Abend noch längst nicht verflogen. 

Lehrstück für Underdog-Stories

Nicht der Bundesliga-Krösus aus München, nicht das Team voll mit Welt- und Europameistern, nicht der vermeintliche Branchen-Primus samt Trainer-Legende schrieb die von allen erwartete Erfolgsgeschichte dieser Saison. Der Coup von Alba verzückte Berliner Fans und Sportromantiker gleichermaßen. Und er war auch ein Lehrstück darüber, was als Underdog alles möglich ist - und wie man es als scheinbar haushoch überlegener Favorit vergeigen kann.

«Ich weiß nicht, wie wir hier reingeraten sind», sagte Alba-Profi Malte Delow völlig perplex beim Bezahlsender Dyn nach dem Gewinn der zwölften Alba-Meisterschaft. Kapitän Jonas Mattissek brauchte eine Weile und einen Siegerkuss von seiner Freundin, der Eiskunstlauf-Olympiadritten Minerva Hase, um den Triumph zu realisieren - und in die Partynacht zu starten.

«Das ist ein Wahnsinn», resümierte auch Clubchef Marco Baldi, nachdem er sich noch auf dem Parkett in München wie ein kleines Kind von seinem Medienverantwortlichen Justus Strauven huckepack tragen ließ.

München reicht weder ein XXL-Etat noch Welt- und Europameister

Die Münchner Spieler hatten zu diesem Zeitpunkt schon längst - ähnlich wie die meisten Heimfans - den Innenraum des SAP Gardens verlassen. Nach einer ohnehin mauen Saison mit Enttäuschungen in der Euroleague und im Pokal war der dritte Meistertitel nacheinander fest als Trostpflaster eingeplant worden. 

Und alles sprach dafür, schon lange vor der Endspielserie: Bayerns Spieler kosten fast genauso viel wie alle Kader der anderen sieben Playoff-Teams zusammen und laut offiziellen Liga-Angaben knapp viermal so viel wie die Berliner Profis. Gleich sechs deutsche Welt- und Europameister hat München in seinen Reihen und dazu noch Trainer-Veteran Svetislav Pesic, der in seiner nun ohne finalen Erfolg zu Ende gehenden Karriere fast alle großen Titel gewann.

Berliner Jungs und die «Alba-Milch»

Aber Namen, vergangene Erfolge und Gehaltslisten gewinnen nun mal keine Trophäen. Charakter, Aufopferung, Mut und der Glauben an sich selbst schon eher, das bewies Alba eindrucksvoll. «Wir haben Geschichte geschrieben», sagte Trainer Calles zur Aufholjagd nach dem 20-Punkte-Rückstand zur Pause.

«Ich kann es nur auf die Mentalität zurückführen», meinte Geschäftsführer Baldi und verwies auf Spieler wie Mattissek, Delow, Ex-Kapitän Martin Hermannsson oder Super-Youngster Jack Kayil. «Die spielen natürlich eine Riesenrolle, weil die von klein auf, ich will jetzt nicht sagen die Muttermilch, aber die Alba-Milch eingesogen haben.» Just jene teils unerfahrenen Spieler trumpften in den entscheidenden Phasen gegen München auf und funktionierten als Team, während Bayern erstaunlich plump den Ball einfach immer nur in die Hände von Andreas Obst legte, damit der die Dreier verwandelt - was am Ende misslang.

Kayil gen NBA - Was wird aus dem restlichem Kader?

Berlin fühlt sich bestätigt in seinem Weg, auf junge Talente zu setzen und die ganz kostspieligen Transfers anderen zu überlassen. Auch im Sommer werden Baldi und Sportdirektor Himar Ojeda gefordert sein, den Kader weiter zu formen für die Zukunft, in der Alba auf das NBA-Europe-Projekt hofft.

Mindestens ein Jungstar wird dabei ersetzt werden müssen. Der deutsche Nachwuchsnationalspieler Kayil will in die NBA, in dieser Woche ist der 20-Jährige beim Draft der besten Liga der Welt dabei. Nach der Partynacht in Berlin stand für den Berliner schon der Flug nach New York an. «Wir wussten alle, es ist das letzte Spiel für uns alle in dieser Konstellation. Wir wollten einfach nur Spaß haben, es genießen, das letzte Mal noch mal», sagte er.

Bayern-Coach Pesic mit verbaler Abrechnung zum Karriereende

Von Genuss waren die Bayern weit entfernt - und Trainer Pesic deutete an, dass das nicht erst am Sonntagabend so war. Nach seinem letzten Spiel vor der Basketball-Rente deutete er atmosphärische Spannungen an. «Mir ist es nie gelungen, aus diesen Spielern ein Team zu bilden», sagte der 76-Jährige.

Im Dezember hatte er überraschend die Münchner noch mal übernommen und schnell gemerkt, dass ihm das Auftreten mancher Profis nicht gefiel. «Einige Sachen erlaube ich nicht», sagte er, ohne zu präzisieren, was genau er meinte. «Ich will nicht sagen, dass die Spieler keine Profis sind, das ist nicht der Fall», sagte der Serbe, ehe er ergänzte: «Aber die Mannschaft steht über allem.» Das galt bei Alba noch viel mehr - und wurde mit dem Titel belohnt.

© dpa-infocom, dpa:260622-930-262240/1