Brasilien entgeht WM-Schmach: Last-Minute-Sieg gegen Japan
Rekordweltmeister Brasilien tut sich in seinem ersten K.-o.-Spiel schwer. Gegen Japan muss die Seleção einen Rückstand verkraften. Gabriel Martinelli erlöst die Brasilianer spät.
Houston (dpa) - Brasiliens Matchwinner Gabriel Martinelli sank kurz auf den Rasen, dann fielen sich die Spieler der Seleção erleichtert in die Arme. Der Rekordweltmeister hat ein schmachvolles Aus schon in der ersten K.-o.-Runde dieser Fußball-WM gerade noch abgewendet. Der in der 66. Minute eingewechselte Martinelli traf im Sechzehntelfinale gegen Japan in der fünften Minute der Nachspielzeit zum 2:1 (0:1)-Endstand. In den vergangenen gut drei Jahrzehnten hatte Brasilien immer mindestens das Viertelfinale erreicht.
Vor dem Arsenal-Profi hatte Casemiro (56. Minute) in Houston nach einer deutlichen Leistungssteigerung zum Ausgleich getroffen. Der fünfmalige Weltmeister trifft nun am Sonntag auf den Sieger der Partie Norwegen gegen die Elfenbeinküste. Japan tritt dagegen wieder einmal vorzeitig die Heimreise an. Der Mainzer Bundesliga-Profi Kaishu Sano (29.) hatte Japan zunächst in Führung gebracht und vom erstmaligen Einzug in ein zweites K.-o.-Spiel bei einer WM träumen lassen.
Ancelotti: «Nicht die Geduld verloren»
«Wir wollten von Anfang an Druck machen, wir wollten gewinnen. Wir haben dann einen Gegentreffer kassiert, haben aber nicht die Geduld verloren, einfach weitergespielt. Ich denke, der Sieg war verdient», sagte Brasiliens Coach Carlo Ancelotti, der den späten Siegtreffer fast schon stoisch zur Kenntnis nahm.
Der 67-Jährige verzichtete erneut auf Superstar Neymar. «Ich wollte Neymar zur Verlängerung bringen. Ich habe mit ihm in der Halbzeitpause gesprochen und dann kam der Ausgleich, sonst wäre er in der 60., 65. Minute ins Spiel gekommen», sagte Ancelotti. Stattdessen brachte er Gabriel Martinelli.
Brasilien wartet auf ersten WM-Titel seit 2002
Über die Favoritenrolle war vor der Partie viel geschrieben worden - Rekordweltmeister klingt nach mehr, als Brasilien momentan zu leisten vermag. Der letzte Titelgewinn liegt bereits 24 Jahre zurück, und von der damaligen Überlegenheit ist die Seleção weit entfernt. Die Abhängigkeit von ihrem eigenwilligen Offensivspieler Vinícius Júnior war den Brasilianern auch in der Gruppenphase anzumerken.
Japan hatte sich dagegen in den vergangenen Jahren den Ruf erarbeitet, als unbequemer und taktisch disziplinierter Gegner besser zu sein als in der allgemeinen Wahrnehmung. Der frühere Bundestrainer Hansi Flick kann davon nach dem 1:2 bei der WM 2022 in Katar, das letztlich das schmachvolle deutsche Ausscheiden einleitete, ein Liedchen singen.
Gegen Brasilien ordnete der japanische Trainer Hajime Moriyasu, der sich an der Seitenlinie wie gewohnt Notizen machte, zunächst Zurückhaltung an. Brasilien war in der Anfangsphase die deutlich aktivere Mannschaft und hatte durch den früheren Bundesliga-Profi Matheus Cunha und Bruno Guimarães erste halbwegs aussichtsreiche Torgelegenheiten (beide 14.). Wie der Favorit spielte Brasilien aber nicht.
Ein folgenschwerer Fehlpass
Entsprechend unzufrieden wirkte Ancelotti an der Seitenlinie - und es sollte noch schlimmer kommen. In einer Phase, als auf dem Rasen praktisch gar nichts passierte, leistete sich Danilo einen folgenschweren Fehlpass im Mittelfeld. Sano fing den Ball ab, dribbelte mit Tempo Richtung Strafraum und traf überlegt von der Strafraumgrenze ins untere Toreck. Plötzlich waren im Stadion nur noch die japanischen Fans zu hören.
Es folgten mehrere Minuten mit allerdings zu halbherzigen Versuchen der Brasilianer, wieder ins Spiel zurückzufinden. Entweder blockte bei den Abschlüssen im Strafraum ein japanischer Spieler den Ball oder die Abschlüsse aus der Distanz waren so schwach, dass Torwart Zion Suzuki problemlos zupacken konnte. Und Japan lauerte jetzt umso mehr auf Konter, kurz vor dem Halbzeitpfiff übernahmen die Samurai Blue sogar zwischenzeitlich die Spielkontrolle.
Brasilien erarbeitet sich den Ausgleich
Japan zu unterschätzen, wäre «völlig falsch», hatte Brasiliens Kapitän Marquinhos vor der Partie noch gewarnt. Jetzt blieben der Seleção nur 45 Minuten, um das Aus zu verhindern - und sie versuchte es vehement. Bruno Guimarães scheiterte per Kopf an Keeper Suzuki (52.), nur wenige Sekunden später rettete der Torwart erneut in höchster Not (53.). Casemiro belohnte die Angriffsbemühungen dann mit seinem Treffer per Kopf. Vinícius Júnior traf wenig später nur den Pfosten (58.).
An den neuen Kräfteverhältnissen nach der Pause änderte sich auch im Anschluss wenig. Brasilien strahlte vor 68.777 Zuschauerinnen und Zuschauern mehr Torgefahr aus, Japan gelang nur noch selten Entlastung. Als sich alle in der Arena auf eine Verlängerung einstellten, traf Martinelli praktisch in letzter Minute.