«Kanadische Helden»: Davies und Co. schreiben Geschichte
Ein Tor in der Nachspielzeit entscheidet das erste Sechzehntelfinale der WM-Geschichte. Kanadas Reise geht weiter. Ein Bayern-Star gibt nach einer Verletzungspause sein Comeback.
Inglewood (dpa) - Jesse Marsch wollte den größten Erfolg der kanadischen Fußball-Geschichte sofort mit dem ganzen Team genießen. «Die harte Arbeit, die meine Jungs geleistet haben, ihr Charakter, ihre Stärke, das macht sie zu kanadischen Helden. Ich bin so glücklich», sagte der ehemalige Cheftrainer von RB Leipzig nach dem 1:0 im Sechzehntelfinale gegen Südafrika.
Sofort nach Schlusspfiff hatte er alle zu einem Kreis auf dem Spielfeld versammelt. Comeback-Profi Alphonso Davies lauschte den Worten seines Coaches ebenso glücklich wie Torschütze Stephen Eustaquio, dem in der Nachspielzeit der lange zähen Partie das umjubelte Siegtor gelungen war.
Erstmals hatte Co-Gastgeber Kanada bei einer WM die Gruppenphase überstanden und erstmals hat das Land nun auch ein K.o.-Spiel bei einer WM gewonnen. «Für die Kanadier, wo der Fußball ein bisschen am Kommen ist, bedeutet das wirklich sehr viel. Darauf können sie stolz sein», sagte ARD-Experte Bastian Schweinsteiger.
Kanada als Co-Gastgeber spielt nur noch in den USA
Kleiner Wermutstropfen: Als Zweiter der Gruppe spielt Kanada trotz seiner Rolle als Co-Gastgeber nicht mehr vor den eigenen Zuschauern in Vancouver, sondern nur noch in den USA - so wie im Achtelfinale am 4. Juli in Houston, wenn es entweder gegen die Niederlande oder Marokko geht.
«Es ist schade, dass wir das nicht in Vancouver vor unseren Fans hatten», sagte Marsch, der sich auf ein Duell mit einem der beiden «Giganten» freut. Es sei das Ziel gewesen, weit genug für ein solches Spiel gegen ein Schwergewicht zu kommen. Kanada habe nichts zu verlieren. «Wir werden alles in unserer Macht Stehende tun, um das zu gewinnen.»
Los Angeles als besonderer Ort
Nach der Ansprache im Mittelkreis («Ihr seid kanadische Helden») küsste der US-Amerikaner Marsch immer wieder das kanadische Wappen auf seinem Pullover, die Spieler liefen im hochmodernen Los-Angeles-Stadion mit einer riesigen Kanada-Flagge eine Ehrenrunde. Kanada wurde in der WM-Historie zum ersten Team, das als Gastgeber zu einer Partie antrat, die nicht im eigenen Land stattfand.
«Ich bin Amerikaner und stolz darauf, aber die Ideale und Charaktereigenschaften der Kanadier passen wirklich gut zu mir», sagte Marsch, der das Team um Bayerns Außenverteidiger Davies im Mai 2024 übernommen hatte.
Rang drei in der Nations League der CONCACAF war bislang der größte Erfolg - und zugleich der Beginn der langen Leidenszeit von Davies, der sich beim 2:1 im Spiel um Rang drei gegen die USA das Kreuzband riss. Und das im gleichen Stadion, in dem er nun - mehr als 15 Monate später - sein Comeback als Nationalspieler Kanadas gab.
Davies erstes Spiel für Kanada seit dem Kreuzbandriss
Der Bayern-Profi hatte auch nach dem Kreuzbandriss weiter Verletzungspech. Eine Oberschenkelverletzung aus dem Champions-League-Halbfinale der Münchner gegen Paris Saint-Germain kostete ihn alle drei Gruppenspiele der WM. Gegen Südafrika brachte ihn Marsch dann in der 75. Minute, Davies brachte direkt Schwung auf links. Er avancierte laut FIFA zum 1000. Spieler, der bei dieser WM aufgelaufen ist.
«Auf dem Feld zu stehen und mit den Jungs zu feiern, hat mir viel bedeutet», sagte der Linksverteidiger, der für Kanada oft auch eine Reihe davor als Linksaußen zum Einsatz kommt. «Den Ball im Netz zu sehen, und dann mit dem Team zu feiern ist wirklich etwas Besonderes.»