Wirklich «alternativlos»? Klopps Kaderpolitik als Streitfall
Der Start ging schief. Jetzt wird nach Gründen gesucht. Im Fokus bleibt Jürgen Klopps Personalpolitik mit 43 Spielern in zwei Kadern. Ist das der richtige Weg aus der deutschen Fußball-Krise?
Herzogenaurach (dpa) - Händchen halten, Wir-Gefühl, Lachen bei der Arbeit: Jürgen Klopp zieht seinen Plan auch nach dem Griechenland-Schock unbeirrt durch. Die positiven «Vibes» sollen im DFB-Camp in Herzogenaurach für ganz viel Energie sorgen. Also: Fokus auf den zweiten Kader, Fokus auf das Wiesn-Spiel gegen Serbien am Donnerstag (20.45 Uhr/ZDF) in München. Und bloß keinen Rückfall in die Tristesse und Selbstzweifel des WM-Sommers.
Mit dem Schichtwechsel und vielen weiteren neuen Gesichtern wie Vitaly Janelt, Mika Baur oder Finn Jeltsch geht die Debatte über Klopps XXL-Personalpolitik mit zwei Kadern und insgesamt 43 Kandidaten bei der Fußball-Nationalmannschaft auch in der zweiten Nations-League-Woche weiter. Jetzt ist der Ergebnisdruck nach dem Fehlstart mit nur einem Punkt aus zwei Spielen nur noch größer.
Der Bundestrainer bekommt für seinen Kurs prominente Unterstützung. Aber es gibt nach dem 0:1-Flop im zweiten Nations-League-Spiel gegen die Griechen auch Kritik. Dabei geht es auch um Kapitän Joshua Kimmich.
Pro: Der große Kader ist eine gute Idee
Wer sieht, mit welcher Freude und welchem Engagement der nächste Schwung an potenziellen Länderspiel-Debütanten beim Kettenlaufen Hand in Hand über den Rasen im Homeground fegt, kann Klopp nur zustimmen. Die vielen neuen Gesichter sind die Basis des Neustarts. Sie bringen neue Impulse, neue Power.
Dass der Zauber des Anfangs durch die Niederlage gegen Griechenland schnell verflogen ist, liegt nicht an Neulingen wie Younes Ebnoutalib oder Bambasé Conté. Im Gegenteil. In Philipp Treu hat einer der Klopp-Kandidaten beim 1:1 in den Niederlanden gezeigt, dass es überfällig war, auch mal einen dazuzuholen, den nicht jeder Fan schon kannte. Die Problemzone hinten rechts ist erstmal behoben - auch durch Klopps Mut zu Experimenten. Klopp nennt seine Personalstrategie mit Neulingen im XXL-Pack jetzt genau so: «Alternativlos».
Masse statt Kane
Deutschland hat keinen Lamine Yamal, keinen Harry Kane und keinen Kylian Mbappé. Aber Deutschland hat - so sieht es Klopp - ein riesiges Reservoir an Profis, die besser performen können, als es das bisherige Personal vermochte. Von 57 Spielern sprach Klopp bei seiner Vorstellung. Jetzt erhöhte er die Zahl auf über 70, wählte fast die Hälfte davon für seine ersten Spiele aus. «Überragende Typen», seien das. «Ganz viel Talent» sei ihm «ins Auge gesprungen».
«Ich bin mit dem, was Klopp gemacht hat, mit den zwei Kadern, die er nominiert hat, einverstanden», sagte Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus, der sonst mit Kritik schnell am Ball ist. Wie soll Klopp sonst herausfinden, wer dem Druck des Adlertrikots gewachsen ist, wenn er es nicht auch mal trägt? «Natürlich will man seinen Fußabdruck hinterlassen», sagte Mika Baur von Celtic Glasgow, einer von neun Akteuren ohne A-Länderspiel im aktuellen Aufgebot.
Mit dem neuen, extralangen Länderspiel-Fenster mit vier Spielen in zwei Wochen ist Zeit, mal durchzutauschen. Auch wenn er jammert, Kapitän Kimmich kann eine Pause in der Terminhatz wie andere auch gut gebrauchen.
Und keine Sorge. Im November, wenn die Gruppenphase der Nations League endet, wird der Kader wieder auf Normalgröße von circa 23 Spieler reduziert. Bestmöglich mit vielen Spätsommer-Neulingen, die einen guten Eindruck hinterließen und das Fundament für eine erfolgreiche EM 2028 bilden.
Contra: Der große Kader ist eine schlechte Idee
Der Gesichtsausdruck von Kimmich sagte alles. Nach der Niederlage gegen Griechenland nach Hause zu fahren, tatenlos den weiteren Neuaufbau der Nationalmannschaft, seiner Nationalmannschaft, mit ansehen zu müssen, das wurmt den DFB-Kapitän. Aber was sollte er machen? Der Klopp-Plan steht. Und der Bundestrainer zieht ihn durch.
Die ersten vier Nations-League-Spiele werden mit dem XXL-Kader und dem Schichtwechsel zum Experimentierfeld. Und das in einer maximalen Krisenzeit, in der Stabilität und Kontinuität gefragt sind, um verlorenes Selbstvertrauen zurückzuholen. Nur mit Erfolgserlebnissen sind die Fans wiederzugewinnen. Nicht umsonst wurde gerade Klopp, der für Erfolg steht, geholt.
Wer keine Klasse hat, der muss auf Masse setzen. Das scheint nun der Ansatz von Klopp zu sein. Was Klopp dabei offenbar übersieht: Länderspiele sind eine größere Bühne als der Club-Fußball. Für den Sprung zum Nationalspieler braucht es mehr als Talent und Potenzial. Mit dem riesigen Kader verwässert der Bundestrainer nur das Anforderungsprofil.
Der Rückstand zur Weltspitze wird so nicht aufgeholt. Und vier Länderspiele werden hergeschenkt - womöglich mit der Konsequenz des Scheiterns in der A-Gruppe der Nations League. Es droht der Abstieg in Europas zweite Klasse. Das ist kein Kickstart Richtung EM 2028.
Erinnerungen an Sebescen
Klopp schadet mit dem Hauruckverfahren womöglich den Spielern selbst. Zoltan Sebescen war im Jahr 2000 ein prominenter Fall, der überfordert war im Nationaltrikot. Frankfurts Nnamdi Collins wurde 2025 von Klopps Vorgänger Julian Nagelsmann nach einem schlechten Einsatz direkt wieder abserviert. Harter Profifußball, könnte man argumentieren.
Aber wie wird Klopp im November einen dann krassen Kaderschnitt erklären? Verwirrung und Unsicherheit kann man sich gerade in Krisenzeiten nicht leisten. Da braucht es klare Linien, verständliche Entscheidungen, Sicherheit.
Der Klopp-Fehler hat mit dem Schichtwechsel mitten im Spielbetrieb noch eine zweite Ebene. Der Bundestrainer zerschlägt Strukturen, die für den Neuaufbau schon da sind. Und er weicht Hierarchien auf. Marc-André ter Stegen reist als Nummer eins auf Zeit gleich wieder ab. Abwehrchef Jonathan Tah bekommt nicht die maximale Einspielzeit mit möglichen Defensivpartnern.
Was wird aus «Wusiala»?
Jamal Musiala und Florian Wirtz wurden schon vor der Muskelverletzung des Münchners in zwei verschiedenen Kader getrennt. Oder passt das «Wusiala»-Duo nicht ins Klopp'sche 4-3-3-System? Ist die Pause für Kimmich ein Indiz, dass der Bundestrainer ausprobieren möchte, wie es ohne den Anführer geht? Der Bundestrainer hat bislang mehr Fragen als Antworten geliefert.