Die Rückkehr großer Gefühle – warum gerade jetzt?
Während Romantik im Kino lange belächelt wurde, kehrt sie nun mit Wucht zurück – düster, leidenschaftlich, voller Sehnsucht. Nicht nur Happy Ends zählen, sondern der Drang, wieder intensiv zu fühlen.
Paris (dpa) - Sie stehen einander gegenüber, erstarrt zwischen Wut und Verlangen. Schmachtende Worte, Blicke, die verletzen. In «Wuthering Heights – Sturmhöhe» gerät Liebe an ihre emotionalen, körperlichen und sozialen Grenzen. Mit dem Film hat Emerald Fennell («Saltburn») ein romantisches Kino-Highlight des Jahres geschaffen: Liebe zwischen Leidenschaft und Selbstzerstörung.
Die Geschichte von Catherine und Heathcliff ist alt und oft gelesen – und doch wieder hochaktuell. Der Film ist eine Neuadaptation des Klassikers von Emily Brontë. Der Kinostart vor wenigen Wochen und der internationale Publikumserfolg zeigen, wie groß die Sehnsucht nach intensiven, innerlich zerrissenen Liebesgeschichten ist.
Romantik in allen Spielarten
Von den Klassikern der Literaturverfilmung bis zu Streaming-Hits zeigt sich der aktuelle Romance-Boom auf allen Ebenen der Leinwand.
Während «Wuthering Heights – Sturmhöhe» von obsessiver, fast schon brutaler Leidenschaft handelt, rückt «All of You» nicht erfüllte Sehnsucht ins Zentrum – leiser, zurückhaltender, aber nicht minder schmerzhaft. «Maya & Samar» erzählt von einer leidenschaftlich‑turbulenten Beziehung zwischen zwei Frauen, deren Begegnung nicht nur romantische Anziehung, sondern auch kulturelle Spannungen und persönliche Erwartungen freilegt.
Der Film feierte seine Weltpremiere in Thessaloniki; ein deutscher Kinostart ist noch offen.
Vom Kino zur Couch
Auch auf Streaming-Plattformen entfalten aktuelle Produktionen ihre ganz unterschiedlichen Facetten der modernen Romantik: «Sweethearts» erzählt leichte, humorvolle Friends-to-Lovers-Romantik für ein junges Publikum, «Heartstopper» zeigt die zarte, gefühlvolle Annäherung zweier Teenager und «Heated Rivalry» bringt intensive, queere Liebe zwischen Eishockey-Rivalen auf die Leinwand – gemeinsam spiegeln sie die Vielfalt des aktuellen Romantik-Trends wider, von leichtfüßig bis leidenschaftlich-dramatisch.
Von Hollywood bis Postmoderne
Historisch ist das nichts Neues. Die Romantik ist nie ganz verschwunden. Im 19. Jahrhundert war sie Gegenbewegung zur Rationalisierung der Welt. Im klassischen Hollywood wurde sie zum großen Melodram. Später, in der postmodernen Popkultur, erschien sie oft mit ironischem Unterton und beschränkte sich auf wenige Ausdrucksformen – bis sie fast bedeutungslos wirkte.
Die letzten zehn bis fünfzehn Jahre erzählten Liebesgeschichten vor allem als Nebenhandlung. Serien zerlegten Beziehungen analytisch, Dating wurde zum Managementproblem. Gefühle waren da, aber selten absolut. Dass sich das nun ändert, ist kein nostalgischer Zufall.
Warum gerade jetzt?
Die Rückkehr der Romantik fällt in eine Zeit emotionaler Erschöpfung: Unsichere Weltlage, Krisen und tägliche Belastungen lassen die Sehnsucht nach intensiven Gefühlen wachsen. «Ich würde es so einordnen, dass sich Menschen angesichts der weltpolitischen Lage auf Sachen stürzen, die ihnen Hoffnung geben. Und genau das ist das Versprechen von Romance – dass die Geschichte gut ausgeht», erklärte Jeanette Bauroth, Chefin des Verlages Second Chances in Thüringen.
Diese Erfahrung macht sie derzeit besonders bei «Heated Rivalry», dem Roman der kanadischen Autorin Rachel Reid über zwei fiktive Eishockeystars. Seit der Streaming-Adaptation sei die Nachfrage nach dem Buch quasi über Nacht explodiert, sagte sie der dpa.
Die Kraft von BookTok
Eine treibende Kraft ist die Social-Media-Kultur – insbesondere Tiktok. Auf BookTok tauschen sich Millionen über romantische Bücher aus. Dabei geht es nicht um klassisches Happy End, sondern um intensive, konfliktreiche Liebe: Slow-Burn-Beziehungen, toxische Anziehung oder klassische Enemies-to-Lovers-Konstellationen.
Zu den viral laufenden Titeln zählen «It Ends with Us» von Colleen Hoover, «Twisted Love» von Ana Huang oder «The Love Hypothesis» von Ali Hazelwood – Geschichten, die Sehnsucht, Drama und intensive emotionale Beziehungsmuster miteinander verbinden.
Sehnsucht gegen emotionalen Burn-out
In einem Artikel des etablierten Online-Magazins Vice, das sich auf Popkultur, Lifestyle sowie Jugend- und Subkulturthemen spezialisiert, beschreibt Emily Conway, Geschäftsführerin des auf Erwachsenenspielzeug spezialisierten Unternehmens Dragon Toys und Expertin für Intimität und sexuelle Wellness, wie romantische Sehnsucht als Gegenentwurf zu den ermüdenden Routinen moderner Dating-Kultur wirkt.
«Dating-Apps fühlen sich ermüdend an, emotionaler Burn-out ist alltäglich, und sofortiger Zugang hat Verlangen in Funktionalität verwandelt. Gegen all das fühlt sich Sehnsucht berauschend an», sagte Conway dem Magazin.
Sie betonte weiter: «Wenn Menschen sich überwältigt oder überreizt fühlen, gibt Sehnsucht dem Verlangen Raum zum Atmen. Sie schafft Platz für Neugier, Fantasie und emotionale Verbindung – ganz ohne Druck.»