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Roadmovie «Die Camino-Therapie»: Letzte Chance Wandern

Zwei Menschen, deren Leben aus den Fugen geraten ist, sollen 2.000 Kilometer auf dem Jakobsweg bewältigen. Eine Reise, die sie in «Die Camino-Therapie - Finde deinen Weg» an ihre Grenzen bringt.

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Kinostart -"Die Camino-Therapie - Finde deinen Weg" Marie-Camille Orlando/PlaionPictures/dpa

Paris (dpa) - Adam ist jung, voller Wut und Misstrauen. Fred, eine Lehrerin, ist erschöpft von den eigenen Niederlagen. Zwischen ihnen liegen nicht nur ein paar Meter Weg, sondern Welten. Dennoch brechen sie gemeinsam auf: 2.000 Kilometer nach Santiago de Compostela. Der eine, um dem Gefängnis zu entgehen. Die andere, um ihrem eigenen Scheitern zu entfliehen. 

In «Die Camino-Therapie - Finde deinen Weg» schickt der französische Regisseur Yann Samuell («Der Krieg der Knöpfe») seine beiden Hauptfiguren auf den berühmten Jakobsweg. Daraus entwickelt er ein sensibles Drama über zweite Chancen, Schuld und Vergebung, Verlust und Hoffnung – und die Idee, dass kein Mensch allein durch seine Fehler definiert werden darf.

Zwei Lebenskrisen auf dem Pilgerweg

Adam (Julien Le Berre), ein jugendlicher Straftäter, steht kurz davor, im Gefängnis zu landen. Als letzte Alternative erhält er die Möglichkeit, an einem pädagogischen Projekt teilzunehmen, das gefährdeten Jugendlichen durch lange Märsche einen Neuanfang ermöglichen soll. 

Begleitet wird er von Frédérique (Alexandra Lamy), genannt Fred, eine ehrenamtliche Helferin und Lehrerin, deren eigenes Leben aus den Fugen geraten ist. Nach einer Ohrfeige gegenüber einer Schülerin wurde sie suspendiert, ihre Ehe ist gescheitert, die Beziehung zu ihrer Tochter angespannt.

Gehen oder untergehen

Samuell schickt seine Schauspieler auf die Via Podiensis, die in Le Puy-en-Velay beginnt und zu den meist begangenen Routen des Jakobswegs gehört, sowie auf die Via Francés in Spanien. Die eindrucksvolle Eröffnung in der Kathedrale Notre-Dame, in der sich eine Bodenklappe für die Pilger öffnet, markiert den Beginn ihres Weges.

Filme über den Jakobsweg laufen Gefahr, in spirituelle Klischees oder Postkartenmotive abzurutschen. «Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg» vermeidet dies weitgehend. Zwar zeigt Samuell die spektakulären Landschaften Frankreichs und Spaniens, doch sie bleiben mehr als Kulisse: Sie spiegeln die inneren Zustände der Figuren. Im Mittelpunkt steht nicht religiöse Erleuchtung, sondern der oft schmerzhafte Prozess der Selbstfindung.

Mit jedem Schritt verlieren Adam und Fred nicht nur räumliche Distanz, sondern auch ihre Schutzmauer. Die körperliche Belastung zwingt sie zur Auseinandersetzung mit sich selbst, wodurch ihre Beziehung zwischen Konflikt und Annäherung pendelt.

Inspiriert von einer realen Initiative

Der Film basiert auf der Arbeit des Vereins Seuil, der Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren, die von der Jugendhilfe oder Jugendgerichtsbarkeit betreut werden, durch sogenannte «Ausbruchswanderungen» eine Alternative zum Gefängnis bietet.

Der Gründer der Organisation, Bernard Ollivier, schilderte seine Erfahrungen 2015 in dem Buch «Marche et invente ta vie» (Geh und erfinde dein Leben neu). Samuell nutzte dieses Werk sowie zahlreiche Berichte junger Menschen als Grundlage für sein Drehbuch. 

Ein starkes Duo

Das Herzstück des Films ist die Beziehung zwischen Fred und Adam. Lamy spielt ihre Figur mit einer Mischung aus Entschlossenheit, Verletzlichkeit und leiser Verzweiflung. Ihre Fred ist keine Heldin, sondern eine Frau, die selbst Orientierung sucht und versucht, durch die Hilfe für andere ihren eigenen Weg wiederzufinden.

Die eigentliche Entdeckung des Films ist Le Berre. Der junge Schauspieler verleiht Adam eine bemerkenswerte Präsenz. Sein Charakter ist kein sympathischer Rebell, sondern zunächst ein wütender, aggressiver und verletzter Jugendlicher, der jede Form von Autorität ablehnt. 

Vom rauen Landwirt bis zu rappenden Klosterbrüdern

Samuell erfindet das spirituelle Roadmovie nicht neu. Die Handlung folgt vertrauten Mustern, viele Entwicklungen sind vorhersehbar, doch einzelne Begegnungen setzen irritierende Akzente – etwa der raue Landwirt, die junge Frau mit Beinprothese und die rappenden Klosterbrüder. Sie durchbrechen das Schema des Erwartbaren und verleihen dem Film eine gewisse Leichtigkeit.

«Die Camino-Therapie – Finde deinen Weg» reiht sich in Samuells bisherige Filme ein, die sich wiederkehrend mit Identitätssuche und Reifungsprozessen beschäftigen. Auch visuell bleibt der Regisseur seinem Stil treu, der die innere Reise der Figuren in eindrucksvolle, oft harmonisierte Bilder übersetzt.

© dpa-infocom, dpa:260701-930-314061/1