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«Sinners»-Effekte: Deutsche auf Oscar-Kurs

Aus dem Schwarzwald nach Hollywood, aus Dessau nach Australien: zwei deutsche Spezialisten für visuelle Effekte sind für den Oscar-Favoriten «Blood & Sinners» nominiert. Können sie «Avatar» schlagen?

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Oscar-Anwärter Michael Ralla Barbara Munker/dpa

Los Angeles (dpa) - Ein lauter Aufschrei morgens um 5.42 Uhr - diesen «wahnsinnigen» Moment, als er am 22. Januar von seiner Oscar-Nominierung erfuhr, hat Michael Ralla in einem Video auf Instagram verewigt. Mit Ehefrau Janelle und Hund FlipFlop springt er frühmorgens im kalifornischen Manhattan Beach auf dem Sofa hoch. 

Nicht nur für den aus Achern im Schwarzwald stammenden Visual Effects Supervisor ist die Verkündung der Oscar-Nominierungen ein sensationeller Moment. Der Film «Sinners» (deutscher Titel: «Blood & Sinners»), für den der 46-jährige Ingenieur die visuellen Effekte schuf, hat mit 16 Gewinnchancen einen Oscar-Rekord aufgestellt. 

Favorit bei den Oscars

Das musikalische Vampir-Südstaatendrama von US-Regisseur Ryan Coogler, mit dem Ralla schon bei «Black Panther: Wakanda Forever» zusammenarbeitete, ist der große Favorit bei den 98. Academy Awards. 

Kurz vor der Oscar-Verleihung wirkt der Wahlkalifornier Ralla ganz entspannt. Zwischen Interviews und Film-Events nimmt sich der zweifache Vater und begeisterte Surfer noch Zeit zum Wellenreiten - und sinniert über die Chancen, am Sonntag (MEZ Montag) den Visual-Effects-Oscar zu gewinnen. «Es ist ganz klar, wer der Platzhirsch ist», meint Ralla, aber es könnte auch eine «David-und-Goliath-Situation» sein. 

In der Branche wird der Science-Fiction-Streifen «Avatar: Fire and Ash» als Gewinner hoch gehandelt, doch der bei Kritikern und Zuschauern beliebte Blockbuster «Sinners» ist in dieser Preissaison für Überraschungen gut. 

Visuelle Effekte statt Musik

Ralla, der einst davon träumte, Schlagzeuger in einer Metal-Band zu werden, lernte sein Handwerk an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Nach Jobs in der deutschen Filmbranche und mehreren Jahren in Australien landete er 2010 in den USA und wirkte an Blockbustern wie «The Avengers», «Transformers» und «Pacific Rim» mit. 

Von Coogler spricht Ralla in höchsten Tönen. «Ryan hat diese unglaubliche emotionale Intelligenz, die ich selten irgendwo gesehen habe.» Der Regisseur würde aus den Schauspielern und den Charakteren Unglaubliches herausholen - «das geht dir wirklich unter die Haut». 

Der Film «Sinners» gab ihm anfangs allerdings Rätsel auf, räumt Ralla ein. «Hey, Bro, ich habe ein Skript geschrieben für einen Film mit viel Blues-Musik und Vampiren, in dem Michael B. Jordan Zwillinge spielen soll» - so habe ihm Coogler den Film beschrieben. 

Vampire und Blues

Es ist kein klassischer Horror-Film: Charaktere stehen im Fokus sowie zentrale Motive wie Rassismus, Freiheit, Identität und Musik. Die Zwillingsbrüder Smoke und Stack (beide gespielt von Jordan) kehren 1932 zurück in ihre Heimat Mississippi, nachdem sie im Ersten Weltkrieg kämpften und in Chicago ein Gangsterleben führten.

In ihrem Heimatort möchten sie eine Blues-Bar eröffnen. Sklaverei, Lynchmorde und der Ku-Klux-Klan sind im Süden der USA allgegenwärtig. Die Musikspelunke soll ein sicherer Ort für die afroamerikanische Gemeinschaft sein, der Blues dient als mächtiges Bindeglied.

Er habe bei den Dreharbeiten viel über die Jim-Crow-Jahre mit Segregation und der Unterdrückung von Schwarzen gelernt, erzählt Ralla. Er und sein großes Special-Effects-Team wiederum mussten viele technische Hürden meistern. Coogler habe auf «deutsche Ingenieurskunst» gesetzt, sagt er augenzwinkernd. 

Aus Dessau nach Australien

Neben Ralla gehört auch der aus Dessau stammende Guido Wolter (44) zum Team. Der Absolvent der Bauhaus-Universität Weimar arbeitete in London und Sydney in der Visual-Effects-Branche und ist nun gemeinsam mit seiner deutschen Ehefrau und zwei Kindern im australischen Adelaide zu Hause. Ralla und Wolter lernten sich vor längerer Zeit in Australien kennen. Mit einem großen Team arbeiteten sie für «Sinners» monatelang zusammen, um mehr als 1.000 VFX-Shots für den im Imax-Format gedrehten Film zu kreieren. 

Für rund die Hälfte der Laufzeit des Films hätten sie visuelle Effekte geschaffen, erzählt Wolter. Eine der großen Herausforderungen war das «Twinning» von Jordan in seiner Doppelrolle als Smoke und Stack. In vielen Szenen sind die Zwillingsfiguren zusammen im Bild, kämpfen miteinander oder reichen sich Zigaretten hin und her. Das Team entwickelte ein kreisförmiges Halo-Rig, mit einem Dutzend Kameras bestückt, das Jordan wie einen «Heiligenschein» bei Dreharbeiten trug. Damit kam mehr Material aus verschiedenen Winkeln für die digitale Nachbearbeitung zusammen. 

Zu der großen Bandbreite an Effekten gehören auch Aufnahmen von endlos wirkenden Baumwollfeldern, digital erzeugten Schlangen und gruseligen Vampirszenen. 

«Das ist der Mount Everest»

Mit oder ohne Oscar - schon mit der Nominierung fühlen sie sich als Gewinner. «Weiter geht es nicht mehr. Das ist der Mount Everest», meint Ralla - «und halt aus Achern im Schwarzwald hierherzukommen, das ist unglaublich». Auch Coogler habe ihm gesagt, dass ein Oscar natürlich toll sei, aber der eigentliche Award für den Regisseur sei die Chance, Filme mit Leuten zu machen, die man schätze.

Für Ralla und Coogler steht nach der Oscar-Gala schon das nächste gemeinsame Projekt an - eine Neuauflage der Kultserie «Akte X». Der Streamingdienst Hulu hat eine Pilotfolge für die Science-Fiction-Serie bestellt. Coogler fungiert auch als Produzent und Autor. 

Zum Inhalt heißt es, dass zwei hochdekorierte aber grundverschiedene FBI-Agenten gemeinsam Fälle mit mysteriösen Phänomenen aufklären sollen. Auch Wolter hat bereits den nächsten Auftrag - «ein großer Marvel-Film» - nur den Titel darf er noch nicht verraten. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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© dpa-infocom, dpa:260312-930-804812/1