Blog Geheimakte "Olympia-Attentat" „Sie! Sie! Sie bringen Terror auf deutschen Boden!“ 

Foto: Foto: Ankie Spitzer / privat Ankie Spitzer unmittelbar nach dem Anschlag im Quartier der israelischen Sportler im Olympischen Dorf.

Hier Podcast-Sonderfolge anhören

Investigativ-Journalist Christoph Lemmer von ANTENNE BAYERN

Seit 50 Jahren kämpfen die Familien der ermordeten Sportler und Anerkennung und Entschädigung. Deutschland hat sich jahrzehntelang verweigert – und sogar mit Drohungen und Anschuldigungen geantwortet. Erst jetzt könnte sich das ändern – freilich nur unter Druck.

Mein Name ist Christoph Lemmer und ich bin Investigativ-Journalist. In der Vergangenheit habe über den NSU-Prozess für die Nachrichtenagentur dpa berichtet und für ANTENNE BAYERN mehrere große Podcasts produziert, darunter einen über den Anschlag auf das Olympia-Einkaufszentrum und einen preisgekrönten über den Fall Peggy und ein falsches Mordurteil. 50 Jahre nach dem Olympia-Attentat in München öffnen wir in den nächsten Wochen gemeinsam die „Geheimakte: 1972“.

Eigentlich ist es kaum zu fassen: Da ermorden palästinensische Terroristen ihren Mann, den israelischen Fechter André Spitzer. Geschehen bei den Olympischen. Spielen in München 1972. Das war auch deshalb möglich, weil die deutsche Polizei keinen Plan hatte. Als seine Frau Ankie – nach eigenen Worten „26 Jahre jung und wütend“ – den Einsatzleiter trifft, da räumt der nicht etwa sein Versagen ein, sondern kontert mit einem Vorwurf.

So berichtet es Ankie Spitzer in der Sonderfolge unseres Podcast „Geheimakte 1972“. Der Polizeiführer, um den es geht, hieß Georg Wolf. Er war damals Vizepräsident der Münchner Polizei und leitete den Einsatz auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck, bei dem sämtliche israelischen Geiseln und fünf der acht palästinensischen Terroristen getötet wurden.

Zuerst habe sie deutsche Behörden angeschrieben und wissen wollen, was da genau passiert war, was im Obduktionsbericht steht, warum Deutschland eine bereitstehende israelische Eliteeinheit nicht einreisen ließ und weitere Fragen. Niemand habe geantwortet. Also habe sie sich ins Flugzeug gesetzt und sei persönlich nach München gekommen. Im Polizeipräsidium habe zuerst niemand mit ihr reden wollen. Sie habe gedroht, Journalisten anzurufen. Erst dann durfte sie rein. Sie konfrontiert dann Wolf mit dem ganzen Ablauf in Fürstenfeldbruck. Das Gespräch eskalierte.

„Er fuchtelte mit seinen Händen und sagte: Wissen Sie was? Sie, Sie… und dann zeigte er auf mich… SIE haben den Terror nach Deutschland gebracht. Ich sagte: Was? Ich? Er sagte: Nein, nein, nein, nicht Sie, aber die Israelis! Die bringen Terror auf deutschen Boden.“ Genau so erzählt es Ankie Spitzer im Podcast. Sie habe geantwortet, ihr Mann und seine Kameraden seien als Sportler gekommen und nicht als Krieger. Es seien doch wohl die Palästinenser gewesen, die den Terror gebracht hätten.

„Da sagte er: Das waren Freiheitskämpfer. Ich sagte: Wie bitte? Ja, das waren Freiheitskämpfer.“ Was Ankie Spitzer da berichtet, das war nur ein Detail dessen, was sie und die anderen Angehörigen der Familien der ermordeten Sportler seit 50 Jahren erleben. Seit dem Anschlag streiten sie mit Deutschland um Anerkennung und Entschädigung, bis heute vergeblich.

Schande

„Schande“, sagt dazu Bayerns Antisemitismus-Beauftragter Ludwig Spaenle. „Das war ein Totalversagen des Staates“, so Spaenlein der Sonderfolge unseres Podcasts. „Das hat man anschließend sofort geschwiegen. Und im kollektiven Beschweigen hatten wir in Deutschland ja Übung.“

Jetzt, nach 50 Jahren, verhandeln Deutschland und die Familien immer noch. Die Bundesregierung plant für den kommenden 5. September eine große Gedenkzeremonie im Olympischen Dorf in München. Innenministerin Nancy Faeser ließ schon zu Jahresbeginn intern wissen, dass sie da gern eine Rede halten möchte. Stattdessen droht eine Blamage.

Die Angehörigen haben der Bundesregierung mitgeteilt, dass sie bei der Veranstaltung nicht erscheinen werden, wenn bis dahin keine Einigung erzielt ist.

Vor wenigen Tagen lenkte Berlin in einem Punkt auch ein: Die Regierung erkannte an, dass die Behörden durch ihr Verhalten eine Mitschuld am Tod der israelischen Sportler tragen. Deutschland werde eine Historikerkommission einsetzen, die den Münchner Anschlag einordne. Erstmals würde alle Akten dafür freigegeben und zentral erfasst. Mitglieder der Kommission sollen deutsche und israelische Historiker sein. Die Familien der getöteten dürfen bei der Besetzung mitreden.

Keine Einigung gibt es dagegen bei der Entschädigung – was den Antisemitismus-Beauftragten Spaenle in Rage versetzt. „Es ist eine Schande, dass die Familien 50 Jahre nach dem Attentat wie Bittsteller um eine angemessene Entschädigung ringen müssen.“ Der Staat steht in der Pflicht, „eine adäquate Lösung zu finden“, so Spaenlein der Sonderfolge unseres Podcasts.

Vertreten werden die Familien von dem niederländischen Völkerrechts-Professor Alexander Knoop. Knoop wirft der Bundesregierung vor, den Münchner Anschlag nur als nationales Ereignis zu sehen und die internationale Dimension mit allen Rechtsfolgen zu übersehen.

Im Podcast begründet er detailliert, warum dieser Anschlag eine internationale Dimension hat, nennt Präzedenzfälle und widerspricht dem Außenministerium von Annalena Baerbock (Grüne): Dort heißt es gegenüber ANTENNE BAYERN, es existiere keine solche Unterscheidung. Das Außenministerium ist bei der Frage der Entschädigung federführend.

Spaenle meint, für ihn sei es unverständlich, dass auch eine neue Politiker-Generation „mit dem Problem nicht fertig geworden ist“ und immer noch glaubt, man könne es bescheiden. Jedoch: „Es geht darum, dass sich die Bundesrepublik Deutschland wieder selbst ins Gesicht sehen kann.”

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