Berliner Olympia-Aus: «Blamage wollen wir uns ersparen»
«Ein trauriger Tag für Berlin»: Die Hauptstadt zieht ihre Olympia-Bewerbung zurück. Grund für das Scheitern sei vor allem die Situation nach der Wahl. Doch es gibt weitere Motive.
Berlin (dpa) - Sportsenatorin Iris Spranger sprach beim Ende der Olympia-Träume der Hauptstadt vom schrecklichsten Morgen. Der Olympia-Beauftragte Kaweh Niroomand kämpfte mit den Tränen, als der Regierende Bürgermeister Kai Wegner den Rückzug der Berliner Bewerbung neben ihm offiziell machte. «Heute ist ein trauriger Tag für Berlin. Olympische und Paralympische Spiele wären eine Riesenchance für Berlin und für Ostdeutschland gewesen», sagte Wegner (CDU) bei einer Pressekonferenz im Roten Rathaus.
Die Verantwortlichen ziehen zwei Tage vor der Entscheidung über den deutschen Kandidaten zurück. Chancen hatten sie nach den Entwicklungen der letzten Tage keine mehr. Es ist eine schwere Niederlage für die Beteiligten.
«Berlin hat nicht verdient, dort abgewatscht zu werden»
«Was die Verbände von uns verlangt haben, konnten wir ihnen nicht bieten - nämlich politische Stabilität. Wir wollten nicht in Baden-Baden mit einer einstelligen Stimmenanzahl aus der Runde gehen», sagte Niroomand.
«Berlin hat nicht verdient, dort abgewatscht zu werden. Diese Blamage wollen wir uns ersparen.».
Die Metropole wollte sich mit dem Konzept «Berlin+» gemeinsam mit Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern um die Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2036, 2040 oder 2044 bewerben. Als Bewerber verbleiben damit München und Köln-Rhein-Ruhr.
DOSB-Präsident Thomas Weikert zollte den Berlinern Respekt für ihren Entschluss. Es sei «ein großes Zeichen von Fairness und Respekt». Bürgermeister Wegner sagte, man werde nach dem Rückzug zwei Tage vor der Entscheidung keine Wahlempfehlung für München oder den Rivalen von Köln-Rhein-Ruhr aussprechen.
Der CDU-Politiker äußerte aber seine Sympathie für das Modell aus Nordrhein-Westfalen, das den Osten mit Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern einbezieht. «Es sind nicht die Spiele von einem Bundesland», sagte Wegner. Offen bleibt, ob die Berlin-Befürworter unter den Spitzenverbänden diesem Gedanken bei der Abstimmung folgen.
Eralp bleibt bei ihrer Ablehnung der Bewerbung
Für das Scheitern der Bewerbung machten die Berliner Planer hauptsächlich Wahlgewinnerin Elif Eralp (Linke) verantwortlich. Bei der Abgeordnetenhauswahl wurde der schwarz-rote Senat abgewählt. Eralp, die neue Regierende Bürgermeisterin werden könnte, ist Olympia-Gegnerin und hatte bereits den Bewerbungsprozess samt Kosten kritisiert.
Einen Tag nach der Wahl sagte sie dann, dass sich die «Entscheidung erledigt» habe. Sie meinte, die Berliner hätten bei der Wahl auch gegen Olympia gestimmt. Ein Gesprächsangebot habe die Politikerin zunächst abgelehnt, sagte Niroomand, als es dann doch dazu kam, habe sie sich nicht überzeugen lassen.
«Ich habe von ihr nie verlangt, dass sie ihre Position ändern soll. Ich habe mir gewünscht, wenn ich zu Wort gekommen bin, dass sie sich aus Respekt vor der Arbeit und der Abstimmung am Samstag zurückgehalten hätte», ärgerte sich der 73-Jährige. Das habe etwa Spitzenkandidat Werner Graf von den Grünen, die die Bewerbung um Spiele in Berlin ebenfalls ablehnen, getan.
Fehlendes Bürgervotum als Knackpunkt
Am Berliner Konzept habe es jedenfalls nicht gelegen. Da waren sich Wegner, Spranger und Niroomand einig. «Wenn das IOC entscheiden wird, sitzt der wichtigste Player nicht mit am Tisch», zitierte Niroomand aus der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung». Die internationale Strahlkraft war Berlins Trumpf, reichte aber am Ende nicht.
Die Probleme der Bewerbung begannen aber nicht mit den Aussagen von Eralp, die waren eher der letzte Punkt, der sie zum Einsturz brachte. Dass die DOSB-Entscheidung so kurz nach der Wahl angesetzt wurde, war schon vorher als Nachteil für Berlin angesehen worden. Auch an den genauen Kriterien und deren Festlegung hörte man aus Berlin immer wieder Kritik zwischen den Zeilen.
Tatsächlich schnitt die Hauptstadt bei den DOSB-Prüfern vor allem bei einem Punkt schlechter ab als die Konkurrenz, der war aber wesentlich: der fehlende Bürgerentscheid. Dafür hätte die Verfassung der Stadt geändert werden müssen. Da hätten die Grünen aber deutlich gemacht, «sie stehen für eine Verfassungsänderung für Volksbefragungen von oben nicht zur Verfügung», sagte Wegner.
Bewerbung kostete Millionen
So konnte die Hauptstadt schwere als die Konkurrenz nachweisen, wie die Berliner Bevölkerung zu der Bewerbung stand. Umfragen zeigten zuletzt mehrheitlich Zustimmung. Viele Vertreter der Stadtgesellschaft unterstützten das Projekt. Dagegen standen die Gegner von NOlympia, die ein Volksbegehren gegen die Bewerbung herbeiführen wollten. Letztlich war es bezeichnend, dass das Thema im Wahlkampf in der Hauptstadt kaum eine Rolle spielte.
«Das Thema hätte ich mir noch stärker im Wahlkampf gewünscht, das will ich offen zugeben. Aber ich glaube nicht, dass es am Ende des Tages die entscheidende Frage war», sagte Wegner. Sechs Millionen standen für die Bewerbung zur Verfügung. «Eine Million ist in der Sportverwaltung für die Entwicklung des Konzeptes», erklärte Niroomand. Fünf Millionen kamen aus dem Budget der Innensenatorin. «Und von diesen fünf Millionen werden wir knapp eine Million zurückgeben».
Trotz Rückzugs nach Baden-Baden
Das Für und Wider für eine Bewerbung dürfte den Wählern und Wählerinnen aber bewusst gewesen sein. Investitionen in die Zukunft, wichtige Einnahmen für die Wirtschaft und einen Imagegewinn sahen die Befürworter. Milliardenausgaben, die an anderer Stelle dringender gebraucht werden, fürchteten die Kritiker.
Wegner kündigte an, die Delegation werde dennoch nach Baden-Baden reisen, wo am Samstag bei der DOSB-Mitgliederversammlung abgestimmt wird. «Berlin wird sich weiter beteiligen. Wir wollen, dass die Spiele nach Deutschland kommen», sagte der CDU-Politiker.