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Ein Mann aus dem Norden soll die Kirche befrieden

Weißer Rauch in Würzburg: Die Bischöfe haben einen neuen Vorsitzenden gewählt. Er gilt als Reformer, aber dennoch unterscheidet er sich schon bei seinem ersten Auftritt deutlich von seinem Vorgänger.

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Heiner Wilmer, neuer Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz Daniel Löb/dpa

Würzburg (dpa) - Ein paar Worte reichen aus, und alle im Saal wissen, dass jetzt jemand ganz anderer an der Spitze der Deutschen Bischofskonferenz steht. Nicht nur dass Heiner Wilmer mit einem deutlichen norddeutschen Einschlag spricht. Der gebürtige Emsländer hat auch den typischen Prediger-Ton eines Geistlichen. «Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade» sind seine ersten Worte, als er bei der Frühjahrsvollversammlung der katholischen Bischöfe in Würzburg vor die Medien tritt. Das hätte sein Vorgänger Georg Bätzing bei einer solchen Gelegenheit nie so gesagt.

Bätzing, der zur Gruppe der Reformer unter den katholischen Bischöfen zählt, hatte sich nach sechsjähriger Amtszeit nicht mehr zur Wiederwahl gestellt. Zuletzt hatte sich Widerstand gegen ihn formiert. Vor diesem Hintergrund mag die Wahl von Wilmer zunächst überraschen, denn der 64-Jährige gilt ebenfalls als vergleichsweise progressiv. 

Der Neue unterrichtete mal in der Bronx

So werden in Wilmers Bistum Hildesheim auch Leitungsmodelle mit Frauen in Führungspositionen erprobt - in der katholischen Kirche, die Frauen von allen Weiheämtern ausschließt und gern in dienender Funktion sieht, ist allein das schon bemerkenswert. Immer wieder hat sich Wilmer auch für eine Erneuerung der katholischen Sexualmoral ausgesprochen. Die Möglichkeit zur Segnung homosexueller Paare findet er gut. 

Auch kennt er nicht nur Deutschland: Er unterrichtete Deutsch und Geschichte in der New Yorker Bronx und wirkte als Leiter einer Ordensgemeinschaft in Rom. Daneben ist er ein Experte für das Werk der niederländischen Tagebuch-Autorin Etty Hillesum, die 1943 von den Deutschen in Auschwitz ermordet wurde.

Gute Kontakte zum Vatikan

Es gibt aber zwei wichtige Punkte, in denen er sich von seinem Vorgänger unterscheidet. Zum einen verfügt Wilmer anders als Bätzing über gute Kontakte zum Vatikan. Der bekannte Kirchenrechtler Thomas Schüller beschreibt ihn als «katholischen Weltenbürger». Wilmer spreche alle in der katholischen Welt relevanten Sprachen, sei bestens in Rom vernetzt und dort sehr anerkannt. Das war eine der wichtigsten Anforderungen an den neuen Vorsitzenden, denn das Verhältnis zum Vatikan ist in den letzten Jahren arg strapaziert worden. 

Die Deutschen waren auf Reformkurs gegangen - und das aus römischer Sicht mit solcher Entschiedenheit, dass der frühere Papst Franziskus einmal mahnte, eine evangelische Kirche gebe es in Deutschland ja schon, eine zweite brauche man nicht. 

Das große Dilemma: Was für den Papst und seine Kardinäle schon fast wie eine zweite Reformation wirkt, ist in den Augen der meisten deutschen Katholiken noch immer viel zu wenig. Umfragen haben das immer wieder belegt. Gerade ältere Katholikinnen, an denen die ganze praktische Gemeindearbeit oft hängt, haben es vielfach satt, immer nur vertröstet zu werden. Sie wollen endlich mehr Gleichberechtigung in der Kirche - oder sind bereit, selbst in fortgeschrittenem Alter noch die Konsequenzen zu ziehen und auszutreten. 

Verfeindete Lager in der Bischofskonferenz

Der zweite entscheidende Unterschied zu Bätzing ist: Wilmer tritt nicht auf wie ein Politiker, sondern eben wie ein Geistlicher. Das dürfte den Konservativen unter seinen Mitbrüdern entgegenkommen.

Die Wahl von Wilmer sei ein intelligentes Signal, weil sie eine doppelte Botschaft sende, analysiert der Theologe Daniel Bogner: Er gelte zwar durchaus als Reformer, «aber eben als einer, der aus geistlichen Quellen schöpft». Die deutschen Bischöfe hätten damit einen schwierigen Spagat bewältigt. «Die Wahl steht sowohl für Erneuerung wie auch für eine Einbindung der deutschen Kirche in den Weltkatholizismus und eine Anbindung an die Tradition. Man könnte sagen: typisch katholisch, diesmal im guten Sinne.»

Ähnlich fällt die Beurteilung durch Schüller aus: «Als in gutem Sinn frommer Ordensmann kommt für ihn zuerst das Evangelium, dann die Struktur. Ihm ist zuzutrauen, dass er mit seinem ruhigen, geistlichen und ausgleichenden Wesen die tiefen Gräben zwischen den verfeindeten Lagern in der Deutschen Bischofskonferenz auffängt und verkleinert.»

Der neue Vorsitzende könnte vielen zu esoterisch und zu vage sein

Allerdings birgt Wilmers mitunter salbungsvoller Ton auch ein Risiko. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Sprache der Theologen schon jetzt nur noch von wenigen verstanden wird. Bätzing hat sich von diesem Prediger-Deutsch immer abgehoben und war auch deshalb in den Medien präsent. Wilmer sagte in Würzburg Sätze wie: «Meine Hauptaufgabe sehe ich darin, Gott ins Zentrum zu stellen.» Und: «Ich freue mich auf die Überraschung des Heiligen Geistes.» Vielen könnte das zu spirituell, zu esoterisch, zu vage sein. Auf seinen Stil angesprochen, sagte er: «Ich kann nicht anders.»

Aber vielleicht kann er doch, vielleicht muss er sich nur noch trauen. Eines seiner Bücher trägt den durchaus provozierenden Titel «Gott ist nicht nett. Ein Priester auf der Suche nach dem Sinn». Und in Würzburg sagte er an einer Stelle über die Katholiken im Bistum Hildesheim: «Für uns im Zentrum steht die Verkündigung des Evangeliums, und wir machen das mit Frische und mit Schmackes, und gehen dabei manchmal über'n Deich, mit 'ner steifen Brise im Haar.» An der Stelle, immerhin, bekam er dann doch ein paar Lacher.

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