Nach tödlichem Surfunfall - Suche nach Lösung für die Welle
Die legendäre Surfwelle in München ist zum Politikum geworden. Nach dem tödlichen Unfall, heimlichen Einbauten und Surfverbot köchelt es in der Szene. Der neue OB Krause sieht auch rechtliche Fragen.
München (dpa) - Grünes Wasser, Surfer, die elegant auf der Welle reiten – und Besucher aus aller Welt, die eifrig Fotos schießen. Der Eisbach in München hat sich über Jahrzehnte zu einem international bekannten Spot entwickelt. Münchner Surfer zählten Mitte der 1970er Jahre zu den Pionieren des Flusssurfens, weit weg vom Meer: Ein Surferparadies mitten in der Stadt. Trotz der intensiven Nutzung - im Sommer ebenso wie im Winter und oft bis tief in die Nacht - wurden lange keine schweren Unfälle bekannt. Bis vor einem Jahr. Nach einem Unfall starb eine 33-jährige, erfahrene Surferin.
Die Surferszene steht seitdem unter Schock. Die Welle wurde gesperrt. Seither gibt es immer neue Probleme. Der Surfbetrieb lief nur zeitweise - und nicht mehr unbeschwert wie zuvor. Derzeit suchen Stadt und Surfer nach einer sicheren Lösung. «Der tragische Unfall hat die rechtliche Situation an der Welle verändert», sagt der neugewählte Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne). Die Stadt sei verpflichtet, unter den gegebenen Umständen die Verkehrssicherheit herzustellen.
Ziel bleibe, das Surfen wieder zu ermöglichen. Er hoffe auf eine Lösung bis zu den Sommerferien, bekräftigte Krause zum Jahrestag des Unglücks.
Was an dem Abend geschah
Wie so oft wird auch am späten Abend des 16. April 2025 auf dem reißenden Eisbach gesurft. Die 33-Jährige ist mit ihrem Lebensgefährten da. Als sie vom Board ins Wasser fällt, verfängt sich ihre am Knöchel befestigte Sicherheitsleine unter Wasser. So berichtet es später die Staatsanwaltschaft.
Der Lebensgefährte hört demnach gegen 23.28 Uhr Hilfeschreie und sieht, wie seine Freundin unter Wasser verschwindet. Vergeblich versucht er, sie zu befreien - die Strömung ist zu stark. Passanten setzen einen Notruf ab. Bis die Frau mit Hilfe der Feuerwehr geborgen werden kann, vergehen rund 30 Minuten. Eine Woche kämpfen die Ärzte um ihr Leben. Sie stirbt am 23. April im Krankenhaus.
Wiedereröffnung mit Überwachung
Nach mehrwöchiger Sperrung während der staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gibt Oberbürgermeister Dieter Reiter das Surfen Ende Juni wieder frei. Laut «Süddeutscher Zeitung» wird das jetzt von Sicherheitsleuten überwacht, die auch Unfälle dokumentieren. Mehrfach, so schreibt die Zeitung unter Berufung auf ein für die Stadt erstelltes Dossier, habe der Krankenwagen anrücken müssen; etwa weil sich Surfer am Kopf verletzten.
Die Szene betonte stets, der Sport generell sei weitgehend ungefährlich. Aber, so ein Insider, es gebe kaum einen Surfer, «der noch nie ein Brett ins Gesicht gekriegt hat». Tödliche Unfälle blieben aber die Ausnahme. Etwa 2016 starb ein Surfer Medien zufolge in Österreich. Auch er war mit der Sicherungsleine hängen geblieben.
Die sogenannte Leash als Gefahr ist bekannt. An vielen künstlichen oder halbkünstlichen Wellen ist eine selbstauslösende Leash Pflicht; etwa an der von der Interessengemeinschaft Surfen in München (IGSM) betreuten Welle an der Floßlände oder an der Leinewelle in Hannover.
Welle weg - Surfer fordern Handeln
Im Herbst nach der turnusmäßigen Reinigung des Bachbetts am Eisbach ein neues Problem: Die Welle ist weg. Seit Monaten wird nun diskutiert, wie sie wieder stabil surfbar gemacht werden kann.
Im Februar verbot die Stadt das Surfen komplett. Grund war laut Umweltreferat eine neue gefährliche kleine Welle am Uferrand. Der Rest des Eisbachs sei ein lebensgefährliches sogenanntes Tosbecken mit Weißwasser. Da auf der kleinen Welle dennoch gesurft wurde, habe die Stadt handeln müssen.
Die Welle ist inzwischen ein Politikum, sie war ein wichtiges Thema im Kommunalwahlkampf. Seit Wochen laufen Versuche eines Strömungsexperten gemeinsam mit den Vertretern der Surf-Community zur Wiederherstellung der Welle. Ein «finaler Vorversuch» wurde laut Umweltreferat Ende März bei zu niedrigem Wasserstands verschoben.
Die Szene ist ungeduldig. Gut eine Woche nach dem geplatzten Versuch war an Ostern plötzlich die Welle da, einen Tag lang wurde trotz Verbots gesurft. Einmal mehr war dem Vernehmen nach unerlaubt ein Einbau installiert worden, um die Welle zu provozieren - wie schon früher. Dieses Mal wirkte es fast wie ein Appell: Seht her, es geht – einfach und schnell.
Längst gibt es in mehreren Städten künstliche Wellen - Expertise ist da. «In zwei Stunden wäre die Sache erledigt, und der Oberbürgermeister wäre ein Problem los», sagte der Präsident des Surf Club München, Martin Grün an Ostern.
Doch die Lösung muss sicher sein. Die Sorge, dass wieder etwas passiert, ist groß.
Unfallursache bleibt ungeklärt
Bis heute ist nicht geklärt, wie es zu dem tödlichen Unfall kam. Zur Ursachenforschung wurde das Wasser abgesenkt, Taucher stiegen ins Wasser. Zu sehen waren Störsteine - gefährliche Hindernisse wurden nicht gefunden.
Die Staatsanwaltschaft München I stellte ihre Ermittlungen im Juni ein, sie sah kein Fremdverschulden. «Denkbar, aber nicht mit Sicherheit feststellbar ist, dass sich die Surferin mit ihrem Surfbrett oder ihrer Leash an einem der 29 Störsteine verhakte, durch die unter Spannung stehende Leash in der Welle gefangen war und durch die Strömung unter Wasser gedrückt wurde», teilte die Behörde mit. «Allein die Duldung des Surfens auf der Eisbachwelle durch die Landeshauptstadt begründet keine strafrechtliche Verantwortung für den Todesfall.»
Viele Jahre gab es um die Surfwelle Gerangel. Die früher zuständige Schlösser- und Seenverwaltung wollte das Surfen wegen Sicherheitsbedenken nicht erlauben. In dem reißenden Gewässer gab es tödliche Unfälle, wenngleich nicht mit Surfern. Die Wassersportler kämpften hartnäckig – bis endlich das Gelände der Stadt übertragen wurde, die das Surfen gemäß einer Allgemeinverfügung von 2010 duldete - auf eigenes Risiko.
Knackpunkt Haftung
Wenn nun offiziell mit baulichen Maßnahmen die Welle hergestellt wird, stellt sich verstärkt die Frage nach der Haftung. Die Welle könnte dann zur Sportstätte werden. Jemand müsste wohl die Verantwortung übernehmen - so wie es bei anderen künstlichen oder halbkünstlichen Wellen Vereine tun.
Der Surf Club München lehnt laut Präsident Grün eine dauerhafte Haftung am Eisbach ab. Also die Stadt? Beim Umweltreferat heißt es: «Erst wenn eine technische Lösung gefunden und die Welle wieder surfbar ist, können künftige Nutzungs- und Haftungskonzepte sinnvoll betrachtet werden.»