Debatten und Videos: Neue Prüfungskultur an Bayerns Schulen
Das Kultusministerium reformiert die Leistungsnachweise. Die verhassten «Exen» bleiben, doch neue Formate kommen hinzu. Was Schüler und Lehrkräfte erwartet - und welche Rolle KI dabei spielt.
München (dpa/lby) - Die Prüfungskultur in Bayerns Schulen wird modernisiert. Künftig dürfen Lehrkräfte neue Formate wie Debatten, Erklärvideos oder E-Portfolios als Leistungsnachweis nutzen. Herkömmliche Formen der Leistungserhebung wie Schulaufgaben bleiben aber ein wichtiger Bestandteil des bayerischen Schulsystems, wie das Kultusministerium in München betont. Ergänzend würden ab dem neuen Schuljahr jedoch Spielräume für innovative, digitale und lebensweltorientierte Leistungsnachweise geschaffen.
So könnten aktuelle Entwicklungen in der modernen Lebens- und Berufswelt noch besser in der Schule abgebildet werden, heißt es zur Begründung. Ferner sollen auch Lern- und Prüfungskompetenzen gestärkt und regelmäßige «lernförderliche Rückmeldungen» mit individuellen Vorschlägen zum Lückenschließen fester Bestandteil des Lernprozesses werden. Dafür dürfen und sollen die Lehrkräfte auch KI einsetzen. Auch gibt es etwa Lernbots, die die Jugendlichen durch gezielte Fragen im Denk- und Lernprozess unterstützen.
Weniger verpflichtende Leistungsnachweise
Zudem wird die Zahl der verpflichtenden Leistungserhebungen in einem moderaten Umfang reduziert. So sind in der Realschule künftig nur noch mindestens zwei statt drei kleine Leistungsnachweise pro Halbjahr vorgeschrieben. Auf dem Gymnasium reduziert sich die Zahl der verpflichtenden Schulaufgaben in Deutsch in den Klassenstufen fünf bis acht sowie in Mathematik in der Jahrgangsstufe neun auf mindestens drei statt vier.
Zugleich ist den Verantwortlichen wichtig zu betonen, dass der Freistaat am bisherigen Qualitäts- und Leistungsanspruch festhalte. Bayern setzt bislang im Vergleich zu vielen anderen Bundesländern stark auf traditionelle Prüfungsformen mit einer Fülle von Schulaufgaben, Tests und Abfragen. Speziell die unangekündigten «Exen» sind bei Schülerinnen und Schülern unbeliebt bis gefürchtet.
Bewegung in die öffentliche Debatte über eine zeitgemäße Prüfungskultur hatte eine Schülerin gebracht, deren Petition zur Abschaffung der «Exen» sich bislang fast 60.000 Menschen anschlossen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sprach jedoch ein Machtwort und schloss eine generelle Abschaffung dieser unangekündigten Stegreifaufgaben und Abfragen kategorisch aus. Später lehnte der Bildungsausschuss des Landtages die Petition mit den Stimmen von CSU, Freien Wählern und AfD ab. Die gesellschaftliche Diskussion war damit aber nicht beendet.
Künstliche Intelligenz verändert das Lernen - und die Prüfungen
Und auch im Kultusministerium ging der bereits zuvor angestoßene Überarbeitungsprozess weiter. Einer der Treiber: KI. «Die Herausforderungen durch die Künstliche Intelligenz und den digitalen Wandel in all seinen Facetten nehmen in nahezu allen Lebensbereichen rasant zu», erläutert Kultusministerin Anna Stolz (Freie Wähler). «Um in der Lebens- und Berufswelt der Zukunft bestehen zu können, brauchen unsere Schülerinnen und Schüler heute mehr denn je die Fähigkeit, Gelerntes anzuwenden, Informationen kritisch zu hinterfragen, eigenständig zu denken und zu urteilen und verantwortungsvoll mit digitalen Technologien umzugehen.»
Diese Kompetenzen müssten sich nicht nur im Unterricht, sondern auch in den Prüfungen widerspiegeln. Die Fachleute im Ministerium griffen deshalb auf praxiserprobte Konzepte und Schulversuche zurück, um neue und vor allem auch rechtssichere Prüfungsformen mit unterschiedlichen Schwerpunkten für die einzelnen Schularten zu ermöglichen.
Debatten, Videos und Podcasts
Beispielsweise gilt in der Realschule künftig auch eine «Debatte» als Leistungsnachweis. Das könnte etwa in einer achten Klasse folgendermaßen aussehen: Die Debatte wird eine Woche vorher angekündigt, ebenso das Rahmenthema «Klimawandel». Mit Hilfe von Chatbots bereiten sich die Schülerinnen und Schüler vor, suchen Argumente, lassen sich mit Gegenargumenten konfrontieren, erarbeiten plakative Formulierungen.
In der Prüfungsstunde bekommen sie dann die Streitfrage gestellt: Sollen Fernreisen mit dem Flugzeug zum Schutz des Klimas teurer werden? Je zwei Jugendliche sollen dabei die Pro- beziehungsweise Contra-Position vertreten. In einer Eröffnungsrunde begründet jeder Debattenteilnehmer seinen Standpunkt. Es folgt eine freie Aussprache und eine Schlussrunde mit einer erneuten Begründung des eigenen Standpunkts unter Bezugnahme auf die Argumente der anderen.
Weitere Möglichkeiten wären ein Erklärvideo im YouTube-Stil, in der eine siebte Mittelschulklasse auf Englisch ihre Heimatstadt vorstellt. Oder ein Podcast zu einem mathematischen Thema in der Grundschule. Im Gymnasium liegt der Schwerpunkt auf prozessorientiertem Schreiben: Die Jugendlichen schreiben einen Aufsatz, bekommen dazu eine Rückmeldung und führen einen zweiten Schreibdurchgang durch. Beide Arbeiten zusammen bilden die Gesamtnote, in die auch einfließt, ob die Rückmeldung konstruktiv eingearbeitet wurde. Dies soll die Jugendlichen ebenso wie die Debatte explizit auf das Berufsleben vorbereiten.